
Deutschland schwenkt auf nationalen Kampfjet um, nachdem das deutsch-französische FCAS kollabiert – Spanien sucht nach einer Rolle
Berlin stellt ein nationales Industrieteam unter der Führung von Airbus zusammen, um einen Kampfjet der sechsten Generation zu bauen, Tage nachdem sich Frankreich und Deutschland darauf geeinigt haben, das Flaggschiff-Programm FCAS aufzugeben. Spanien, ein Juniorpartner im ursprünglichen Deal, erfuhr durch die Presse von der Absage und steht nun vor einem ungewissen Weg zur Modernisierung seiner Luftwaffe.
Das Scheitern eines Flaggschiffs
Europas ehrgeizigstes Verteidigungsprogramm, das Future Combat Air System (FCAS), ist tot. 2017 von Angela Merkel und Emmanuel Macron ins Leben gerufen und später von Spanien unterstützt, zielte das Projekt darauf ab, bis 2040 einen bemannten Kampfjet der sechsten Generation gemeinsam mit Drohnen und einer Gefechtswolke zu entwickeln, der die Eurofighter- und Rafale-Flotten ersetzen sollte. Nach jahrelanger Pattsituation kamen Bundeskanzler Friedrich Merz und der französische Präsident letzte Woche beim EU-Westbalkan-Gipfel in Montenegro zu dem Schluss, dass die industrielle Sackgasse nicht überwunden werden könne.
Präsident Emmanuel Macron und ich haben diese Frage des deutsch-französischen Kampfflugzeugs wirklich nicht auf die leichte Schulter genommen.
Der Kernstreit stellte Dassault Aviation, das die Führung beim Design des Kampfjets und die Kontrolle über Technologien im Zusammenhang mit der französischen nuklearen Abschreckung forderte, gegen Airbus, das deutsche und spanische Interessen vertrat und eine ausgewogenere Verteilung von Aufträgen und geistigem Eigentum anstrebte. Frankreich benötigte auch ein trägergestütztes Flugzeug, das Atomwaffen tragen kann, während Deutschland einen konventionellen landgestützten Kampfjet für die Luftwaffe brauchte.
Deutschlands schnelle Kehrtwende
Innerhalb weniger Tage nach der Absage legte Airbus Defence and Space dem deutschen Verteidigungsministerium einen Vorschlag namens Team Gen 6 vor. Das Konsortium bringt acht Firmen zusammen: die deutsche Airbus-Tochter, MBDA, Hensoldt, Diehl Defence, Liebherr, MTU Aero Engines, Rohde & Schwarz und Autoflug. Die Gruppe informierte Kanzler Merz und Verteidigungsminister Boris Pistorius brieflich über ihre Absicht, einen Kampfjet der sechsten Generation zu entwickeln.
Wir wollen keine deutsche Kopie des FCAS entwickeln.
Die Allianz drängt auf eine politische Entscheidung und Finanzierungszusagen aus Berlin. Der Plan sieht ein einfacheres, weniger komplexes Flugzeug als das FCAS-Konzept vor. Michael Schöllhorn, der deutsche CEO von Airbus Defence and Space mit Sitz in Taufkirchen, gilt als treibende Kraft hinter der Initiative. Das Konsortium will seinen Start auf der ILA Berlin offiziell bekannt geben.
Spaniens Zurücksetzung
Spanien trat dem FCAS 2019 bei mit der Zusage, ein Drittel der Kosten zu übernehmen und über 2 Milliarden Euro über Indra, ITP, Sener und andere einheimische Firmen zu leiten. Die Regierung in Madrid stellte den Beitritt als Teilnahme "auf Augenhöhe" dar. Diese Gleichberechtigung verpuffte, als das Programm beendet wurde. Belén Gualda, Präsidentin der staatlichen Holdinggesellschaft SEPI und größte Aktionärin von Indra, sagte dem spanischen Kongress, sie habe von der Absage aus den Medien erfahren und noch nicht mit Indra gesprochen.
Ich denke, es sind schlechte Nachrichten, sehr besorgniserregend für Europa und für die strategische Autonomie Europas. In diesem Fall wurden Industrieinteressen über die Sicherheits- und Verteidigungsinteressen Europas gestellt.
Die spanische Verteidigungsministerin bezeichnete das Ergebnis als "Scheitern" für Europa und forderte eine breitere Reflexion über gemeinsame Verteidigungsprogramme. Spanien muss nun seine F-18-Flotte ersetzen, bevor die Flugzeuge das Ende ihrer Betriebsdauer erreichen. Ein alleiniger Rückgriff auf den Eurofighter der vierten Generation würde die Luftwaffe mit einer alternden Flotte zurücklassen.
Was bleibt und was als Nächstes kommt
Merz betonte auf der ILA Berlin, dass der "wahre Kern" des FCAS als "System der Systeme" überleben werde – ein deutsch-französisches Projekt, das sich auf eine Gefechtswolke konzentriert, die Flugzeuge, Drohnen, Satelliten und Sensoren in Echtzeit verbindet. Die Verteidigungsminister beider Länder sollen den Plan bis zu einem Ministerrat in Deutschland im Juli ausarbeiten. Der bemannte Kampfjet ist jedoch weg.
Deutschland prüft nun mehrere Wege: den nationalen Team-Gen-6-Jet, den Beitritt zum britisch-italienisch-japanischen GCAP-Programm, das die Tempest entwickelt, oder den Kauf weiterer amerikanischer F-35. Berlin sucht auch Spanien und Schweden als mögliche Partner für den von Airbus geführten Kampfjet, während Dassault beabsichtigt, die Rafale unabhängig weiterzuentwickeln. Der breitere Zusammenbruch des FCAS hinterlässt die europäische Verteidigungsindustrielandschaft fragmentierter als zu jedem Zeitpunkt seit der Konzeption des Programms.
- Angela Merkel und Emmanuel Macron starten das Future Combat Air System (FCAS)-Programm.
- Spanien tritt dem FCAS bei und verpflichtet sich zu einem Drittel der Kosten sowie zur industriellen Koordination über Indra.
- Die spanische Verteidigungsministerin Margarita Robles äußert öffentlich Bedenken über den Fortschritt des Programms.
- Merz und Macron einigen sich während des EU-Westbalkan-Gipfels in Montenegro auf die Absage der bemannten Komponente.
- Merz bestätigt die Absage auf der ILA Berlin; Airbus stellt den Team Gen 6-Vorschlag für einen deutsch geführten Kampfjet vor.


