
Deutsche Koalition jagt Steuer- und Reformpaket vor der Sommerpause, Finanzierungslücke spaltet SPD und CDU
Kanzler Merz‘ Koalition trifft sich am Mittwoch, um ein weitreichendes Reformpaket zu beschließen, doch die Einkommensteuerreform bleibt wegen der Frage der Gegenfinanzierung für Entlastungen von Gering- und Mittelverdienern blockiert.
Ein Wettlauf gegen die Sommerzeit
Die schwarz-rote Koalition in Deutschland treibt ein großes Reformpaket voran, das noch vor der letzten Bundestagssitzung am 10. Juli verabschiedet werden soll. Die Agenda umfasst Renten, Gesundheit, Pflege, Arbeitsmarktvorschriften und, am kontroversesten, eine Reform der Einkommensteuer. Regierungssprecher Stefan Kornelius bezeichnete das Ziel als „großes Paket“, während CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann von einem „Zusammenbinden“ aller Ebenen sprach. Die Vorbereitungsgespräche der Parteiführer am Sonntag waren nach Angaben von Kornelius von der „Entschlossenheit geprägt, am 1. Juli ein umfassendes Maßnahmenpaket vorzulegen“.
Zwei Steuerpläne, ein großes Loch
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) hat zwei Modelle vorgelegt. Laut Medienberichten sieht eines eine Entlastung von gut 10 Milliarden Euro vor, das andere von rund 25 Milliarden Euro. Beide zielen darauf ab, die Belastung kleiner und mittlerer Einkommen zu senken – ein im Koalitionsvertrag festgeschriebenes Versprechen. Der Bundeshaushalt 2028 weist bereits ein Loch von 30 Milliarden Euro auf, weshalb die Gegenfinanzierung der zentrale Streitpunkt ist. SPD-Parlamentarischer Staatssekretär Michael Schrodi bestätigte „intensive Verhandlungen“, nannte aber keine Details.
- Kleine Reform
- 10 Mrd. €
- Große Reform
- 25 Mrd. €
SPD-Linke zieht rote Linien
Eine Gruppe linker SPD-Abgeordneter um Arbeitsmarktexperte Jan Dieren und sozialpolitische Sprecherin Annika Klose veröffentlichte ein Papier, in dem sie fordert, dass Reformen nicht zulasten der Arbeitnehmer gehen dürfen. Sie lehnen längere Arbeitszeiten, einen schwächeren Kündigungsschutz, Karenztage bei Krankengeld oder jede Maßnahme ab, die die Belastung der Bevölkerung erhöht. Stattdessen schlagen sie eine einmalige Vermögensabgabe auf Vermögen über 100 Millionen Euro, eine Erbschaftsteuerreform, Preisobergrenzen für Energie und Lebensmittel, einen bundesweiten Mietendeckel und niedrigere Sozialabgaben für Geringverdiener vor.
Finanzierungsstreit: Besteuerung der Reichen oder Ausgabenkürzungen?
Die SPD fordert höhere Beiträge von Spitzenverdienern und großen Erbschaften. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Wiebke Esdar sagte der dpa: „Wir kämpfen für eine Reform, die das Steuersystem endlich gerechter macht, und fordern, dass die Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen auch durch einen größeren Beitrag der Superreichen finanziert wird.“ CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann warnte vor einer „reinen Umverteilung“ und forderte, die Regierung solle zunächst ein bis drei Prozent in jedem Ministerium einsparen, was seiner Aussage nach einen zweistelligen Milliardenbetrag ergeben könnte. FDP-Chef Wolfgang Kubicki ging noch weiter und forderte allgemeine Steuersenkungen und tiefere Ausgabenkürzungen mit Verweis auf überhöhte Subventionen.
Wir kämpfen für eine Reform, die das Steuersystem endlich gerechter macht, und fordern, dass die Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen auch durch einen größeren Beitrag der Superreichen finanziert wird.
Was die Reform ändern könnte
Das aktuelle Einkommensteuersystem hat einen Grundfreibetrag von 12.348 Euro (2026). Der Spitzensteuersatz von 42 % greift bei 69.879 Euro für Ledige, und der „Reichensteuersatz“ von 45 % gilt ab 277.826 Euro. Der Präsident des Bundes der Steuerzahler, Reiner Holznagel, kritisierte die steile Progression: „Während in den 1960er Jahren ein Vielfaches des Durchschnittseinkommens nötig war, damit der Spitzensteuersatz greift, reicht heute manchmal schon das 1,2-fache des Durchschnittseinkommens aus.“ Die Koalition will die Tarifzonen verschieben, um Entlastungen zu erreichen, aber der Umfang hängt davon ab, wie viel Einnahmen anderweitig erzielt werden können. Eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes um einen Prozentpunkt würde nur rund 1 Milliarde Euro bringen, während eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt 16 Milliarden Euro einbringen könnte, allerdings würde dies auch die durch den Iran-Krieg und die sprunghaft gestiegenen Öl- und Gaspreise ohnehin angeheizte Inflation weiter anheizen.
Während in den 1960er Jahren ein Vielfaches des Durchschnittseinkommens nötig war, damit der Spitzensteuersatz greift, reicht heute manchmal schon das 1,2-fache des Durchschnittseinkommens aus.
Politischer Druck wächst
Angesichts der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im Herbst will die Koalition Kompetenz ausstrahlen. Ein früherer Gipfel in der Villa Borsig im April endete ohne Durchbruch. SPD-Parlamentsgeschäftsführer Dirk Wiese sagte, die Partei wolle „bei zentralen Themen über die Ziellinie gehen“. Annika Klose betonte, die SPD müsse „etwas nach Hause bringen“ aus dem Steuerpaket, und fügte hinzu, die Erwartung sei klar: „die Reichen werden stärker besteuert und die Gering- und Mittelverdiener werden entlastet.“
- Koalitionsgipfel in der Villa Borsig endet ohne Durchbruch bei den Reformen
- Parteiführer halten Vorbereitungsgespräche, zeigen Entschlossenheit, Paket am 1. Juli vorzulegen
- Koalitionsausschuss tagt im Kanzleramt, verhandelt über Steuer-, Renten-, Gesundheits- und Arbeitsmarktreformen
- Letzte Bundestagssitzung vor der Sommerpause; Frist für gesetzgeberische Fortschritte
- Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin
- Geplanter Inkrafttretenszeitpunkt der Einkommensteuerreform
Die Erwartung ist ziemlich klar, dass die Reichen stärker besteuert werden und dass diejenigen mit niedrigen und mittleren Einkommen entlastet werden.


