Eine von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken eingesetzte Expertenkommission hat am 30. März 2026 66 Vorschläge für eine grundlegende Reform der gesetzlichen Krankenversicherung vorgelegt. Nach Angaben des Gremiums liegt das Einsparpotenzial bei bis zu 42,3 Milliarden Euro im kommenden Jahr. Die Empfehlungen sollen die Lücke von rund 15 Milliarden Euro schließen, die für 2027 erwartet wird.
Kommission legt breites Reformpaket vor
Die Expertenkommission übergab 66 Vorschläge für einen grundlegenden Umbau der gesetzlichen Krankenversicherung und beziffert das Einsparpotenzial auf bis zu 42,3 Milliarden Euro.
Beitragssätze erreichen neuen Höchststand
Der durchschnittliche Zusatzbeitrag liegt 2026 bei 3,13 Prozent. Zusammen mit dem allgemeinen Satz ergibt sich ein Gesamtbeitrag von rund 17,7 Prozent.
Streit um Folgen für Versorgung und Zuzahlungen
Ärzte warnen vor weniger Terminen, Verbraucherschützer vor höheren Hürden für Patienten. Die Koalition muss nun über die Umsetzung entscheiden.
Eine von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken eingesetzte Expertenkommission hat am 30. März 2026 66 Empfehlungen für eine grundlegende Überarbeitung des deutschen Systems der gesetzlichen Krankenversicherung vorgelegt. Das Gremium bezifferte das Einsparpotenzial für das kommende Jahr auf bis zu 42,3 Milliarden Euro. Mit den Vorschlägen soll eine prognostizierte Finanzierungslücke von rund 15 Milliarden Euro geschlossen werden, die für 2027 erwartet wird. Bis 2030 soll dieses Defizit nach der Prognose auf mehr als 40 Milliarden Euro anwachsen. Warken, eine CDU-Politikerin, die seit Mai 2025 Bundesgesundheitsministerin ist, sagte, die Ergebnisse der Kommission sollten die Grundlage für einen Gesetzentwurf bilden, den sie bis Juli 2026 ins Kabinett einbringen wolle, damit die Reformen 2027 in Kraft treten könnten. Die Ministerin wollte nicht im Detail sagen, welche der 66 Vorschläge am Ende übernommen würden. Ziel sei ein ausgewogenes Paket, sagte sie. „Es muss ein Paket sein, das alle betrifft, bei dem alle mit an Bord sind, bei dem alle ihren Beitrag leisten” — Nina Warken via ZDF heute journal
Rekord-Beitragssätze erhöhen den Reformdruck Die gesetzliche Krankenversicherung steht finanziell unter erheblichem Druck. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums stiegen die Ausgaben 2025 um 7,8 Prozent, während die Beitragseinnahmen nur um 5,3 Prozent zulegten. Als wichtigster Kostentreiber wurde die Krankenhausbehandlung genannt, deren Ausgaben allein 2025 um 9,6 Prozent beziehungsweise 9,7 Milliarden Euro zunahmen. Die Kosten für die ambulante ärztliche Behandlung stiegen im selben Zeitraum um 7,6 Prozent, die Arzneimittel um 5,9 Prozent und die medizinische Behandlungspflege um 12,6 Prozent. Der durchschnittliche Zusatzbeitrag der einzelnen Krankenkassen ist 2026 auf 3,13 Prozent gestiegen und liegt damit deutlich über dem Richtwert der Bundesregierung von 2,9 Prozent. Zusammen mit dem allgemeinen Beitragssatz von 14,6 Prozent ergibt sich damit ein Gesamtbeitrag von rund 17,7 Prozent des Bruttolohns, der hälftig von Beschäftigten und Arbeitgebern getragen wird. Ohne Reform müssten Versicherte und Arbeitgeber nach Berechnung der Kommission 2027 im Schnitt mit einer zusätzlichen Belastung von rund 260 Euro rechnen, 2030 mit rund 680 Euro. Die maximale Zusatzbelastung würde im Jahr 2030 bei 1.440 Euro jährlich liegen. 42.3 (Milliarden Euro) — vom Gremium ermitteltes gesamtes Einsparpotenzial
GKV-Beitragssätze 2026: Allgemeiner Beitragssatz (before: 14,6 %, after: 14,6 % (unverändert)); Durchschnittlicher Zusatzbeitrag (before: 2,9 % (Richtwert der Bundesregierung), after: 3,13 % (tatsächlich 2026)); Gesamtbeitrag im Schnitt (before: Unter 17,7 %, after: rund 17,7 % des Bruttolohns)
Die gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland steht seit Jahren unter strukturellem Finanzierungsdruck. Gründe sind eine alternde Bevölkerung, steigende Behandlungskosten und eine Lohnentwicklung, die mit den Gesundheitsausgaben nicht Schritt hält. Die Finanzkommission Gesundheit wurde mit einem zweistufigen Auftrag eingesetzt: Ein erster Bericht mit kurzfristigen Stabilisierungsschritten sollte bis Ende März 2026 vorliegen, ein zweiter mit strukturellen Reformvorschlägen bis Ende Dezember 2026. Den Vorsitz führt der Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner, seine Stellvertreter sind der Arzt Ferdinand Gerlach und die Gesundheitsökonomin Leonie Sundmacher.
