
Zeugen widersprechen ICE-Darstellung tödlicher Schießerei in Houston – Bürgermeister fordert lokale Untersuchung
Drei Insassen des Lieferwagens von Lorenzo Salgado Araujo sagen aus, ein Einwanderungsbeamter habe durch das Beifahrerfenster geschossen, ohne dass eine Bedrohung bestanden habe. Der Bürgermeister von Houston rudert zurück und verlangt eine von der Stadt geführte Untersuchung des Tötungsdelikts vom 7. Juli.
Die tödliche Schießerei auf Lorenzo Salgado Araujo, einen 52-jährigen mexikanischen Hausbauer, durch einen ICE-Beamten in Houston am 7. Juli 2026 hat Proteste, eine Kehrtwende des Bürgermeisters und widersprüchliche Darstellungen des Geschehens ausgelöst. Neue Zeugenaussagen und Überwachungsaufnahmen widersprechen der Behauptung des Heimatschutzministeriums, der Beamte habe in Notwehr gehandelt.
Die Schießerei und die offizielle Darstellung
Am Dienstagmorgen fuhr Salgado Araujo mit seinem weißen Lieferwagen und drei weiteren Männern zu einer Baustelle, als zwei unmarkierte Geländewagen ihm zu folgen begannen. Von der Washington Post ausgewertete Aufnahmen von Sicherheitskameras zeigen, wie die Beamten den Lieferwagen aggressiv verfolgen, ihn zeitweise abschneiden und auf der falschen Straßenseite fahren. Das Heimatschutzministerium erklärte, Salgado Araujo habe ein ICE-Fahrzeug gerammt und seinen Lieferwagen „als Waffe eingesetzt, um einen Beamten zu überfahren“, woraufhin der Beamte in Notwehr geschossen habe. Salgado Araujo wurde in den Bauch getroffen und starb. Keiner der beteiligten Beamten trug eine Körperkamera, und das knapp sechs Minuten lange Video zeigt den Moment der Schießerei nicht eindeutig; zeitweise sind die Fahrzeuge durch Gebäude teilweise verdeckt. Der Bezirksstaatsanwalt von Harris County, Sean Teare, erklärte, seine Behörde sammle Überwachungsvideos und Zeugenaussagen.
Zeugen erzählen eine andere Geschichte
Drei Männer, die sich in dem Lieferwagen befanden, sprachen mit dem Anwalt Hugo Balderas Ibarra und sagten ihm, der Beamte habe durch das Beifahrerfenster geschossen und kein Beamter sei je in Gefahr gewesen. Die Männer wurden später von der ICE festgenommen.
Nachdem ich mit diesen Männern gesprochen habe, habe ich keinen Zweifel daran, dass das, was sie sagen, der Wahrheit entspricht. Ich weiß, dass diese Beamten – die Behörde – versuchen werden, die Sache zu vertuschen.
Salgado Araujo hatte 35 Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt, war nicht vorbestraft und stand kurz vor dem Abschluss des Verfahrens zur Erlangung eines legalen Aufenthaltsstatus. Ein Sprecher des Heimatschutzministeriums erklärte später, er sei nicht das Ziel der Einwanderungsaktion gewesen; die Beamten hätten nach einem anderen Mann gesucht.
Welle der Empörung in Houston
Binnen eines Tages marschierten mehr als tausend Demonstranten durch Houstons East End und skandierten „ICE raus aus Houston“. Anwohner des mehrheitlich hispanischen Viertels legten Blumen, Kerzen und Luftballons am Tatort nieder.
Die Nachbarschaft ist frustriert über die andauernden Razzien und die Verschleppung hart arbeitender Menschen, die hierherkommen, um für ihre Familien zu sorgen.
Bei einer Mahnwache am 11. Juli, die von der Dienstleistungsgewerkschaft SEIU organisiert wurde, rührten Salgado Araujos Söhne Ronaldo und ein jüngerer Bruder die Menge zu Tränen, als sie von der Liebe ihres Vaters zum Fußball und dem amerikanischen Traum sprachen.
Politische und rechtliche Folgen
Der Bürgermeister von Houston, John Whitmire, hatte zunächst erklärt, die Stadt habe keine Zuständigkeit, am 10. Juli vollzog er jedoch nach Bekanntwerden der Zeugenaussagen eine Kehrtwende. Er forderte das FBI auf, Informationen weiterzugeben, und erklärte, die Polizei von Houston und die Staatsanwaltschaft würden eigene Ermittlungen durchführen. Die mexikanische Regierung erhob formelle Beschwerde gegen die Tötung. Der Vorfall hat auch die Kritik an der Einwanderungspolitik der Trump-Administration neu entfacht, deren landesweite Verhaftungen durch die ICE in einem Fünf-Tage-Zeitraum auf 10.000 angestiegen sind, was teilweise auf massive Finanzmittel des Kongresses zurückzuführen ist.
Zeitleiste der wichtigsten Entwicklungen
- ICE-Beamter erschießt Lorenzo Salgado Araujo auf dem Weg zur Arbeit
- Mehr als 1.000 Demonstranten marschieren am Tatort und skandieren ‚ICE raus aus Houston‘
- Bürgermeister John Whitmire vollzieht Kehrtwende, fordert unabhängige Untersuchung durch Stadtpolizei und Staatsanwaltschaft
- Söhne halten Mahnwache ab; Anwalt der drei Insassen sagt, Beamter habe ohne Bedrohung durch Beifahrerfenster geschossen


