
Fünf ostdeutsche Ministerpräsidenten drohen, die Bundespensionsreform zu blockieren, und lehnen das Ende der Frührente mit 63 ab
Die CDU-Ministerpräsidenten von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben sich gemeinsam mit den SPD-Spitzen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern öffentlich gegen einen zentralen Bestandteil der Rentenreform von Kanzler Merz gewandt: die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente nach 45 Beitragsjahren, die allgemein als 'Rente mit 63' bekannt ist.
Der Aufstand
Drei ostdeutsche CDU-Ministerpräsidenten (Michael Kretschmer aus Sachsen, Sven Schulze aus Sachsen-Anhalt und Mario Voigt aus Thüringen) legten am Donnerstag ein gemeinsames Positionspapier vor, das eine zentrale Empfehlung der staatlichen Rentenkommission ablehnt. Sie fordern den Erhalt der abschlagsfreien Frührente nach 45 Versicherungsjahren, eine Maßnahme, die umgangssprachlich als "Rente mit 63" bekannt ist, obwohl der vorzeitige Ausstieg nun erst ab 64,5 Jahren möglich ist. Auch zwei ostdeutsche SPD-Ministerpräsidenten (Dietmar Woidke aus Brandenburg und Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern) haben sich gegen die Abschaffung ausgesprochen.
Ohne Veränderungen werden wir bei der Renten- und der Pflegereform im Bundesrat nicht zustimmen können. Und wenn andere Länder auch nicht zustimmen, dann gibt es diese Renten- und Pflegereform nicht.
Warum der Osten sich eingräbt
Die Rentenlandschaft in Ostdeutschland unterscheidet sich stark von der im Westen. Laut dem Alterssicherungsbericht der Bundesregierung sind drei Viertel der Ostdeutschen ausschließlich auf die gesetzliche Rente angewiesen, ohne betriebliche oder private Zusatzvorsorge. Im Westen sind weniger als die Hälfte der Rentner in dieser Lage. Nur ein Fünftel der ostdeutschen Rentner erhält eine Betriebsrente, die im Durchschnitt 255 Euro pro Monat beträgt, weniger als die Hälfte der Westzahlungen. Kretschmer verwies auf Durchschnittsrenten in Sachsen von 1.300 bis 1.500 Euro bei Pflegeheimkosten von über 3.000 Euro pro Monat. Er argumentierte, dass ostdeutsche Erwerbsbiografien, geprägt von der Industrietransformation nach der Wiedervereinigung, "Respekt und Berücksichtigung" verdienen.
In Sachsen liegen die Durchschnittsrenten bei 1.300 bis 1.500 Euro. Der Eigenanteil für einen Pflegeplatz liegt bei mehr als 3000 Euro. Hier kämpfen wir für die Menschen im Osten, die eben andere Erwerbsbiografien haben.
Wahlhintergrund
Der Aufstand findet fünf Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September statt, bei der Schulzes CDU 17 Prozentpunkte hinter der AfD liegt. In Mecklenburg-Vorpommern, wo am 20. September gewählt wird, liegt Schwesigs SPD seit Monaten 7 bis 9 Punkte hinter der AfD, obwohl sich der Abstand leicht verringert hat. Beide Spitzenpolitiker kämpfen um ihr politisches Überleben, und die Verteidigung der Frührente kommt bei der älteren Wählerschaft in Ostdeutschland gut an. Kommentatoren des Tagesspiegels wiesen den Schritt als durchsichtiges Wahlkampfmanöver zurück und stellten fest, dass der Bundesrat das Gesetz nicht blockieren, sondern nur über den Vermittlungsausschuss verzögern könne, da die Abschaffung der Frührente ein Einspruchsgesetz ist, das der Bundestag überstimmen kann.
Das Reformpaket auf dem Spiel
Ende Juni legte die Rentenkommission 33 Empfehlungen vor. Bundeskanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas bezeichneten das Paket als "Gesamtkunstwerk", das nur als Ganzes funktioniere. Die Streichung der abschlagsfreien Frührente ist der finanzielle Dreh- und Angelpunkt; ohne sie kann das Kernstück, eine neue kapitalgedeckte Rentensäule, laut Frankfurter Allgemeine nicht finanziert werden. Bleibt die Frührente erhalten, würden die Sozialabgaben, die bereits auf 46 bis 47 Prozent des Bruttolohns prognostiziert werden, um mindestens einen weiteren Prozentpunkt steigen.
Die Alterssicherungskommission hat für ihre Empfehlungen schwierige Kompromisse ausgehandelt, um die jetzt einsetzende Phase akuter demografischer Alterung zu bewältigen und die Altersversorgung mittel- bis langfristig wieder deutlich zu verbessern.
Bundesrat-Arithmetik und Reaktionen
Die fünf ostdeutschen Länder zusammen halten nur 19 der 69 Bundesratssitze, weit unter den 35, die für eine Mehrheit erforderlich sind. Der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Sepp Müller, der einen Wahlkreis in Sachsen-Anhalt vertritt, bestand darauf, dass das Prinzip der Abschaffung der Frührente bestehen bleiben müsse, und bezeichnete die Vorschläge der Kommission als ein "sehr ausgewogenes Gesamtpaket" mit höheren Grundrentenzuschlägen, die ostdeutschen Rentnern zugutekommen. BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht unterstützte die Ministerpräsidenten, stellte jedoch den Zeitpunkt in Frage und nannte ihre Haltung "fünf Wochen vor der Wahl völlig unglaubwürdig". FDP-Chef Wolfgang Kubicki kritisierte die Weigerung der Regierung, die Vorschläge der Kommission überhaupt zu diskutieren, und bezeichnete dies als "unparlamentarisch". Der stellvertretende brandenburgische CDU-Vorsitzende Frank Bommert befürwortete die ostdeutschen Ministerpräsidenten und forderte, die Rente stärker an die "Lebensleistung" zu koppeln.
- Fünf ostdeutsche Länder zusammen
- 19 Sitze
- Mehrheitsschwelle
- 35 Sitze
- Gesamtzahl der Bundesratssitze
- 69 Sitze
- Ostdeutschland
- 75 %
- Westdeutschland (weniger als die Hälfte)
- 48 %
- Die Rentenkommission legt 33 Empfehlungen vor; Merz und Bas bezeichnen das Paket als 'Gesamtkunstwerk'.
- SPD-Ministerpräsidentin Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern äußert als Erste Kritik an der Abschaffung der Frührente.
- Drei ostdeutsche CDU-Ministerpräsidenten legen ein gemeinsames Positionspapier vor, das den Erhalt der Frührente fordert. Brandenburgs CDU-Vize Bommert unterstützt sie.
- Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der CDU-Ministerpräsident Schulze 17 Punkte hinter der AfD liegt.
- Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, bei der SPD-Ministerpräsidentin Schwesig 7 bis 9 Punkte hinter der AfD liegt.


