
Deutsche Pflegeversicherung steht vor 4,4-Milliarden-Euro-Defizit – Mittel versiegen im Oktober
Die gesetzliche Pflegeversicherung in Deutschland wird ihren flüssigen Mitteln zufolge im Oktober 2026 ausgehen, sodass für 2027 ein ungedeckter Finanzbedarf von zehn Milliarden Euro entsteht, da die Ausgaben die Beitragseinnahmen übersteigen.
Akutes Defizit in der Pflegeversicherung
Die gesetzliche Pflegeversicherung in Deutschland wird ihre flüssigen Mittel bis Oktober 2026 aufbrauchen, was bis Jahresende ein geschätztes Minus von 500 Millionen Euro verursacht. Der GKV-Spitzenverband legte seine Finanzprognose am Montag, dem 31. August 2026, vor. Das prognostizierte Jahresdefizit beläuft sich auf 1,2 Milliarden Euro – selbst nach Berücksichtigung eines als Notmaßnahme gewährten Bundesdarlehens in Höhe von 3,2 Milliarden Euro. Ohne das Darlehen beträgt das zugrunde liegende Gesamtdefizit für 2026 4,4 Milliarden Euro. GKV-Vorstandsvorsitzender Oliver Blatt erklärte, die Ausgaben stiegen fast dreimal so schnell wie die Einnahmen. Für 2027 prognostiziert der Verband einen ungedeckten Finanzbedarf von zehn Milliarden Euro, bestehend aus einem erwarteten strukturellen Defizit von 7,5 Milliarden Euro sowie notwendigen Liquiditätsreserven.
Wenn die Politik nicht bald das Steuer herumreißt, haben wir ein eklatantes Problem.
Kostenexplosion und demografischer Druck
Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Ausgaben der Pflegeversicherung im Jahresvergleich um 11 % auf 39,5 Milliarden Euro, während die Beitragseinnahmen um 3,9 % auf 36,7 Milliarden Euro wuchsen. Die Gesamteinnahmen des Halbjahres erreichten 38,7 Milliarden Euro – ein Betrag, der bereits die erste Rate des Bundesdarlehens in Höhe von 1,6 Milliarden Euro enthält. Die Jahresausgaben steuern auf rund 80 Milliarden Euro zu, verglichen mit 31 Milliarden Euro im Jahr 2016. Haupttreiber dieser Ausgabensteigerung ist die steigende Zahl der Leistungsempfänger. Rund sechs Millionen Menschen beziehen inzwischen Pflegeleistungen, ein Anstieg um 370.000 Personen oder 6,5 % im Vergleich zum Vorjahr. Etwa 85 % der Empfänger, rund 5,2 Millionen Menschen, werden ambulant zu Hause versorgt. Die Gesamtzahl der Leistungsbezieher hat sich seit 2017 verdoppelt, als die Anspruchsvoraussetzungen durch eine Gesetzesreform ausgeweitet wurden.
- Ausgaben
- 39.5 Mrd. Euro
- Gesamteinnahmen
- 38.7 Mrd. Euro
- Beitragseinnahmen
- 36.7 Mrd. Euro
- 2017
- 3 Mio. Menschen
- 2026
- 6 Mio. Menschen
Forderungen an den Bundeshaushalt
Zur kurzfristigen Stabilisierung der Kassen forderte der GKV-Spitzenverband die Bundesregierung auf, 5,2 Milliarden Euro an pandemiebedingten Kosten zu erstatten. Während der Coronavirus-Pandemie übernahmen die Pflegekassen nicht versicherungsfremde Ausgaben wie Tests in Pflegeheimen, Schutzausrüstung und Bonuszahlungen für das Personal, die nur teilweise aus Steuermitteln erstattet wurden. Der Verband forderte die Bundesregierung zudem auf, die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu übernehmen, anstatt sie über Versicherungsbeiträge zu finanzieren. In stationären Einrichtungen liegen die monatlichen Eigenanteile der Bewohner im ersten Jahr durchschnittlich bei weit über 3.000 Euro. Der GKV wies darauf hin, dass eine Übernahme der Investitionskosten für Pflegeheime durch die Länder die Eigenanteile der Bewohner sofort um rund 500 Euro pro Monat senken würde.
Reformfahrplan und Leistungsschutz
Trotz der prognostizierten Liquiditätserschöpfung im Oktober stellte der Verband klar, dass die Pflegeleistungen geschützt bleiben und die Zahlungen an die Leistungsempfänger nicht eingestellt werden. Sollten die gesetzlichen Kassen kein Bargeld mehr haben, kann die Bundesanstalt für Soziales (BAS) dem Ausgleichsfonds Notliquidität zuführen. Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann plant, im September 2026 einen Entwurf für eine Pflegereform ins Bundeskabinett einzubringen. Die Initiative folgt einem früheren Reformentwurf, den die ehemalige Gesundheitsministerin Nina Warken im Juni vorgelegt hatte; sie ist inzwischen ins Bundeskanzleramt gewechselt. Das gesetzliche Pflegesystem umfasst knapp 75 Millionen Versicherte in Deutschland.
Die Pflege kann nicht pleitegehen.
