
Sieben Bundesländer rebellieren gegen Koalitionsplan zur Abschaffung der 'Rente mit 63'
Die schwarz-rote Koalition in Deutschland sieht sich wachsender Widerstand aus acht Bundesländern gegenüber wegen ihres Plans, die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren abzuschaffen. SPD- und CDU-Politiker fordern gleichermaßen Ausnahmen, Übergangsregelungen und Härtefallregelungen.
Koalitionspaket unter Druck
Die schwarz-rote Koalition in Deutschland hat Ende Juni 2026 vereinbart, alle 33 Empfehlungen der Alterssicherungskommission als einheitliches Paket umzusetzen. Die sechste Empfehlung sieht die Abschaffung der abschlagsfreien Rente für besonders langjährig Versicherte nach 45 Beitragsjahren vor, eine Regelung, die allgemein als "Rente mit 63" bekannt ist. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) haben sich verpflichtet, die Vorschläge vollständig umzusetzen. Der abschlagsfreie Weg ermöglicht derzeit den Renteneintritt bis zu zwei Jahre vor dem regulären Rentenalter, wobei das effektive Eintrittsalter bei 64,5 Jahren liegt. Rund 270.000 Menschen haben 2025 den abschlagsfreien Weg genutzt, und die Rente für besonders langjährig Versicherte macht etwa 30 Prozent aller Neurenten aus. Das DIW schätzt, dass die Regelung pro Alterskohorte fast 10 Milliarden Euro kostet, wobei die Nutzer bei Standardrentenniveau bis zu 7,2 Prozent oder rund 132 Euro pro Monat sparen.
- Abschlagsfrei (langjährig Versicherte)
- 30 %
- Andere Neurenten
- 70 %
Wachsender Widerstand aus den Ländern
Sieben Bundesländer haben ihren Widerstand gegen die Abschaffung angekündigt: Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern im Osten sowie die SPD-geführten westlichen Länder Saarland und Bremen. Auch Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hat die Pläne kritisiert. Die drei ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, Mario Voigt und Sven Schulze veröffentlichten Ende Juli eine gemeinsame Forderung, die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren mit Übergangsfristen und Härtefallregelungen für körperlich anstrengende Berufe zu erhalten. Schulze hat gedroht, das Paket im Bundesrat zu blockieren. Der DGB-Gewerkschaftsbund unterstützt die Position der Länder, während der BDA-Arbeitgeberverband davor warnt, zentrale Elemente vor der Umsetzung in Frage zu stellen. Sein Geschäftsführer Steffen Kampeter sagte der Bild-Zeitung, der Gegenwind lasse ihn "sprachlos" zurück.
- Koalition vereinbart, alle 33 Rentenkommissionsvorschläge als einheitliches Paket umzusetzen
- Drei ostdeutsche CDU-Ministerpräsidenten (Kretschmer, Voigt, Schulze) veröffentlichen gemeinsame Forderung zur Erhaltung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren
- Sieben Länder lehnen Abschaffung formell ab; SPD-Politiker Wiese schlägt österreichische Schwerarbeitspension als Kompromissmodell vor
Kompromissforderungen innerhalb der SPD
Der SPD-Parlamentsgeschäftsführer Dirk Wiese plädiert dafür, die Abschaffung grundsätzlich beizubehalten, aber Härtefallausnahmen für Arbeitnehmer in körperlich anstrengenden Berufen, insbesondere Schichtarbeiter, hinzuzufügen. Er verwies auf die österreichische Schwerarbeitspension, die 2007 eingeführt wurde, als mögliches Vorbild. Das österreichische System verwendet eine festgelegte Liste von Berufen, die vom Arbeitsministerium in Wien als belastend eingestuft werden, und ermöglicht den vorzeitigen Renteneintritt ab 60 Jahren für Menschen, die unter hoher körperlicher oder psychischer Belastung gearbeitet haben, einschließlich Nachtschichten, extremen Temperaturen, Chemikalienexposition oder schwerer körperlicher Arbeit. Die zehnte Empfehlung der Rentenkommission selbst schlägt vor, den abschlagsfreien Renteneintritt zwei Jahre vor dem regulären Alter für diejenigen zu ermöglichen, deren Gesundheit sie daran hindert, ihren langjährigen Beruf fortzusetzen, dies erfordert jedoch eine individuelle Gesundheitsprüfung. Wieses österreichisches Modell würde auch Menschen ohne Gesundheitsschäden abdecken. Er forderte zudem Vertrauensschutzregelungen für etwa fünf Jahre und wies darauf hin, dass viele Menschen ihr Leben auf die aktuellen Regelungen ausgerichtet haben.
Es ist wie ein Jenga-Turm: Wenn man einen Block herauszieht, wird das Ganze instabil.
Unionspolitiker halten Kurs
Der Unionsfraktionschef Thorsten Frei bestand darauf, die Abschaffung beizubehalten, und warnte davor, dass das Entfernen einzelner Elemente das gesamte Paket destabilisieren würde.
Wer einen der Bausteine herauszieht, muss mit weiteren Änderungswünschen rechnen und bringt am Ende das ganze Gebäude zum Einsturz.
Frei sagte, die Abschaffung würde Milliardenausgaben vermeiden, und er habe keinen Vorschlag gehört, wie diese Summe kompensiert werden könne. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) drängte ebenfalls darauf, die Vorschläge der Kommission als Ganzes zu betrachten, einschließlich sowohl der Abschaffung als auch der Anhebung des Rentenalters. Nach 2031 soll das Rentenalter schrittweise an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden. Der CDU-Arbeitnehmerflügelchef Dennis Radtke forderte jedoch verlässliche Übergangsregelungen für besonders langjährig Versicherte.
Schwesigs Generationenargument
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) ging weiter als andere Kritiker und forderte, dass selbst den heutigen 16-Jährigen eine abschlagsfreie Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren garantiert werden müsse. Sie argumentierte, dass Menschen, die früh zu arbeiten beginnen, nicht länger arbeiten sollten als diejenigen, die ihre Karriere später beginnen.
Was will man heute einem jungen Mann, einer jungen Frau sagen, die mit 16 die Schule verlässt, sofort eine Ausbildung macht und anfängt zu arbeiten? Dass sie länger arbeiten und einzahlen müssen als jemand, der erst mit 26 anfängt?


