
Türkisches Gericht verbietet unabhängiges Nachrichtenportal T24 wegen 118 LGBTQ+-Artikeln
Istanbuls 1. Friedensstrafgericht hat am 30. September 2026 eine Zugangssperre für das unabhängige Nachrichtenportal T24 angeordnet und sich dabei auf 118 Artikel berufen, die im Rahmen einer umfassenderen staatlichen Untersuchung als LGBTQ+-Propaganda eingestuft wurden.
Gerichtsbeschluss und Vorwürfe des Ministeriums
Am 30. September 2026 erließ Istanbuls 1. Friedensstrafgericht eine Anordnung, mit der der Zugang zur Website und zu den Social-Media-Konten des unabhängigen türkischen Nachrichtenportals T24 gesperrt wird. Das türkische Justizministerium teilte mit, die Entscheidung sei zur Umsetzung an die Präsidialbehörde für Cybersicherheit weitergeleitet worden. Laut der Erklärung des Ministeriums identifizierten die Behörden bei ihrer Überwachung 118 Artikel und Medienbeiträge, die T24 im vergangenen Jahr veröffentlicht habe und die angeblich LGBTQ+-Propaganda darstellten. Das Ministerium behauptete, diese Veröffentlichungen zielten darauf ab, die türkische Familienstruktur zu schwächen und die Entwicklung Jugendlicher in Bezug auf sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität negativ zu beeinflussen.
- Die Polizei startet die Operation „Meine Familie ist sicher“ mit Razzien in Ankara, Istanbul und Izmir.
- Ein Istanbuler Gericht ordnet wegen 118 Artikeln die Zugangssperre für die Website und die Social-Media-Konten von T24 an.
- Engelliweb dokumentiert Zugangssperren gegen mindestens 147 X-Konten an einem einzigen Tag.
Umfang der Kampagne „Meine Familie ist sicher“
Das Verbot von T24 stellt eine Ausweitung einer staatlich geführten Untersuchung mit dem Titel „Meine Familie ist sicher“ (Ailem Güvende) dar. Die türkische Polizei startete die Operation am 12. September 2026 mit Razzien in LGBTQ+-Zentren, Bars und Clubs, die in Ankara, Istanbul und Izmir zu Dutzenden Festnahmen führten. Die Staatsanwaltschaft erhob unter anderem Anklage wegen Obszönität gegen die festgenommenen Aktivistinnen und Aktivisten. Die Kampagne weitete sich anschließend auf Online-Äußerungen aus und führte zu Zugangssperren gegen Menschenrechtsorganisationen, darunter die türkische Sektion von Amnesty International. Die Internetbeobachtungsgruppe Engelliweb berichtete, die Behörden hätten allein am 30. September 2026 mindestens 147 X-Konten gesperrt, darunter auch solche von Journalisten und Finanzanalysten, die sich zu einem Skandal an der heimischen Börse geäußert hatten.
Reaktion der Redaktion und der Opposition
Das 2009 gegründete T24 ist eine der wichtigsten unabhängigen Online-Publikationen der Türkei und unterhält ein X-Konto mit rund 2 Millionen Followern. Chefredakteur Gökçer Tahincioğlu erklärte, der Sperranordnung sei eine koordinierte Verleumdungskampagne in den sozialen Netzwerken vorausgegangen, die dem Portal ausländische Finanzierung und eine familienfeindliche Haltung vorwarf. Die Redaktion bestätigte, die Schließungsanordnung am Mittwochabend per E-Mail erhalten zu haben, und kündigte an, gegen die Entscheidung vorzugehen, sobald sie offiziell zugestellt sei.
Oppositionspolitiker kritisierten die gerichtliche Anordnung scharf. Özgür Özel, Vorsitzender der oppositionellen Yeni Parti, verwies auf die verfassungsrechtlichen Garantien der Medienfreiheit.
In einem Land, dessen Verfassung sagt: ‚Die Presse ist frei und darf nicht der Zensur unterliegen‘, wird die Tür einer Publikation, aus der Millionen Menschen Nachrichten beziehen, durch die Entscheidung eines Strafgerichts aus nichtigen Gründen verschlossen.
Auch die Sprecherin der DEM-Partei, Ayşegül Doğan, verurteilte das Eingreifen des Gerichts in einer öffentlichen Erklärung.
Demokratie wird nicht nur dort gestärkt, wo das gesagt wird, was wir hören wollen, sondern dort, wo vielfältige und kritische Stimmen frei sind. Zensurpraktiken gegen Journalisten, Schriftsteller und Medienorganisationen müssen jetzt ein Ende haben.
Kontext der Pressefreiheit und internationale Reaktionen
Ein Bündnis aus 13 journalistischen Berufsorganisationen veröffentlichte eine gemeinsame Erklärung, in der es das Urteil als Angriff auf den Beruf bezeichnete und argumentierte, die Operation „Meine Familie ist sicher“ habe von Anfang an die Meinungsfreiheit zum Ziel gehabt. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 163 von 180 Ländern. Die Europäische Union und Human Rights Watch forderten die türkischen Behörden auf, die gezielte Verfolgung unabhängiger Medien zu beenden und die Meinungsfreiheit zu wahren.

