
Steinmeier greift im Koalitionsstreit über Gesundheit, Rente und Steuern ein
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier führte Krisentelefonate mit Vizekanzler Lars Klingbeil und Innenminister Alexander Dobrindt, nachdem Streit über Sozialreformen und Steuerpolitik ausgebrochen war.
Eingreifen des Bundespräsidenten
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier führte am Dienstag getrennte Telefonate mit Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Innenminister Alexander Dobrindt (CSU). Den Gesprächen war ein kurzes Treffen Steinmeiers mit Kanzler Friedrich Merz (CDU) am Montag in Karlsruhe anlässlich des 75. Jahrestags des Bundesverfassungsgerichts vorausgegangen. Das Staatsoberhaupt hält sich normalerweise aus dem Kabinettsgeschäft heraus, doch die wachsenden Reibungen innerhalb der Koalition aus CDU/CSU und SPD veranlassten den Vorstoß. Das Bundespräsidialamt wollte sich öffentlich nicht dazu äußern, während aus Regierungskreisen bestätigt wurde, dass die Gespräche stattfanden.
- Die Koalitionsspitzen einigen sich auf ein verknüpftes Paket aus Steuer-, Renten- und Arbeitsmarktreformen.
- Steinmeier trifft Merz beim Jubiläum des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe.
- Steinmeier telefoniert mit Klingbeil und Dobrindt über die Stabilität der Koalition.
- Das Kabinett billigt eine erste Stufe der Pflegeversicherungsreform und verweist Streitpunkte an eine Kommission.
- Das Kanzleramt stoppt den Zuckersteuer-Entwurf, während CDU/CSU mit der Blockade der Einkommensteuerreform droht.
Streit über Pflegereform und Zuckersteuer
Der Vorstoß erfolgte, während die Koalition über Gesundheits- und Steuerpolitik stritt. Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) legte eine Reform der Pflegeversicherung vor, auf die die SPD mit Widerstand reagierte und Kostendeckel sowie Finanzbeiträge privat versicherter Bürger forderte. Das Bundeskabinett billigte am Mittwoch eine erste Stufe der Pflegemaßnahme, nachdem man sich darauf verständigt hatte, strittige Punkte an eine eigene Kommission zu verweisen und eine dauerhafte Regelung aufzuschieben. Die Spannungen verschärften sich am Donnerstag weiter, als das Kanzleramt einen von Klingbeil vorgelegten Entwurf für eine Zuckersteuer stoppte. Führende SPD-Minister fehlten häufig an den Verhandlungstischen, was die Gespräche der Koalition auf höchster Ebene zusätzlich erschwerte.
Rentengesetzgebung und Haushaltsstreitigkeiten
Die Auseinandersetzungen verschärften sich, als die Fraktionsspitzen von CDU/CSU erwogen, Klingbeils Einkommensteuerreform im Bundestag zu blockieren, bis Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas (SPD) Gesetzentwürfe zu Rente und Arbeitsmarkt vorlegt. Die Steuergesetzgebung soll nächste Woche erstmals im Parlament beraten werden und sieht höhere Steuern für Spitzenverdiener vor, was die Union im Juli im Rahmen eines Gesamtpakets im Gegenzug für Zugeständnisse bei Arbeitsmarkt und Rente akzeptiert hatte. Unionsabgeordnete forderten zugleich eine breitere Entlastung bei der Einkommensteuer, ließen aber die Finanzierung offen. Bas ist seit zwei Wochen nach einem Trauerfall nicht im Amt und wird voraussichtlich auch am Koalitionsausschuss nächste Woche nicht teilnehmen. Ihr Ministerium erklärte, die Mitarbeiter arbeiteten unter hohem Druck weiter an den Gesetzentwürfen zu Rente und Arbeitszeit.
Zunächst einmal ist der Gesetzentwurf von Bärbel Bas notwendig, um konkret verhandeln zu können.
Arbeitsmarktvorhaben und Widerstand in den Ländern
Zu den umstrittenen Arbeitsmarktvorschlägen gehört, die Höchstdauer sachgrundlos befristeter Arbeitsverträge von zwei auf vier Jahre zu verlängern. Das Paket sieht zudem eine Lockerung des Kündigungsschutzes für Beschäftigte mit einem Bruttojahresgehalt von mehr als 177.000 Euro vor. Unionsvertreter drängten Bas im Sommer und in der vergangenen Woche wiederholt, die Entwurfstexte vorzulegen. Zugleich stießen die Pläne, die abschlagsfreie Frühverrentung nach 45 Beitragsjahren – bekannt als Rente mit 63 – abzuschaffen, auf Widerstand innerhalb der SPD sowie auf Ablehnung bei drei ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten: Sven Schulze aus Sachsen-Anhalt, Michael Kretschmer aus Sachsen und Mario Voigt aus Thüringen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Matthias Miersch betonte, die Partei bestehe darauf, dass Reformen nicht allein als Kürzungen wahrgenommen würden.
Unseren Ministerpräsidenten ging es vor allem darum, dass Menschen, die nach 45 Beitragsjahren aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können, nicht im Stich gelassen werden.
- Aktuelle Grenze
- 2 Jahre
- Geplante Grenze
- 4 Jahre
Nächste Schritte im Koalitionsausschuss
Kanzler Merz sagte gegenüber Unternehmensvertretern, Deutschland müsse bei der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts aufholen. Der Koalitionsausschuss will die Arbeitsmarktgesetzgebung nächste Woche beraten, einschließlich der vereinbarten Übergangsfristen und individuellen Schutzrenten.

