Zehn Jahre nach dem OEZ-Anschlag in München: Eltern fordern immer noch Anerkennung als rechten Terror
Zum zehnten Jahrestag des rassistischen Schusswaffenangriffs im Münchner Olympia-Einkaufszentrum schildern die Eltern des 14-jährigen Can Leyla die Nacht, in der sie von seinem Tod erfuhren, und ihren anhaltenden Kampf, den Anschlag als rechten Terror einstufen zu lassen.
Der Anschlag und die verzweifelte Suche
Am 22. Juli 2016 war Hasan Leyla bei der Arbeit, als seine Frau panisch anrief: Ihr 14-jähriger Sohn Can befand sich im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München, und es waren Schüsse gefallen. Das Paar eilte zum Tatort, wurde dann mit einem Shuttlebus zu einem Sammelpunkt für Angehörige gebracht. Sie verbrachten Stunden in der Warteschleife der Polizei und erhielten, wie Hasan später beschrieb, null Informationen.
Die Informationen waren null, wirklich null Komma null.
Als er endlich durchkam, sagte ihm ein Polizeibeamter, dass Cans Name nicht auf der Liste der Toten stehe. Aber der Junge blieb vermisst, und die Familie suchte die ganze Nacht weiter.
Ein Klopfen an der Tür um 3:30 Uhr
Um 3:30 Uhr morgens erschien ein Polizeibeamter an ihrer Haustür. „Es tut mir leid, Ihr Sohn ist tot“, erinnert sich der Vater an die Worte des Beamten. Schockiert unterschrieb er ein Formular, das die Benachrichtigung bestätigte, und gab es zurück. Der Beamte stieg dann in seinen Streifenwagen und fuhr davon. Sibel Leyla glaubt, dass die Behörden viel früher wussten, dass Can zu den neun Todesopfern gehörte – alle bis auf eines waren Teenager.
Sie wussten von Anfang an, dass er unter den Toten war. Und sie ließen uns bis zum Morgen leiden, ohne Informationen.
Der Kampf um das Motiv
Im März 2017 stellten die Staatsanwälte die Ermittlungen ein und beschrieben den 18-jährigen Täter als einen psychisch labilen jungen Mann, der in der Schule gemobbt worden war und Teenager angriff, die er als seine Peiniger ansah. Sie sagten, er habe extreme Fremdenfeindlichkeit entwickelt und Nazi-Parolen verwendet, kamen aber zu dem Schluss, dass die Tat nicht politisch motiviert war. Die Leylas lehnten diese Darstellung ab. Alle Opfer hätten Migrantennamen, betont Hasan, und die Mobbing-Erzählung lasse den Schützen wie „den armen Kerl“ aussehen, während ihre Kinder als Täter dargestellt würden.
Warum wird es nicht als rechter Terror bezeichnet?
Es dauerte bis Oktober 2019, bis die Ermittler die Tat als rechtsextremistisch einstuften. Für die Leylas kam das zu spät und geht noch immer nicht weit genug.
- Ein 18-jähriger Täter tötet neun Menschen im Olympia-Einkaufszentrum und nimmt sich dann das Leben.
- Die Polizei teilt Hasan und Sibel Leyla mit, dass ihr Sohn Can unter den Toten ist.
- Die Staatsanwaltschaft kommt zu dem Schluss, dass die Tat nicht politisch motiviert war, und verweist auf psychische Probleme und Mobbing des Täters.
- Ermittler stufen die Tat als rechtsextremistisch motiviert ein.
Zehn Jahre Trauer und Wut
Ein Jahrzehnt später ist der Schmerz noch immer roh. Das Paar spricht von Enttäuschung und Wut, nicht nur gegenüber der Polizei, sondern auch gegenüber der politischen Reaktion. Sie sagen, sie seien durch den Umgang der Behörden mit dem Fall immer wieder verletzt und traumatisiert worden. Zusammen mit den anderen Familien der neun Opfer suchen sie weiter nach Antworten und wollen die Gesellschaft dazu zwingen, sich mit der rassistischen Natur der Gewalt auseinanderzusetzen. Der zehnte Jahrestag, so sagen sie, sei kein Moment des Abschlusses, sondern eine Erinnerung an ein Versprechen, das sie ihrem Sohn gegeben haben: dass sein Tod nicht vergessen wird und dass die Wahrheit gesagt wird.
