Bundeskanzler Friedrich Merz und Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva haben am Montag in Hannover die dritte Runde der deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen abgeschlossen. Im Fokus standen neben dem EU-Mercosur-Handelsabkommen auch sicherheitspolitische Differenzen gegenüber den USA sowie die Sicherung kritischer Rohstoffe. Beide Seiten unterzeichneten im Schloss Herrenhausen mehrere Absichtserklärungen zur Zusammenarbeit bei künstlicher Intelligenz, Rüstung und Klimaschutz.
Stärkung der Wirtschaftsbeziehungen
Das EU-Mercosur-Abkommen soll am 1. Mai 2026 vorläufig in Kraft treten, um Zölle abzubauen und das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Brasilien zu verdoppeln.
Kooperation bei kritischen Rohstoffen
Brasilien verfügt über bedeutende Reserven an Niob, Graphit und Seltenen Erden; Lula fordert jedoch mehr lokale Verarbeitung statt reiner Exporte.
Geopolitische Spannungen
Präsident Lula kritisierte US-Präsident Trump scharf für den Ausschluss Südafrikas aus der G20 und forderte Deutschland zur gemeinsamen diplomatischen Intervention auf.
UN-Reformbestrebungen
Sowohl Merz als auch Lula bekräftigten ihren Anspruch auf ständige Sitze für ihre Länder im UN-Sicherheitsrat.
Bundeskanzler Friedrich Merz und der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva haben am Montag in Hannover die dritten deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen abgehalten. Unter dem Gipfelmotto „Gemeinsam für inklusives Wachstum, Beschäftigung, Frieden und Sicherheit“ vereinbarten beide Seiten im Schloss Herrenhausen eine Vertiefung ihrer strategischen Partnerschaft in den Bereichen Handel, Rohstoffe, Klimaschutz, künstliche Intelligenz und Rüstung. Merz bezeichnete die Partnerschaft als „stark“ und „dynamisch“; ihre Nähe sei „in einer Zeit, in der sich die Weltordnung so grundlegend wandelt, notwendiger denn je“. Das Treffen fand zeitgleich mit der Eröffnung der Hannover Messe statt, bei der Brasilien in diesem Jahr als Partnerland auftritt. Merz formulierte das Ziel, das bilaterale Handelsvolumen mit Brasilien „in den nächsten Jahren“ zu verdoppeln. Zudem einigten sich beide Seiten auf die Wiederaufnahme der Verhandlungen über ein Doppelbesteuerungsabkommen. Die Hannover Messe bot beiden Staatschefs eine gemeinsame Bühne und unterstrich die wirtschaftlichen Ambitionen der Konsultationen.
EU-Mercosur-Abkommen bereitet Weg für Handelsaufschwung Zentraler Punkt der wirtschaftlichen Agenda war das bevorstehende vorläufige Inkrafttreten des EU-Mercosur-Freihandelsabkommens am 1. Mai 2026, das beide Politiker als Fundament für eine erweiterte Kooperation begrüßten. Merz bezeichnete es als „gemeinsamen Erfolg unserer Partnerschaft“. Das Abkommen sei ein Bekenntnis zu einer regelbasierten, multilateralen Wirtschaftsordnung mit „so wenig Zöllen wie möglich – idealerweise gar keinen“. Lula präsentierte Brasilien als zuverlässigen Lieferanten kritischer Rohstoffe. Er wies darauf hin, dass bisher erst etwa 30 (Prozent des kartierten Mineralpotenzials Brasiliens) — Anteil des kartierten Mineralpotenzials Brasiliens des mineralischen Potenzials Brasiliens kartiert seien. Dennoch verfüge das Land bereits über die weltweit größten Reserven an Niob, die zweitgrößten an Graphit und Seltenen Erden sowie die drittgrößten Reserven an Nickel. „Diese Rohstoffe müssen als Motor für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung dienen.” — Luiz Inácio Lula da Silva via Reuters Lula forderte einen verstärkten Technologietransfer und den Aufbau von Verarbeitungskapazitäten in Brasilien, anstatt Rohstoffe ohne Wertschöpfung zu exportieren. Beide Seiten vereinbarten zudem eine engere Zusammenarbeit bei Ethanol als Kraftstoff. Merz hob Brasiliens Vorreiterrolle bei synthetischen Kraftstoffen hervor und versprach, sich innerhalb der EU für weitere Lockerungen des sogenannten Verbrennerverbots einzusetzen. Deutschland dankte Brasilien zudem für die Unterstützung seiner Bewerbung um einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat.