Ärzte warnen vor Millionen entgangener Termine Die 66 Empfehlungen betreffen sowohl die Ausgaben- als auch die Einnahmenseite des Systems, etwas mehr als die Hälfte davon zielt auf die Ausgaben. Zu den Vorschlägen gehören Obergrenzen für das Ausgabenwachstum in Arztpraxen und Krankenhäusern. Die Kostensteigerungen sollen dabei an das Wachstum der Beitragseinnahmen der Kassen gekoppelt werden. Die Kommission empfahl außerdem, Leistungen ohne medizinische Evidenz aus dem Leistungskatalog zu streichen, darunter Homöopathie, bestimmte Zahnspangen und einige Krebsfrüherkennungen. Die KBV warnte, geplante Vergütungsgrenzen würden Praxen dazu zwingen, Leistungen zu kürzen und die Terminverfügbarkeit einzuschränken. Der Verband verwies darauf, dass jedes Jahr bereits mehr als 40 Millionen Facharzttermine ohne Vergütung erbracht würden. Bundesfinanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil von der SPD wurde in der Kommentierung als Schlüsselfigur genannt, weil seine Haushaltsvorgaben den Spielraum für zusätzliche öffentliche Mittel im Gesundheitswesen begrenzten. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger begrüßte die Vorschläge der Kommission. Sie böten die Chance, sowohl die Versorgung zu sichern als auch die Finanzierung nachhaltig aufzustellen, sagte er und forderte die Koalition auf, die Vorschläge konstruktiv zu prüfen.
Krankenhausbehandlung: 9,6, Medizinische Behandlungspflege: 12,6, Heilmittel: 10,4, Ambulante ärztliche Behandlung: 7,6, Arzneimittel: 5,9, Gesamtausgaben der GKV: 7,8
Kassen sehen Weg zu stabilen Beiträgen, Verbraucher widersprechen Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen, der GKV-Spitzenverband, äußerte sich insgesamt positiv zu der Arbeit der Kommission. „Wir haben steigende Einnahmen und können deshalb auch steigende Ausgaben in einem vertretbaren Rahmen finanzieren” — Oliver Blatt via Der Tagesspiegel Blatt sagte zudem, ungebremste Ausgabensteigerungen, wie sie in den vergangenen Jahren zu beobachten gewesen seien, müssten enden. Verbraucherschützer bewerteten die Vorschläge deutlich kritischer. Ramona Pop, Vorstandsvorsitzende des Verbraucherzentrale Bundesverbands, kritisierte Pläne für höhere Selbstbeteiligungen der Patienten. Höhere Zuzahlungen etwa für Zahnersatz oder Arzneimittel würden Zugangshürden schaffen und die Chancengleichheit in der Gesundheitsversorgung untergraben, argumentierte sie. Warken bekräftigte, der Reformprozess werde weder den Versicherten noch einer anderen Gruppe einseitig Lasten aufbürden. Spätestens im Sommer werde klar sein, in welche Richtung die Gesetzgebung gehe, sagte sie. Die CDU-SPD-Koalition, in deutschen Medien oft als schwarz-rote Koalition bezeichnet, muss nun aushandeln, welche der 66 Vorschläge bis zur Kabinettsfrist im Juli in den Gesetzentwurf aufgenommen werden.
Mentioned People
- Nina Warken — Federalna minister zdrowia w gabinecie Merza od maja 2025 roku
- Lars Klingbeil — Wicekanclerz i federalny minister finansów w gabinecie Merza od maja 2025 roku
- Friedrich Merz — Kanclerz Niemiec od maja 2025 roku
- Oliver Blatt — Szef organizacji parasolowej ustawowych ubezpieczycieli zdrowotnych (GKV-Spitzenverband)
Sources: 38 articles
- Liveblog zur Bundespolitik: Gemischte Reaktionen auf die Sparvorschläge für das Gesundheitswesen (Süddeutsche Zeitung)
- "Der falsche Weg" - Kritik an Sparvorschlägen für die gesetzliche Krankenversicherung - WELT (DIE WELT)
- Viel Kritik und etwas Lob für Sparvorschläge im Gesundheitssystem (tagesschau.de)
- Krankenkassen: Ein "epischer Shitstorm" und die Frage, wer sich traut (Focus)
- Gemischtes Echo auf Vorschläge: Warken zu Krankenkassenreform: "Es muss ein Paket sein, das alle betrifft" (N-tv)
- Viel Kritik an Sparvorschlägen fürs Gesundheitswesen - WELT (DIE WELT)
- Viel Kritik an Sparvorschlägen fürs Gesundheitswesen (stern.de)
- Krankenversicherung: Viel Kritik an Sparvorschlägen fürs Gesundheitswesen (Der Tagesspiegel)
- Vorschläge für eine Reform der gesetzlichen Krankenversicherung (tagesschau.de)
- Reform der Krankenkassen: So klappt es im Gesundheitswesen (Frankfurter Allgemeine)