
Ungarn setzt öffentliche Nachrichtensendungen aus und entschuldigt sich für ‚jahrelange Lügen‘ bei Medienreform
Der ungarische öffentlich-rechtliche Sender M1 ersetzte am Dienstag sein Nachrichtenprogramm durch einen schwarzen Bildschirm und eine Entschuldigung für jahrelange Propaganda, während die neue Regierung von Ministerpräsident Péter Magyar eine umfassende Reform der Staatsmedien einleitete.
Sendungsunterbrechung
Am Dienstag, dem 7. Juli 2026, um 16:00 Uhr sahen die Zuschauer des wichtigsten öffentlich-rechtlichen Nachrichtensenders Ungarns, M1, wie ihr reguläres Programm durch einen schwarzen Bildschirm mit einer Mitteilung ersetzt wurde. Der Text lautete: „Öffentlich-rechtliche Medien dürfen nicht lügen. Wir entschuldigen uns dafür, dass wir es jahrelang getan haben. Die öffentlich-rechtlichen Medien werden neu organisiert, um in Zukunft unabhängig und glaubwürdig zu sein. Der Nachrichtendienst ist vorübergehend eingestellt. Bitte haben Sie Geduld.“ Dieselbe Mitteilung erschien auf der Nachrichtenwebsite des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hirado.hu, während das öffentlich-rechtliche Radio Kossuth nur noch Musik spielte.
Neue Führung übernimmt
Die Aussetzung fiel mit dem Amtsantritt des neu ernannten Interimspräsidenten der MTVA zusammen, der Holdinggesellschaft, die die ungarischen öffentlich-rechtlichen Medien beaufsichtigt. András Horváth betrat am Dienstag mit seinem ausgewählten Führungsteam die Zentrale des Senders. Laut Medienberichten wurden mehrere Mitarbeiter, darunter auch Führungskräfte, in die Personalabteilung zitiert und sofort von ihren Aufgaben suspendiert. Zu den angeblich entlassenen Mitarbeitern gehörten Zsolt Németh, Direktor des Senders M1, und Zsolt Mezei, stellvertretender Direktor für Inhalte, obwohl die MTVA die Abgänge nicht offiziell bestätigte.
Reformmandat
Die Übergangsleitung hat den Auftrag, eine umfassende Überprüfung der öffentlich-rechtlichen Medienarbeit durchzuführen, Propagandaaktivitäten zu beenden und die Nachrichtendienste zu reformieren. Das Ziel, so das Portal Telex, ist es, die ungarischen öffentlich-rechtlichen Medien in eine „glaubwürdige, objektive und unabhängige Institution“ zu verwandeln. In einer Erklärung der MTVA hieß es, die Interimsleitung werde eine Übergangsphase beaufsichtigen, nach der die ständige Leitung durch eine offene Ausschreibung ausgewählt werde, der Experten- und Bürgerkonsultationen vorausgehen. Zu den neuen Ernennungen gehören Zsófia Mészáros für die Online-Abteilung, Balázs Bodacz für den Nachrichtenbereich und György Kerényi als Leiter von Kossuth Radio.
Politischer Wandel
Die Medienreform folgt auf die Parlamentswahlen im April 2026, bei denen die TISZA-Partei unter der Führung von Péter Magyar 53,06 % der Stimmen und 138 Sitze errang, eine verfassungsgebende Mehrheit sicherte und damit 16 Jahre Fidesz-Herrschaft unter Viktor Orbán beendete. Magyar hatte die Medienreform zu einem zentralen Wahlversprechen gemacht und geschworen, ein „wirklich ausgewogenes und objektives“ öffentliches Informationssystem zu schaffen. Am Dienstag postete er auf X:
Historischer Tag. Heute ist die Propagandasendung in den ungarischen öffentlich-rechtlichen Medien endlich zu Ende gegangen. Sie haben nachts gelogen. Sie haben tagsüber gelogen. Sie haben auf jedem Kanal gelogen. Das ist das Ende.
Vermächtnis der Pressefreiheit
Unter Orbán gerieten die öffentlich-rechtlichen Medien zunehmend unter staatliche Kontrolle, und einige private Sender wurden geschlossen oder von Verbündeten der Regierungspartei übernommen. Der Ranglistenplatz Ungarns für Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen fiel von Platz 23 im Jahr 2010 auf Platz 74 im Jahr 2026. Experten weisen darauf hin, dass der Wiederaufbau des Vertrauens in die Staatsmedien ein langer Prozess sein wird.
- Die TISZA-Partei gewinnt die Parlamentswahlen mit 53,06 % der Stimmen und beendet damit 16 Jahre Fidesz-Herrschaft.
- Nachrichtensendung von M1 eingestellt; Entschuldigungsbotschaft auf dem Bildschirm eingeblendet.
- Die ständige Leitung soll nach der Übergangsphase durch eine offene Ausschreibung ausgewählt werden.