Lula kritisiert Trump wegen G20-Ausschluss und Iran-Krieg Lula nutzte die Plattform in Hannover für deutliche Kritik an der Außenpolitik von US-Präsident Donald Trump. Er verurteilte Trumps Entscheidung, Südafrika vom kommenden G20-Gipfel in Florida auszuschließen. Er habe dem südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa geraten, dennoch teilzunehmen. „Wenn man heute Südafrika rauswirft, wird morgen Deutschland rausgeworfen, wird Brasilien rausgeworfen.” — Luiz Inácio Lula da Silva via Der Tagesspiegel Lula rief die Bundesregierung auf, gemeinsam mit ihm auf eine Einladung Südafrikas zu dringen. Trump hatte angekündigt, Südafrika nicht zu dem Gipfel in seinem Hotel Trump National Doral Miami einzuladen, und warf dem Land einen Völkermord an weißen Farmern vor – eine Darstellung, die Experten und die südafrikanische Regierung entschieden zurückweisen. Bereits am Tag vor den Konsultationen hatte Lula den Krieg der USA und Israels gegen den Iran als „Wahnsinn“ bezeichnet. Merz und Lula forderten zudem gemeinsam eine Reform der Vereinten Nationen, einschließlich ständiger Sitze im Sicherheitsrat für Deutschland und Brasilien – ein langgehegtes Ziel beider Länder, das in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt am Vetorecht der fünf derzeitigen ständigen Mitglieder scheiterte.
Deutschland und Brasilien pflegen seit Jahren Regierungskonsultationen als strukturiertes diplomatisches Format; das Treffen am Montag war die dritte derartige Runde. Das EU-Mercosur-Handelsabkommen wurde mehr als zwei Jahrzehnte lang verhandelt. Der UN-Sicherheitsrat hat seit seiner Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg fünf ständige Mitglieder – die USA, China, Russland, Großbritannien und Frankreich –; alle Reformbemühungen scheiterten bislang am Veto dieser Mächte. Brasilien positioniert sich seit langem als führende Stimme des Globalen Südens sowie für multilaterale Reformen.
Bratwurst-Diplomatie: Lula verlässt Hannover mit einem Bedauern Die Konsultationen endeten mit einer persönlichen Note, als Lula eine Enttäuschung ansprach: Es sei ihm nicht gelungen, eine Bratwurst an einer Imbissbude zu essen. Diesen Wunsch hatte Lula bereits vor der Abreise im Interview mit dem Spiegel geäußert. Er erinnerte sich daran, bei einem früheren Besuch unter Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Wurst an einem Stand gekauft zu haben. Merz reagierte prompt und ließ die Küche von Schloss Herrenhausen vor dem festlichen Mittagessen eine „Auswahl an Wurstspezialitäten“ zubereiten, darunter Currywurst vom Rind, eine grobe Rindswurst und eine Schweinebratwurst, wie ein Regierungssprecher mitteilte. „Das Einzige, was ich bedauere, ist, dass ich an keiner Straße vorbeigekommen bin, an der es einen Imbisswagen mit Bratwürsten gab.” — Luiz Inácio Lula da Silva via ZEIT ONLINE Der 80-jährige brasilianische Präsident wandte sich auf der Pressekonferenz direkt an Merz: „Vielleicht bringen Sie mir eine Portion Bratwurst mit, wenn Sie nach Brasilien kommen.“ Für Irritationen auf der Hannover Messe sorgte zudem, dass sich die beiden Regierungschefs während des traditionellen Kanzlerrundgangs kurzzeitig trennten – ein Abweichen vom Protokoll, das Messevertreter als beispiellos bezeichneten. Aus Regierungskreisen hieß es jedoch, man habe einvernehmlich entschieden, getrennte Stände zu besuchen, um nach einer zeitlichen Verzögerung durch die brasilianische Delegation mehr Gelände abdecken zu können. Merz beschrieb seine Hoffnungen für die bilaterale Beziehung mit einer historischen Metapher und erinnerte daran, dass das erste Volkswagen-Werk außerhalb Deutschlands in Brasilien gebaut wurde. „So zuverlässig, wie der Käfer über Jahrzehnte über die Straßen rollte, so zuverlässig wünsche ich mir unsere Partnerschaft und unsere Zusammenarbeit.” — Friedrich Merz via Handelsblatt
Mentioned People
- Friedrich Merz — 10. kanclerz Republiki Federalnej Niemiec od 6 maja 2025 roku
- Luiz Inácio Lula da Silva — prezydent Brazylii od 2023 roku
- Donald Trump — 47. prezydent Stanów Zjednoczonych
- Cyril Ramaphosa — prezydent RPA od 2018 roku
- Angela Merkel — była kanclerz Niemiec
Sources: 30 articles
- "Noch nie erlebt": Kanzler Merz und Präsident Lula auf Hannover Messe getrennt unterwegs (tagesschau.de)
- Germany turns to Brazil as US ties fray (POLITICO)
- Rüstung und Rohstoffe: Merz und Lula vertiefen Partnerschaft (Süddeutsche Zeitung)
- Rüstung und Rohstoffe: Merz und Lula vertiefen Partnerschaft (stern.de)
- Regierungskonsultationen: Rüstung und Rohstoffe: Merz und Lula vertiefen Partnerschaft (Der Tagesspiegel)
- Hannover Messe 2026: Merz will engere Beziehungen zu Brasilien (Handelsblatt)
- Lula und Merz: Deutsch-brasilianischer Schulterschluss (Süddeutsche Zeitung)
- Regierungskonsultationen: Lula bekommt seine Currywurst - aber nicht vom Imbiss (ZEIT ONLINE)
- Dritte Regierungskonsultation: Deutschland und Brasilien wollen Partnerschaft in Klimaschutz, KI und Rüstung vertiefen (N-tv)
- Merz: Beziehungen mit Brasilien zuverlässig wie ein VW Käfer (stern.de)