Sachsens Ausbildungsmarkt wandelt sich: Unternehmen werden wählerischer
Nach Jahren der Besetzung aller Ausbildungsplätze lehnen sächsische Unternehmen nun Kandidaten ab, die nicht perfekt passen – getrieben von wirtschaftlicher Unsicherheit und einem abkühlenden Automobilsektor, während die Dresdner Chipindustrie ihre eigenen Ausbildungsprogramme ausbaut.
Ein gebrochener Trend
Ein langjähriges Muster auf dem sächsischen Ausbildungsmarkt ist beendet. Jahrelang stellten Unternehmen auch weniger geeignete Kandidaten ein und versuchten, Qualifikationslücken während der Ausbildung zu schließen. Jetzt ziehen sie sich zurück. „Wir erleben einen neuen Trend. Unternehmen sagen: Wenn ich nicht hundertprozentig sicher bin und ein Kandidat nicht perfekt passt, dann halte ich lieber Abstand“, sagte Torsten Köhler, Geschäftsführer Bildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden. Der Wandel folgt auf schwierige Erfahrungen der letzten Jahre, als viele Auszubildende Probleme hatten oder vor Abschluss der Qualifikation abbrachen.
Dieser sofortige Drang, wie er noch vor einigen Jahren bestand, die Stellen um jeden Preis zu besetzen und die Leute irgendwie durch die Ausbildung zu bringen, weil sie dringend gebraucht wurden, ist verschwunden.
Abschwung in der Automobilindustrie
Der Wandel ist am deutlichsten im verarbeitenden Gewerbe zu sehen, besonders bei kleinen und mittleren Unternehmen. Carsten Wurtmann, Sprecher der IHK Leipzig, sagte, viele Firmen seien aufgrund des angespannten wirtschaftlichen Klimas vorsichtig geworden und stellten weniger Auszubildende ein. Besonders stark kürzt die Automobilindustrie im Südwesten Sachsens. „Wer da reinkommen möchte, hat es natürlich schwerer“, bemerkte Köhler. Auch Leipzig verzeichnet einen Rückgang, Unternehmen zeigen Zurückhaltung beim Abschluss von Ausbildungsverträgen. Die Planung, so erklärte er, folge den Geschäftsaussichten und Personalstrukturen und spiegele den gesamtwirtschaftlichen Trend wider.
Stabile Gesamtzahlen
Trotz der Selektivität sinkt die Gesamtzahl der neuen Auszubildenden nicht. Die IHK Dresden hat bereits 3.600 unterzeichnete Verträge registriert, und Köhler schätzt, dass in den kommenden Wochen weitere 1.000 hinzukommen werden. Das würde dem Niveau des Vorjahres entsprechen. Die Zahlen deuten darauf hin, dass sich zwar einige Sektoren zurückziehen, andere die Nachfrage jedoch absorbieren, sodass die Gesamtzahl stabil bleibt, auch wenn sich die Zusammensetzung verschiebt.
Gegenströmung im Chip-Sektor
In Dresden verändert der Mikrochip-Boom die Ausbildungslandschaft. Die ESMC, das Joint Venture des taiwanesischen Giganten TSMC mit Bosch, Infineon und NXP Semiconductor, rekrutiert aggressiv vor dem Produktionsstart ihrer neuen Fabrik im Sommer 2027. Das Joint Venture begann vor einem Jahr mit der Ausbildung von Azubis und plant, die Zahl der Neueinstellungen in den nächsten drei bis vier Jahren jedes Jahr zu verdoppeln. „In den nächsten drei bis vier Jahren werden sie ihre Azubi-Zahlen weiter verdoppeln, bis sie eine bestimmte Kernbelegschaft haben, zu der vorübergehend auch Fachkräfte aus Taiwan gehören werden, um das Unternehmen aufzubauen“, sagte Köhler. Auch die etablierten Player Infineon und Global Foundries bauen nach jüngsten Produktionskapazitätserweiterungen ihre Ausbildungsprogramme aus.
- ESMC beginnt mit der Ausbildung von Azubis, ein Jahr vor dem aktuellen Ausbildungsjahr.
- ESMC rekrutiert aktiv für Ausbildungsplätze vor dem Produktionsstart 2027.
- Die neue Fabrik von ESMC in Dresden nimmt die Produktion auf.
- Die Zahl der Azubi-Einstellungen verdoppelt sich jedes Jahr, um eine Kernbelegschaft aufzubauen, vorübergehend ergänzt durch Fachkräfte aus Taiwan.
Der Fünf-Jahres-Horizont
Hinter den Einstellungsentscheidungen steht ein langer Planungszyklus. Unternehmen müssen ein volles Jahr vor Ausbildungsbeginn entscheiden, ob sie einen Ausbildungsplatz anbieten, die Ausbildung selbst dauert drei Jahre, und größere Firmen haben dann eine einjährige Verpflichtung, den Absolventen weiterzubeschäftigen. Dieser Fünf-Jahres-Ausblick macht die gegenwärtige Unsicherheit zu einer starken Bremse. „Die Situation ist derart unsicher, dass die Unternehmen nicht wissen, wie die Lage in sechs Monaten oder einem Jahr aussieht. Also sind sie natürlich vorsichtig“, sagte Köhler. Das Ergebnis ist ein Markt, auf dem nur Kandidaten, die perfekt passen, ein Angebot erhalten, während die anderen eine schwierigere Suche haben als in der jüngeren Vergangenheit.


