Kurz gefasst
Am 20. Oktober 2026 stimmte das Abgeordnetenhaus in Bengasi einstimmig für die Ratifizierung des Memorandums, das die Türkei im November 2019 mit der in Tripolis ansässigen Regierung der Nationalen Einheit unterzeichnet hatte.
Parlamentssprecher Abdullah Bliheg erklärte, die Abgeordneten hätten die Resolution von 2020 gegen Abkommen mit der Türkei sowie jene über den Abbruch der politischen Beziehungen zu Ankara aufgehoben.
Das griechische Außenministerium nannte das Memorandum illegal, ungültig und nichtig, Zypern bezeichnete es als illegal, nichtig und unwirksam, und von der Leyen und Costa erklärten es für nichtig.
Griechenland bereitet sich darauf vor, im November 2026 die Meeresbodenuntersuchungen für den Great Sea Interconnector wieder aufzunehmen – ein Kabel, das nach türkischer Darstellung durch türkische Gewässer verläuft.
- 20.10.Das ostlibysche Abgeordnetenhaus ratifiziert das Memorandum einstimmig
- 21.10.Griechenland, Zypern und die EU verurteilen die Ratifizierung
- November 2026Griechenland bereitet die Wiederaufnahme der Meeresbodenuntersuchungen für den Great Sea Interconnector vor
Abstimmung in Bengasi
Das Abgeordnetenhaus Libyens, das Parlament im Osten des Landes, hat am Dienstag, 20. Oktober 2026, für die Ratifizierung eines Memorandums zur Seegrenzziehung gestimmt, das die Türkei im November 2019 mit der Regierung der Nationalen Einheit in Tripolis unterzeichnet hatte. Die Abstimmung fiel einstimmig aus. In derselben Sitzung hoben die Abgeordneten nach Angaben des Parlamentssprechers Abdullah Bliheg zwei 2020 verabschiedete Resolutionen auf – eine gegen Abkommen mit der Türkei und eine über den Abbruch der politischen Beziehungen zu Ankara. Das Memorandum legt Seezuständigkeitsgebiete zwischen Libyen und der Türkei im östlichen Mittelmeer fest, wo große Gasfunde der vergangenen Jahre konkurrierende Ansprüche befeuert haben.
Die Kammer steht dem ostlibyschen Befehlshaber Khalifa Haftar nahe. Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung hatte die Türkei die Regierung in Tripolis gegen Haftars Truppen unterstützt, und das Parlament lehnte die Vereinbarungen damals ab. Berichten zufolge trug Saddam Haftar, der Sohn Khalifa Haftars, maßgeblich zu der Kehrtwende bei, und Aguila Saleh, der frühere Parlamentspräsident und einer der entschiedensten Gegner des Abkommens, legte sein Amt Anfang Oktober nieder. Saddam Haftar erklärte, die Entscheidungen seien ein Schritt zur Überwindung vergangener Streitigkeiten, und bezeichnete die Türkei als bedeutende Regionalmacht.
Reaktionen aus Griechenland, Zypern und der EU
Das griechische Außenministerium wies die Abstimmung zurück und erklärte, sie ändere nichts am illegalen, ungültigen und unbegründeten Charakter des Memorandums. Die Behörde argumentierte, die Türkei und Libyen hätten keine gegenüberliegenden oder angrenzenden Küsten, die eine Rechtsgrundlage für die Festlegung von Seezonen bieten könnten, und das Abkommen ignoriere die zwischen den beiden Küstenlinien liegenden griechischen Inseln, darunter Kreta. In ihrer Erklärung hieß es:
„Geografie und das internationale Seerecht lassen sich nicht durch einseitige, rechtlich unbegründete Parlamentsbeschlüsse ändern.“
Athen erklärte, es habe seine Partner und Verbündeten informiert, Libyen aufgefordert, Schritte zu unterlassen, die die Region destabilisieren könnten, und werde alle geeigneten Maßnahmen ergreifen, um seine Souveränitätsrechte zu wahren. Zypern verurteilte die Abstimmung und nannte das Memorandum illegal, nichtig und unwirksam.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa gaben eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie das Abkommen für nichtig erklärten. Sie bekräftigten die Solidarität des Blocks mit Griechenland und Zypern sowie seine Ablehnung jeglicher Einmischung von außen in Libyen. Die Erklärung verwies auf die Haltung der EU in dieser Frage, die der Europäische Rat 2019 festgelegt hatte.
Türkei und die rivalisierenden Regierungen Libyens
Das türkische Außenministerium begrüßte die Ratifizierung in einer Erklärung, bezeichnete das Memorandum als auf internationalem Recht und Billigkeit beruhend und erklärte, es schütze die gegenseitigen Rechte und Interessen beider Länder. Ankara kündigte an, mit allen Partnern weiter für Sicherheit, Stabilität und Frieden im Mittelmeerraum zu arbeiten.
Die von den Vereinten Nationen anerkannte Regierung von Ministerpräsident Abdul Hamid Dbeibah in Tripolis nannte die Abstimmung eine positive Entwicklung für die Beziehungen zur Türkei. Ihr Außenministerium erklärte, die Zusammenarbeit werde im Einklang mit den einschlägigen Regeln und Grundsätzen des Völkerrechts fortgesetzt. Libyen ist seit dem Sturz Muammar Gaddafis 2011 gespalten; die Ostregierung, faktisch geführt von Khalifa Haftar mit Sitz in Bengasi, ist der Rivale von Dbeibahs Regierung.
Energie und der Kabelstreit
Bloomberg berichtete, die Türkei sei einer Ausweitung der Energieerkundung im östlichen Mittelmeer näher gekommen, nachdem Libyens zweite Regierung Seegrenzen gebilligt habe, die Griechenland und Zypern bestreiten. Griechenland bereitet sich darauf vor, im November 2026 die Meeresbodenuntersuchungen für den Great Sea Interconnector wieder aufzunehmen, ein von der EU unterstütztes Unterseekabel zur Stromverbindung zwischen Griechenland und Zypern. Die Türkei beruft sich auf das Libyen-Memorandum, um geltend zu machen, die Kabeltrasse verlaufe durch Gewässer, die sie als eigene betrachtet. Im Juli 2024 begleiteten türkische Kriegsschiffe ein Vermessungsschiff nahe der griechischen Insel Kasos, was die Arbeiten zum Erliegen brachte.
Da die libyschen Abgeordneten nun hinter dem Abkommen stehen, hat Ankara neue Gründe, seine Ansprüche zu untermauern, und der Streit dürfte von der Diplomatie aufs Meer verlagert werden, sobald das Vermessungsschiff zurückkehrt.