Globaler Antibiotikaeinsatz entspricht nicht dem Bedarf: Watch-Medikamente übernutzt, Access und Reserve unternutzt, Lancet-Studie zeigt
Eine Lancet-Public-Health-Studie aus 186 Ländern zeigt, dass 66 von 67 Nationen Watch-Antibiotika übermäßig einsetzen, während die Hälfte Access- und Reserve-Medikamente unternutzt, was die antimikrobielle Resistenz fördert.
Globale Antibiotika-Anwendungsmuster
Eine in The Lancet Public Health veröffentlichte Studie unter der Leitung von Aislinn Cook von der City St George's, University of London, analysierte den Antibiotikaverbrauch in 186 Ländern und Territorien. Das Team gruppierte die Nationen basierend auf Einkommen, soziodemografischen Faktoren, Infektionsbelastung und Resistenzniveaus in vier Cluster und verglich dann den tatsächlichen Verbrauch mit dem modellierten angemessenen Verbrauch. Sie verwendeten die WHO-AWaRe-Klassifikation, die Antibiotika in Access (Erstlinientherapie, geringes Resistenzrisiko), Watch (höheres Resistenzrisiko) und Reserve (letzte Option bei multiresistenten Infektionen) unterteilt. Der globale Bedarf wurde für 2019 auf 43 Milliarden definierte Tagesdosen geschätzt, etwa eine Behandlung pro Person und Jahr. Eine veröffentlichte Schätzung für 2018 bezifferte den tatsächlichen weltweiten Verbrauch auf 40,2 Milliarden Tagesdosen.
Übernutzung von Watch-Antibiotika
Von 67 Ländern mit umfassenden Daten verwendeten 66 mehr Watch-Antibiotika als der Referenzwert. Die Schweiz diente als Referenz für den wohlhabendsten Cluster, Marokko für die anderen. Deutschland gehörte zu den 66 Ländern, die Watch-Medikamente übermäßig einsetzen. Tim Eckmanns vom Robert Koch-Institut in Berlin sagte, Deutschland verbrauche insgesamt etwas zu viele Antibiotika und deutlich zu viele Watch-Antibiotika.
Überkonsum und mangelnder Zugang werden in der Studie deutlich gezeigt. Dies liegt auch daran, dass Leitlinien in Deutschland oft Watch-Antibiotika empfehlen, obwohl Access-Antibiotika angemessen wären.
Unternutzung von Access- und Reserve-Antibiotika
Rund die Hälfte der untersuchten Länder verwendete weniger Access-Antibiotika als für angemessen erachtet, was bedeutet, dass Erstlinientherapien für häufige Infektionen zu wenig genutzt werden. Ein ähnlicher Anteil verwendete weniger Reserve-Antibiotika als für schwere Infektionen nötig, was darauf hindeutet, dass lebensrettende Medikamente dort manchmal nicht verfügbar sind, wo sie am dringendsten benötigt werden. Das doppelte Muster von Übernutzung in einer Kategorie und Unternutzung in zwei anderen schafft eine globale Diskrepanz, die Resistenzen fördert und Patienten ohne angemessene Behandlung zurücklässt.
## Resistenzbelastung Antimikrobielle Resistenzen verursachen bereits schätzungsweise 1,14 Millionen Todesfälle pro Jahr weltweit. In Deutschland sind etwa 6 % aller bakteriellen Infektionen mit Erregern verbunden, die gegen alle verfügbaren Antibiotika resistent sind, und etwa 9.700 Menschen sterben jährlich an den direkten Folgen resistenter Keime, so das Robert Koch-Institut. Die Übernutzung von Watch-Antibiotika, die ein höheres Potenzial zur Selektion resistenter Stämme haben, beschleunigt diesen Trend.
## Expertenkommentar Mathias Pletz vom Universitätsklinikum Jena wies auf eine aktuelle Verzerrung hin: Viele in Deutschland behandelte ukrainische Kriegsverletzte benötigten Reserve-Antibiotika gegen Knocheninfektionen mit multiresistenten Erregern. Dieser Effekt spiegelt sich in den von der Studie verwendeten Verbrauchsdaten von 2019 nicht wider.
Da die verwendeten Verbrauchsdaten aus dem Jahr 2019 stammen, ist dieser spezifische Effekt noch nicht enthalten, aber er zeigt grundsätzlich, wie anfällig diese Normierung für solche Verzerrungen ist.
Die Forscher betonen, dass die Gewährleistung eines gerechten und angemessenen Zugangs zu wirksamen, essenziellen Antibiotika von zentraler Bedeutung für die Ziele für nachhaltige Entwicklung ist. Die UN hat das Ziel gesetzt, dass bis 2030 70 % der verwendeten Antibiotika aus der Access-Klasse stammen sollen; die Autoren der Studie schätzen den angemessenen Anteil auf 77 %.

