
Niederländischer König Willem-Alexander erhält fünfbändige Studie zur Kolonialgeschichte der Königsfamilie
Der Historiker Gert Oostindie und 60 Forschende haben König Willem-Alexander nach vierjähriger Arbeit fünf Bände über die kolonialen und sklavereibezogenen Verflechtungen des Hauses Oranien-Nassau seit 1600 übergeben.
Königliches Archiv: Untersuchung veröffentlicht
König Willem-Alexander der Niederlande erhält am Freitag die Ergebnisse einer unabhängigen historischen Untersuchung zur Kolonialgeschichte des Hauses Oranien-Nassau. Unter der Leitung des Historikers Gert Oostindie, emeritierter Professor für Kolonial- und Postkolonialgeschichte an der Universität Leiden, hat ein Team von rund 60 Forschenden fast vier Jahre lang die überseeische Rolle der königlichen Dynastie von 1600 bis zur Gegenwart untersucht. Das Ergebnis umfasst fünf Bände: vier ausführliche wissenschaftliche Studien und einen zusammenfassenden Band für die breite Öffentlichkeit. Willem-Alexander hatte das Forschungsprojekt Ende 2022 angestoßen und finanziert, um eine faktenbasierte Grundlage zur Beteiligung des Königshauses an der niederländischen Kolonialverwaltung in den ehemaligen Territorien zu schaffen.
- König Willem-Alexander beauftragt Gert Oostindie mit der Leitung einer unabhängigen Studie zur königlichen Kolonialgeschichte
- König Willem-Alexander entschuldigt sich in einer Rede in Amsterdam offiziell für die Beteiligung des Königshauses an der Sklaverei
- Indigene Anführer und Nachfahren versklavter Menschen in Paramaribo gewähren dem niederländischen König Vergebung
- Die Forschenden übergeben dem niederländischen Monarchen die fertigen fünfbändigen Ergebnisse zur Kolonialgeschichte
Unabhängigkeit und Zugang zum königlichen Archiv
Die Forschenden erhielten uneingeschränkten Zugang zum privaten Königlichen Hausarchiv (Koninklijk Huisarchief) – erstmals konnten unabhängige Historiker diese Familiensammlungen gezielt für die Kolonialforschung auswerten. Oostindie betonte, der Monarch habe über den mehrjährigen Prozess strikte Distanz gewahrt und keine Zwischenberichte angefordert, um die wissenschaftliche Unabhängigkeit des Projekts zu schützen. Willem-Alexander hatte zuvor die Nutzung der Goldenen Kutsche aufgegeben, sich für militärische Gewalt der Niederlande in Indonesien entschuldigt und das Verhalten der früheren Monarchin Wilhelmina während des Zweiten Weltkriegs thematisiert. Seinen Umgang mit der unbequemen Familiengeschichte hatte der König bereits in früheren öffentlichen Äußerungen erläutert.
Ich finde es wichtig, mit offenem Visier auf die Geschichte zu blicken. Was geschehen ist, darf nicht verborgen werden.
Bekannte Einnahmen und Kolonialverwaltung
Frühere wissenschaftliche Studien haben mehrere konkrete Fakten zu den Verbindungen des Königshauses zu niederländischen Kolonialunternehmen belegt. Obwohl die Niederländische Republik keine absolute Monarchie wie England oder Spanien war und die Kolonien von bürgerlich geführten Handelsgesellschaften verwaltet wurden, waren die Statthalter und das Königshaus eng mit den Geschäften verbunden. Eine 2023 im Auftrag des Staates erstellte Studie ergab, dass aufeinanderfolgende Statthalter zwischen 1675 und 1770 inflationsbereinigt mehr als 500 Millionen Euro aus Gewinnen erzielten, die mit der Westindischen Kompanie (WIC) und dem Handel mit versklavten Menschen zusammenhingen; Dividenden der Vereinigten Ostindischen Kompanie (VOC) blieben dagegen unberechnet. 2017 ergaben Archivfunde, dass Statthalter Willem V. zwischen 1766 und 1795 zwei Jungen aus Guinea als Geschenk erhielt, um überseeischen Einfluss zur Schau zu stellen. König Willem I. verbot 1814 den Sklavenhandel auf niederländischen Schiffen, gründete aber die Niederländische Handelsgesellschaft (NHM), die auf Java Naturalabgaben einzog.
Reaktionen und institutionelle Verantwortung
Vertreter der Zivilgesellschaft und Historiker sehen die Veröffentlichung als wesentlichen Schritt zum Verständnis der institutionellen Wirkung der Monarchie. Astrid Elburg, Vorsitzende des Komitees zum Gedenken an die Sklaverei, betonte, die Prioritäten der Gemeinschaft lägen auf der Auseinandersetzung mit seit Langem bestehenden strukturellen Ungleichheiten und nicht auf finanziellen Entschädigungen.
Es gibt alle möglichen Benachteiligungen, die den Nachfahren entstanden sind, etwa in der Bildung. Wie können wir das wiedergutmachen?
Willem-Alexander will nach der Vorstellung der Bücher eine offizielle Stellungnahme abgeben. Der Veröffentlichung vorausgegangen war ein emotionales Treffen Ende 2025 in Paramaribo, Suriname, bei dem indigene Anführer und Nachfahren versklavter Menschen dem niederländischen Monarchen für die Taten seiner Vorgänger Vergebung gewährten.


