
Navi Pillay verteidigt internationale Justiz nach Friedensnobelpreis trotz US-Kritik
Navi Pillay, 85, hat den Friedensnobelpreis 2026 gewonnen, der am 9. Oktober in Oslo bekannt gegeben wurde. Nur Stunden nach der Bekanntgabe stellte US-Außenminister Marco Rubio weitreichende neue Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof vor, an dem sie einst als Richterin tätig war.
Die Auszeichnung und ihre Reaktion
Das Norwegische Nobelkomitee ernannte Navi Pillay, eine in Südafrika geborene Juristin, am 9. Oktober in Oslo zur Friedensnobelpreisträgerin 2026 und würdigte damit ihr Engagement für das Völkerrecht in einer Zeit, in der dieses System angegriffen wird. Die 85-jährige Pillay sagte der Associated Press in einem am 12. Oktober veröffentlichten Interview, sie habe als Richterin die Beweise sehen müssen, bevor sie die Nachricht habe glauben können. "Ich habe den Brief schriftlich erhalten... jetzt habe ich ihn selbst gelesen, und es stimmt", sagte sie.
Die Auszeichnung fiel auf den 125. Jahrestag der Stiftung des Preises. Komiteevorsitzender Jørgen Watne Frydnes sagte, das Komitee wolle:
die Welt daran erinnern, dass die Rechtsstaatlichkeit, national und international, das System trägt, das wir geschaffen haben, um Frieden zu sichern und Konflikte gewaltfrei zu lösen. Frieden braucht Gerechtigkeit
Karriere an internationalen Gerichten
Pillays Laufbahn umfasst die Verteidigung von Nelson Mandela während dessen Haft, ihre Tätigkeit als Richterin an drei internationalen Gerichten und die Leitung eines UN-Gremiums, das feststellte, dass Israel in Gaza einen Völkermord begangen habe. 1967 wurde sie die erste Frau, die in der Provinz Natal eine Anwaltskanzlei eröffnete. 1995 trat sie dem Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda bei, dem sie später vorsaß. Ein Urteil des Tribunals von 1998 stellte fest, dass Vergewaltigung und sexuelle Gewalt einen Völkermord darstellen können, wenn sie in der Absicht begangen werden, eine geschützte Gruppe zu vernichten, und sie war an der Ausformung dieses Präzedenzfalls beteiligt. Später war sie Richterin am Internationalen Strafgerichtshof und von 2008 bis 2014 UN-Hochkommissarin für Menschenrechte.
- Wird die erste Frau, die in der Provinz Natal eine Anwaltskanzlei eröffnet
- Tritt dem Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda bei
- Urteil des Tribunals stellt fest, dass Vergewaltigung und sexuelle Gewalt einen Völkermord darstellen können
- Amtiert als UN-Hochkommissarin für Menschenrechte
Zusammenstöße mit Washington und Israel
Ihre Auszeichnung gilt als deutliche Zurechtweisung von US-Präsident Donald Trump und dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu, die beide die Ergebnisse der von ihr geleiteten UN-Kommission zu Gaza zurückgewiesen haben. Trump nannte die Entscheidung "schändlich" und "peinlich" und sagte, er habe von der südafrikanischen Juristin noch nie gehört. Pillay bezeichnete die Angriffe Washingtons auf den Internationalen Strafgerichtshof als "völlig rechtswidrig" sowie "negativ und grausam". Sie wandte sich auch direkt an Staatschefs:
Staatschefs tragen eine besondere Verantwortung, die Grundsätze klar zu benennen, nämlich dass man das Gesetz respektiert, dass man das Völkerrecht respektiert
Pillay rief die Länder auf, den Gerichtshof und die internationale Rechtsordnung zu verteidigen, und sagte, sie wünsche sich "kollektives Handeln, nicht nur Worte" vom Rest der Welt. Sie sagte, Straflosigkeit sei überall unpopulär und die Öffentlichkeit wolle Gerechtigkeit.
- Das Norwegische Nobelkomitee ernennt Navi Pillay in Oslo zur Friedensnobelpreisträgerin 2026
- Marco Rubio kündigt weitreichende neue Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof an
- Pillay sagt der Associated Press, sie habe den Auszeichnungsbrief selbst gelesen, und verteidigt die internationale Justiz
Kritik an der Entscheidung
Die Nobelstiftung begründete die Wahl mit ihrem Eintreten für das Völkerrecht und jahrzehntelanger Arbeit, die Rechenschaft von Tätern von Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen einfordert. Unterstützer argumentieren, ihre Bereitschaft, Missstände von Staaten anzuprangern, auch von westlichen Verbündeten und Demokratien, erkläre die Relevanz des Preises. Kritiker sagen, diese Haltung sei zu politischem Aktivismus geworden, der mit der von einer internationalen Rechtspersönlichkeit erwarteten Neutralität unvereinbar sei. Der französische Völkerrechtsexperte Yann Jurovics, früherer Anwalt am Internationalen Gerichtshof und an den Tribunalen für Ruanda und das ehemalige Jugoslawien, erkennt ihren beruflichen Rang an, stellt aber die Verleihung eines Preises infrage, der mit einem Völkermordvorwurf verbunden ist, den keine internationale Gerichtsbarkeit festgestellt hat. Der Internationale Gerichtshof hat in der Sache kein endgültiges Urteil gefällt. In einem Meinungsbeitrag für Le Figaro argumentierte der Anwalt und Essayist Gilles-William Goldnadel, die Mitglieder der UN-Kommission seien gegenüber Israel voreingenommen gewesen.

