
Deutsche-Bahn-Chefin kritisiert „organisierte Verantwortungslosigkeit“ der Führung – Pünktlichkeit bei 58,7 %
Deutsche-Bahn-Chefin Evelyn Palla bezeichnet die bisherige Leistungskultur des Staatskonzerns als unzureichend und spricht von „organisierter Verantwortungslosigkeit“. Sie treibt einen Umbau voran, um die Pünktlichkeit zu verbessern, die im ersten Halbjahr 2026 bei nur 58,7 % lag.
Führungskultur in der Kritik
Die Deutsche-Bahn-Chefin Evelyn Palla, die ihr Amt im Oktober 2025 antrat, übte in einem am Sonntag veröffentlichten Interview mit der Welt am Sonntag eine ungewöhnlich scharfe Kritik an der eigenen Führung. Sie sagte, die bisherige Leistungskultur des Staatskonzerns sei unzureichend gewesen und zu viel Energie sei darauf verwendet worden, Probleme zu erklären, anstatt sie zu lösen. „Die Leistungskultur der Vergangenheit war für die Leistung der Bahn nicht ausreichend, und das wollen wir ändern“, so Palla. Sie beschrieb ein Muster der Verantwortungsverschiebung zwischen der Zentrale und den operativen Einheiten vor Ort und nannte es „organisierte Verantwortungslosigkeit“, die ein Ende haben müsse.
Das war letztlich so etwas wie organisierte Verantwortungslosigkeit. Das muss der Vergangenheit angehören.
Palla betonte, dass Pünktlichkeit mit einer klaren und transparenten Zuweisung von Verantwortung an der richtigen Stelle beginne. Sie fügte hinzu, dass Leistung ganz oben beginnen müsse – bei ihr selbst und dem Vorstand, die den Wandel verkörpern und vorleben müssten.
Pünktlichkeit verfehlt Ziel
Die Fernverkehrspünktlichkeit der Bahn lag im ersten Halbjahr 2026 bei nur 58,7 % und damit deutlich unter dem eigenen Ziel von mindestens 60 % für das Gesamtjahr. Ein Zug gilt als verspätet, wenn er sechs Minuten oder mehr hinter dem Fahrplan liegt; Streichungen werden in der betrieblichen Pünktlichkeitsmessung nicht berücksichtigt. Palla räumte ein, der Wert sei „kein guter Wert“ und man müsse ihn nicht schönreden. Sie wies jedoch darauf hin, dass in drei Viertel der Fälle die Verspätung unter 15 Minuten liege, und warnte davor, die Bahn schlechter zu reden, als sie sei.
Auch wenn wir insgesamt noch nicht zufrieden sind, dürfen wir die Deutsche Bahn nicht immer schlechter reden, als sie ist.
Sie gab dem Unternehmen für die Zuverlässigkeit die Schulnote 4 minus, aber eine Gesamtnote von 3, mit der Begründung, dass die Bahn oft nur an der Fernverkehrspünktlichkeit gemessen werde, was nur die Hälfte des Bildes zeige.
- Tatsächlich H1 2026
- 58.7 %
- Ziel 2026
- 60 %
Umbau und Verantwortungsverlagerung
Palla hat eine Konzernreform eingeleitet, die die Verschlankung der Zentrale und die Verlagerung von Verantwortung auf die regionalen Einheiten vorsieht. Sie sagte, viele Verwaltungsebenen seien abgebaut worden, aber das allein mache noch keine bessere Bahn. Der wirkliche Wandel werde erst eintreten, wenn sich das Management ändere und Verantwortung in den dezentralen Einheiten tatsächlich übernommen und gelebt werde. „Leistung beginnt ganz oben: zuerst bei mir. Dann beim Vorstand. Wir sind die erste Ebene, die das vorleben und verkörpern muss“, so Palla.
Langer Weg der Erholung
Palla beschrieb die Bahn als in der tiefsten Krise ihrer Unternehmensgeschichte. Die Sanierung des maroden Schienennetzes werde voraussichtlich ein Jahrzehnt dauern. Sie setzte das Jahr 2035, den 200. Jahrestag der Bahn, als das Jahr, in dem das Schlimmste überstanden sein soll.
2035 ist das Jahr, in dem die Bahn ihren 200. Geburtstag feiert, und das sollte auch das Jahr sein, in dem wir das Schlimmste hinter uns haben.


