
Frankreichs oberster Staatsanwalt räumt 'kollektives Versagen' im Fall Lyhanna ein und fordert dringende Reform des Kinderschutzes
Neun Tage nach dem Fund der Leiche der elfjährigen Lyhanna im Süden Frankreichs erklärt der oberste Staatsanwalt des Landes, der Fall offenbare eine systemische Krise im Kinderschutz und ein kollektives Versagen des Justizsystems.
Eingeständnis eines kollektiven Versagens
Neun Tage nachdem die Leiche der elfjährigen Lyhanna im Département Gers im Südwesten Frankreichs gefunden wurde, gab der oberste Staatsanwalt des Landes, Rémy Heitz, ein Interview mit Le Monde, in dem er den Fall als „ein kollektives Versagen“ bezeichnete. Er sagte, dass alle Richter und die Justizbehörde sich dieses Versagens bewusst seien. Der Hauptverdächtige, Jérôme Barella, war Gegenstand mehrerer Anzeigen und Beschwerden wegen sexueller Gewalt gegen Minderjährige, wurde aber nie strafrechtlich verfolgt.
Alle Richter und die Justizbehörde als Ganzes sind sich bewusst, dass es in diesem Fall ein Versagen gibt, ein kollektives Versagen.
Systemische Krise jenseits der Justizmittel
Heitz betonte, dass das Problem tiefer geht als die immer wiederkehrende Frage der Mittel im Justizsystem. Zwar seien zusätzliche Richter und Justizbeamte eingestellt worden, doch das Versagen weise auf eine systemische Krise hin. Er forderte einen ganzheitlicheren Ansatz und wies darauf hin, dass der gesamte Kinderschutzsektor in Schwierigkeiten stecke. Der Mangel an Psychologen und spezialisierten pädiatrischen Einheiten zur Aufnahme von Kinderaussagen sei ein konkretes Beispiel.
Die Krise um die Mittel des Justizsystems ist nicht neu. Natürlich wurden zusätzliche Mittel durch die Einstellung von Richtern und zusätzlichen Justizbeamten bereitgestellt. Aber was dieses Versagen offenbart, ist eine systemische Krise, die zudem über die Frage der Mittel der Justizbehörde allein hinausgeht.
Anhäufung von Prioritäten ohne Streichung
Der Generalstaatsanwalt äußerte sich auch zur Justizpolitik des Siegelbewahrers Gérald Darmanin. Er wies darauf hin, dass sich aktuelle Rundschreiben mit Drogenhandel und Gewalt gegen Personen befassten, nicht nur gegen Minderjährige. Seine Kollegen, so sagte er, hätten das Gefühl, dass ständig Prioritäten hinzugefügt würden, ohne dass jemals welche gestrichen würden. Heitz forderte eine Klarstellung und dass die Verantwortlichen es wagen sollten, zu sagen, was weniger Priorität habe, was seiner Aussage nach selten getan werde.
Meine Kollegen haben das Gefühl, dass Prioritäten hinzugefügt werden, ohne dass jemals welche gestrichen werden. (...) Lassen Sie uns zu einer Klarstellung kommen und zögern Sie nicht, zu sagen, was weniger Priorität hat, was wir selten tun.
Kritik und Vertrauen in die Justiz
Eine Welle der Empörung hat Frankreich erfasst, mit Demonstrationen vor Gerichten. Heitz räumte ein, dass Kritik angesichts der Emotionen legitim sei, warnte aber davor, dass einige politische Persönlichkeiten so täten, als entdeckten sie eine allen bekannte Situation, was ihre Vorwürfe ungerechtfertigt erscheinen lasse. Er sah in den Protesten auch eine Forderung der Bürger nach einem besseren Justizdienst, einschließlich mehr Mittel. Um das Vertrauen wiederherzustellen, schlug er vor, die Gerichte für die Öffentlichkeit zu öffnen und die Menschen einzuladen, zu sehen, wie das Justizsystem funktioniert. Gleichzeitig warnte er vor Angriffen, die das Justizsystem schwächen, das er als Grundpfeiler des demokratischen Systems bezeichnete, zerbrechlich und schutzbedürftig.
Es ist legitim, dass es Kritik geben kann angesichts der Emotionen, die diese Tragödie auslöst, die uns alle schmerzt. (...) Wo diese Kritik als ungerechtfertigt empfunden werden kann, ist, wenn sie von Amtsträgern kommt, die so tun, als entdeckten sie eine allen bekannte Situation.
Was ich von dieser Mobilisierung gehört habe, ist, dass unsere Mitbürger letztlich auch eine Verbesserung des Justizdienstes fordern. Sie verlangen auch mehr Mittel.
