
Hamburger Staatsanwaltschaft beschlagnahmt Aufnahmen des Zeit-Podcasts im Prozess gegen Christina Block
Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt haben am Montag, dem 12. Oktober, die Hamburger Redaktionsräume der Zeit aufgesucht und mit einer Durchsuchung gedroht, um Audioaufnahmen für einen Podcast zu erlangen. Das Hamburger Landgericht erklärt, das Material könne Beweismittel im Verfahren gegen Christina Block und sechs Mitangeklagte sein.
Staatsanwaltschaft besucht die Zeit-Redaktion
Am Montag, dem 12. Oktober, haben Staatsanwälte aus Hamburg und das Landeskriminalamt (LKA) nach Angaben des Verlags die Hamburger Redaktionsräume der Wochenzeitung Die Zeit aufgesucht. Sie drohten mit einer Durchsuchung der Redaktionsräume, um Audioaufnahmen für den Podcast ZEIT Verbrechen: House of Block zu erlangen. Für die Geschäftsräume sei ein Durchsuchungsbeschluss erlassen worden, der nach Angaben des Gerichts und des Verlags eine freiwillige Herausgabe ermöglichte. Die Ermittler verlangten zudem angebliche Verträge mit den interviewten Personen, die nach Angaben des Verlags nicht existieren. Die Durchsuchung der Räume unterblieb, nachdem eine Mitarbeiterin erklärt hatte, die Aufnahmen befänden sich bei einer Journalistin.
Die Aufnahmen und die Wohnung der Journalistin
Daraufhin erließ das Gericht einen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung einer in Berlin ansässigen Zeit-Journalistin. Nach Angaben der Gerichtssprecherin erklärte die Journalistin, sie sei bereit, die Aufnahmen auf richterliche Anordnung herauszugeben. Sie übergab sie freiwillig, wodurch die Durchsuchung ihrer Wohnung verhindert wurde. Der Verlag erklärt, er habe der Beschlagnahme widersprochen und das Material versiegelt übergeben, sodass es nicht ausgewertet werden könne, bis ein Gericht über die Rechtmäßigkeit der Beschlagnahme entscheide. Der Podcast, der nach Berichten der Welt aus sechs Folgen besteht, enthält Interviews mit Familienmitgliedern, darunter die Kinder, aufgenommen etwa zwei Wochen nach der Entführung in der Silvesternacht in einem sicheren Haus in Dänemark.
Warum das Gericht das Material will
Die 32. Große Strafkammer des Hamburger Landgerichts, die den Fall verhandelt, hält die Aufnahmen für möglicherweise beweiserheblich. Nach Angaben des Gerichts könnten die Gespräche Umstände berühren, die bislang weder in den Akten noch in der Hauptverhandlung zur Sprache gekommen seien. Die Kammer erhofft sich zudem von den Originalaufnahmen Hinweise zur Überprüfung der Glaubwürdigkeit späterer Zeugenaussagen. Das Landgericht hält die Beschlagnahme für gerechtfertigt, weil das Material zur Aufklärung einer Straftat beitragen könne.
Der Block-Prozess und die Inhaftierung Hannings
Christina Block und sechs Mitangeklagte stehen in Hamburg vor Gericht; ihnen werden unter anderem Kindesentziehung und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen, und Block bestreitet die Vorwürfe. Presseberichten zufolge luden Mitarbeiter einer israelischen Sicherheitsfirma die Kinder, die bei ihrem Vater in Dänemark lebten, in ein Auto und brachten sie zu Block nach Deutschland. Der frühere BND-Präsident August Hanning wurde etwa eine Woche zuvor im Rahmen eines separaten Spionageermittlungsverfahrens von der Polizei festgenommen. Der Spiegel berichtete, er stehe im Verdacht, an einem früheren möglichen Entführungsversuch beteiligt gewesen zu sein, was Hanning bestreitet. Der Prozess wird am Dienstag, dem 13. Oktober, fortgesetzt.
Die Reaktion der Zeit und rechtliche Schritte
Der Verlag hat Beschwerde eingelegt und kündigt rechtliche Schritte an. Die Chefredakteure Giovanni di Lorenzo und Jochen Wegner erklärten:
Pressefreiheit umfasst vor allem den Quellenschutz, der für unabhängige Medien entscheidend ist. Wir werden uns deshalb mit allen rechtlichen Mitteln zur Wehr setzen.
Die Welt berichtet, dass sich das Oberlandesgericht und möglicherweise der Bundesgerichtshof mit dem Fall befassen könnten. Mika Beuster, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), kritisierte das Vorgehen und wies darauf hin, dass es zum Auftakt der Hamburger Woche der Pressefreiheit erfolgte, die in diesem Jahr zum vierten Mal stattfindet.


