
Schweizer Stimmvolk lehnt 10-Millionen-Deckel ab, Einwanderungsdebatte ist längst nicht zu Ende
Das Schweizer Stimmvolk hat die SVP-Initiative zur Begrenzung der Bevölkerung auf 10 Millionen mit 55 Prozent Nein abgelehnt. Die klare Niederlage der Initiative beendet die hitzige Debatte über Zuwanderung, Wohnraum und öffentliche Dienstleistungen jedoch nicht, sondern ebnet den Weg für einen Showdown bei den anstehenden EU-Verträgen.
Das Schweizer Stimmvolk hat am Sonntag, dem 14. Juni, mit 55 Prozent Mehrheit Nein zur sogenannten 10-Millionen-Initiative gesagt. Die Abstimmung war eine deutliche Ablehnung des Plans der Schweizerischen Volkspartei (SVP), eine starre Bevölkerungsgrenze in der Verfassung zu verankern. Dennoch zufriedenstellte das Ergebnis kaum jemanden: Die Gegner feierten das Ende einer von ihnen sogenannten «Chaos-Initiative», während die SVP darauf beharrte, dass das grosse Ja-Lager ein «unmissverständliches Signal» gesendet und die Verantwortung auf die anderen Parteien übertragen habe.
Was die Initiative vorsah
Die Nachhaltigkeitsinitiative hätte die ständige Wohnbevölkerung auf 10 Millionen begrenzt. Die Befürworter argumentierten, dass das unkontrollierte Wachstum Verkehr, Wohnraum und Umwelt belaste. Die SVP stellte sie als notwendige Bremse für die Zuwanderung und als Weg dar, die Politik zu zwingen, sich mit der öffentlichen Unruhe zu befassen. Kritiker warnten, dass sie der Wirtschaft, den Beziehungen zur EU und dem Rentensystem schaden würde, die alle auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sind.
Bis. Heute. Nicht. Umgesetzt.
Parteireaktionen stecken Positionen nach der Abstimmung ab
An einem Fernseh-Roundtable am Sonntagabend interpretierten die Parteispitzen den Ausgang radikal unterschiedlich. SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer bezeichnete ihn als Ablehnung einer «SVP-Trump-Schweiz» und forderte ein Ende der Sündenbockpolitik gegenüber Migranten. FDP-Co-Präsident Benjamin Mühlemann deutete das Nein als Beleg dafür, dass die Stimmbürger verstanden hätten, dass die Initiative mehr Probleme schaffen als lösen würde. Mitte-Präsident Philipp Matthias Bregy räumte eine echte Unzufriedenheit in der Bevölkerung ein und plädierte für einen qualitativen Ansatz beim Wachstum anstelle einer numerischen Grenze. Der SVP-Präsident Marcel Dettling warf den anderen Parteien vor, «das Land mit der Stadt überrollt» zu haben, und warnte, dass der Druck anhalten werde, insbesondere bei künftigen EU-Abkommen.
Die Bevölkerung hat Nein gesagt zu einer SVP-Trump-Schweiz - und zur Stimmungsmache auf dem Buckel von Menschen ohne Schweizer Pass.
Die zugrunde liegenden Spannungen bleiben ungelöst
Kommentatoren stellten fest, dass das Nein Zeit erkauft, aber nichts gelöst habe. Die Schweiz ist auf Zuwanderung angewiesen, um Stellen im Gesundheitswesen, im Baugewerbe und im Gastgewerbe zu besetzen und ihr umlagefinanziertes Rentensystem (AHV) zu stützen. Italienische Krankenhäuser verlieren Krankenschwestern, die direkt in Rom angeworben werden; Schweizer Unternehmen stopfen Lücken mit ausländischen Talenten, während die einheimische Ausbildung und Bindung hinterherhinken. Ein Ruf nach «Inländervorrang» liegt nun in der Luft, aber dessen Umsetzung würde bessere Arbeitsbedingungen, mehr Ausbildung und eine längere Verweildauer älterer Arbeitnehmer im Arbeitsmarkt erfordern.
Das ist keine Stärke. Das ist Abhängigkeit.
Eine Geschichte von Einwanderungsabstimmungen bereitet den Boden
Die 10-Millionen-Initiative ist die jüngste in einer Reihe von direktdemokratischen Auseinandersetzungen über die Migration. 2014 nahmen die Stimmberechtigten die Masseneinwanderungsinitiative an, die die Regierung später in der Umsetzung abschwächte. Vor sechs Jahren wurde eine weitere Begrenzungsinitiative abgelehnt. Der lange Bogen dieser Abstimmungen zeigt eine Bevölkerung, die dem Wachstum skeptisch gegenübersteht, aber nur widerwillig starre Quoten akzeptiert.
- Stimmvolk nimmt Masseneinwanderungsinitiative (MEI) an
- Stimmvolk lehnt Begrenzungsinitiative ab
- Stimmvolk lehnt 10-Millionen-Deckel ab (55 % Nein)
Internationale Medien nehmen Notiz
Der deutsche Spiegel nannte das Ergebnis eine «überraschend deutliche Ablehnung» und argumentierte, dass die Schweizer Stimmbürger populistischer Angstmache widerstanden hätten. Die Bild zitierte einen Raumplaner, der darauf bestand, dass selbst 16 Millionen Einwohner bei guter Planung beherrschbar seien. Die BBC hob die Abstimmung als «kontrovers» hervor und stellte fest, dass die Argumente über den Bedarf an Fachkräften stärker gewesen seien als die SVP-Warnungen vor Infrastrukturdruck. Die New York Times, mit einem Reporter vor Ort in Bern, bezeichnete das Nein als Niederlage einer der drastischsten Anti-Einwanderungsmassnahmen, die je in einem europäischen Land vorgeschlagen wurden. Auch der österreichische öffentlich-rechtliche Rundfunk ORF berichtete.
EU-Verträge stehen als nächstes Schlachtfeld bevor
Der Kampf um die Einwanderung verlagert sich nun auf die anstehenden Abstimmungen über die Rahmenabkommen mit der Europäischen Union. Dieselbe Frage, wie viel Kontrolle die Schweiz will versus wie viel Offenheit sie braucht, wird den Wahlkampf dominieren. Mehrere Parteispitzen verknüpften das Nein explizit mit der Notwendigkeit, «stabile Beziehungen» zur EU zu sichern, während die SVP signalisierte, dass sie den Druck auf die Regierung aufrechterhalten werde, eine strengere Asyl- und Migrationspolitik durchzusetzen.


