
Audi aktiviert Schlechtwetterklausel und nimmt Gespräche über Stellenabbau in Neckarsulm wieder auf
Vorstandschef Gernot Döllner kündigte den Schritt am Donnerstag bei einer Betriebsversammlung an und stellt damit bestehende Garantien, die mehr als 15.000 Beschäftigte bis 2033 schützten, wieder zur Verhandlung.
Die Berufung auf die Schlechtwetterklausel
Audi-Chef Gernot Döllner informierte die Beschäftigten am Donnerstag bei einer Betriebsversammlung im Werk Neckarsulm darüber, dass die Unternehmensleitung die Schlechtwetterklausel aus dem Zukunftspakt des Unternehmens in Anspruch nimmt. Der ursprünglich 2019 vereinbarte vertragliche Mechanismus verpflichtet Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter, die betrieblichen Bedingungen neu zu verhandeln, sobald sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erheblich verschlechtern. Der Schritt stellt eine frühere Vereinbarung vom März 2025 direkt infrage, die den Abbau von 7.500 Stellen vorsah und betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2033 ausschloss. Mit Blick auf die anstehenden Sondierungsgespräche will die Unternehmensführung Verhandlungen über weitere Einsparungen und einen möglichen früheren Stellenabbau aufnehmen. Döllner wandte sich direkt an die versammelte Belegschaft und argumentierte, dass sofortige Maßnahmen nötig seien, um den Wandel der Branche zu bewältigen.
Wir müssen darauf reagieren, und zwar jetzt.
Volkswagen-Kostenvorgaben und die Zukunft der Werke
Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume nahm ebenfalls an der Betriebsversammlung im Landkreis Heilbronn teil, wo er von den Werksbeschäftigten ausgebuht wurde. Blume sagte den Beschäftigten, dass die konzernweiten Kostensenkungen in zweistelliger Milliardenhöhe inzwischen im gesamten Unternehmen Wirkung zeigten. Im Rahmen eines umfassenderen Sanierungsplans, der Anfang September 2026 beschlossen wurde, ordnete die Muttergesellschaft Volkswagen den Abbau von 50.000 Stellen im Konzern an und warnte, dass den Standorten Neckarsulm, Emden, Zwickau und Hannover eine mögliche Schließung drohe.
- Audi vereinbart seinen Zukunftspakt und beruft sich erstmals auf die Schlechtwetterklausel.
- Audi und Betriebsrat vereinbaren den Abbau von 7.500 Stellen und garantieren Beschäftigung bis 2033.
- Volkswagen beschließt ein Konzern-Sparprogramm, das Neckarsulm bis Juni 2027 Zeit für Kostensenkungen gibt.
- Audi-Manager kündigen bei einer Betriebsversammlung die Aktivierung der Schlechtwetterklausel an.
- Die Produktion des Audi A8 im Montagewerk Neckarsulm endet.
- Die laufende Fertigung der Audi-Modelle A5 und A6 läuft aus.
Der Konzern gab der örtlichen Geschäftsführung in Neckarsulm bis Ende Juni 2027 Zeit, einen tragfähigen betrieblichen Umstrukturierungsplan zur Senkung der Fertigungskosten vorzulegen. Auf das Werk kommen weitere Hürden in der Montage zu: Die Produktion des Audi A8 endet 2026, sein geplanter Nachfolger wechselt unter Porsche-Regie nach Leipzig, während die Fertigung der Modelle A5 und A6 bis Ende 2033 ausläuft.
Widerstand der Belegschaft und frühere Verhandlungsrunden
Der Betriebsrat Neckarsulm bestätigte, dass derzeit rechtliche und finanzielle Prüfungen laufen, um festzustellen, ob die Unternehmensleitung die vertraglichen Voraussetzungen für die Auslösung der Klausel erfüllt hat. Betriebsratsvorsitzender Alexander Reinhart erklärte, die Arbeitnehmervertreter würden erst dann am Verhandlungstisch Platz nehmen, wenn diese Prüfungen die Angaben der Unternehmensleitung bestätigten. Die Arbeitnehmervertreter verwiesen auf das Ende 2019, als Audi denselben Mechanismus bereits einmal genutzt hatte, um Absenkungen der Grundvergütung, Kürzungen tariflich vereinbarter Zulagen, geringere Gewinnbeteiligungen und Einschränkungen der Heimarbeit zu fordern. Während dieser Verhandlungen im Jahr 2019 bezeichnete der Betriebsrat die Forderungen der Unternehmensleitung öffentlich als Gruselkatalog. Reinhart erläuterte die Bedingungen, unter denen die Arbeitnehmervertreter bereit wären, in formelle Gespräche zurückzukehren.
Wenn alle Hausaufgaben gemacht sind, sind wir als Betriebsrat bereit, im Interesse der Zukunftsperspektive unseres Standorts und der Marke Audi in weitere Gespräche einzusteigen.
Lokale wirtschaftliche Folgen in Baden-Württemberg
Die Aussicht auf eine Schließung des Standorts Neckarsulm hat in der örtlichen Bevölkerung und bei der Stadtspitze große Ängste ausgelöst. Der Fertigungskomplex beschäftigt mehr als 15.000 Menschen, und rund 1.000 regionale Automobilzulieferer sind direkt auf seinen Weiterbetrieb angewiesen. Wirtschaftsexperten rechnen vor, dass eine vollständige Schließung etwa 50.000 Arbeitsplätze in der weiteren Region vernichten und ein Viertel der lokalen industriellen Wertschöpfung auslöschen könnte. Steffen Hertwig, Oberbürgermeister von Neckarsulm, beschrieb die wachsende Not der Arbeitsuchenden vor Ort.
Und jetzt? Jetzt haben angehende Ingenieure überhaupt keine Chance mehr, in diesen Arbeitsmarkt einzusteigen. Das ist natürlich beängstigend.
Döllner erklärte, dass auch die Konzernzentrale in Ingolstadt zu den Einsparungen beitragen müsse, damit Neckarsulm die Last der Kostensenkungen nicht allein trage. Erste Sondierungsgespräche zwischen Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertretern sollen in den kommenden Tagen beginnen.


