
Schweizer lehnen Vorschlag zur Begrenzung der Bevölkerung auf 10 Millionen ab und bewahren die EU-Freizügigkeit
In einer vielbeachteten Abstimmung lehnten 55% der Schweizer Stimmberechtigten die Initiative der rechtsgerichteten Volkspartei zur Begrenzung der Wohnbevölkerung auf zehn Millionen bis 2050 ab und vermieden so eine mögliche Konfrontation mit Brüssel.
Stimmberechtigte lehnen Bevölkerungsdeckel ab
Die Schweizer Stimmberechtigten haben die Initiative «Keine 10 Millionen» am Sonntag, den 14. Juni, in einer Volksabstimmung klar abgelehnt. Hochrechnungen zeigen 55% Gegenstimmen und 45% Ja-Stimmen und beenden damit monatelange Debatten, die mit dem Brexit in Grossbritannien verglichen wurden. Der von der rechtsgerichteten Schweizerischen Volkspartei (SVP) unterstützte Vorschlag hätte eine Bevölkerungsgrenze von 10 Millionen in der Verfassung verankert und Massnahmen ausgelöst, darunter die eventuale Beendigung der Freizügigkeit mit der Europäischen Union.
Die 10-Millionen-Initiative
Die Initiative zielte darauf ab, die Wohnbevölkerung bis 2050 auf 10 Millionen zu begrenzen. Bei Erreichen von 9,5 Millionen wäre die Regierung verpflichtet gewesen, Asyl und Familiennachzug einzuschränken und als letztes Mittel aus dem Freizügigkeitsabkommen mit der EU auszutreten. Die Bevölkerung der Schweiz liegt derzeit bei 9,1 Millionen, wobei Ausländer fast 28% ausmachen. Offizielle Prognosen deuten darauf hin, dass die 10-Millionen-Marke Anfang der 2040er Jahre erreicht worden wäre, weit vor dem Stichtag. Die SVP stellte die Kampagne als «Nachhaltigkeitsinitiative» dar und argumentierte, dass die ungebremste Einwanderung Infrastruktur, Wohnungsbau und öffentlichen Verkehr belaste.
- Nein
- 55
- Ja
- 45
Stadt-Land-Graben
Die Abstimmung offenbarte eine deutliche geografische Spaltung. In den französischsprachigen Westkantonen war die Ablehnung überwältigend: 67,3% «Nein» im Kanton Neuenburg und 64,5% in der Waadt. Demgegenüber verzeichnete der kleine ländliche Kanton Appenzell Innerrhoden mit 65,9% den höchsten Ja-Anteil, gefolgt von Schwyz mit 63,2%. Eine hohe Beteiligung in den Städten gab letztlich den Ausschlag, so Lukas Golder von gfs.bern.
Das Land hat ganz klar 'Ja' gesagt, aber die Städte haben das Zünglein an der Waage gespielt.
Wirtschaftliche Ängste und EU-Beziehungen
Gegner, darunter die Bundesregierung, die meisten bürgerlichen Parteien und Wirtschaftsverbände, warnten, dass ein Ende der Freizügigkeit die Wirtschaft lähmen und die Beziehungen zu Brüssel gefährden würde. Monika Rühl, Präsidentin von Economiesuisse, bezeichnete das Ergebnis als Erleichterung und betonte die Notwendigkeit des fortgesetzten Zugangs zu Fachkräften über das Freizügigkeitsabkommen. Patrick Leisibach, Migrationsexperte der Denkfabrik Avenir Suisse, sagte, persönliche Wohlfahrtsbedenken hätten zur Ablehnung geführt: «Sie fragen sich: 'Wer wird mich im Restaurant bedienen?' und 'Wer wird mich pflegen, wenn ich alt bin?'» Die Abstimmung verhinderte auch eine erneute Konfrontation mit der EU, nachdem Präsident Donald Trump 2025 die höchsten US-Zölle auf Schweizer Waren verhängt hatte.
- Neuenburg
- 32.7 %
- Waadt
- 35.5 %
- Appenzell Innerrhoden
- 65.9 %
- Schwyz
- 63.2 %
- Gesamt
- 45 %
Politische Reaktionen
Trotz der Niederlage wertete die SVP die 45% Zustimmung als Auftrag zum Handeln. Stephanie Gartenmann, SVP-Kantonsparlamentarierin aus Bern, sagte, das Ergebnis sei «ein klares Signal, dass wir etwas tun müssen», und fügte hinzu, die Schweiz müsse sich auf «qualitative Zuwanderung» konzentrieren, um ihre Lebensqualität zu erhalten. Parteipräsident Marcel Dettling warnte, dass die zugrundeliegenden Probleme nicht verschwinden würden, und forderte die Gegner auf, sie anzugehen. In einer separaten Abstimmung stimmten die Schweizer für eine Reform, die den Zivildienst unattraktiver machen soll, mit 53% Zustimmung.


