
NRW streicht Tarifzonen drastisch zusammen – Kritiker warnen vor digitalen Hürden für Gelegenheitsfahrer
Die vier Verkehrsverbünde in Nordrhein-Westfalen vereinfachen ihre Tarifstrukturen radikal und reduzieren Dutzende Preisstufen auf nur drei oder vier. Fahrgastverbände warnen jedoch, dass der digitale Ansatz ländliche Fahrgäste und Touristen abhängen könnte.
Die große Vereinfachung
Das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands nimmt einen radikalen Schnitt bei seinen berüchtigt komplexen Nahverkehrstarifen vor. Ab dem 1. Juni 2026 ersetzt der neue gemeinsame Rheinlandtarif die Tarife von VRS und AVV und senkt die Preisstufen von zehn bzw. sechs auf nur drei. Die historische Tarifgrenze bei Merzenich im Kreis Düren, die die Kölner und Aachener Netze trennte, entfällt vollständig. Die Kurzstrecke bleibt als Übergangsmaßnahme bis Ende Mai 2028 erhalten und kostet 2,90 € für Einstieg plus vier Haltestellen.
In der neuen Preisstufe 1 kostet ein Einzelfahrschein in Köln, Bonn oder Aachen 4,00 €, in den übrigen VRS- und AVV-Kommunen 3,50 €. Der VRR, der das Ruhrgebiet abdeckt, hatte seine Preisstufen bereits im März 2025 von sieben auf drei reduziert und dabei mehrere Alt-Tickets gestrichen, darunter das Senioren-Bärenticket, das 10er-Ticket, das 48-Stunden-Ticket und die Kurzstrecke. Am 1. Juni 2026 werden im Rahmen der zweiten Reformstufe des VRR die bisher getrennten Tarifzonen in Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen und Wuppertal zu jeweils einheitlichen Zonen zusammengelegt.
Westfalen folgt 2027
Der Westfalentarif-Verbund plant seine eigene Reform zum 1. April 2027, bei der die Preisstufen von zwölf auf vier reduziert werden. Alle vier Verbünde bewerben den landesweiten Luftlinien-Digitaltarif „eezy.nrw“ als einfache Lösung für Gelegenheitsfahrer, mit einer Preisobergrenze, die sicherstellt, dass Fahrgäste nie mehr bezahlen als für den konventionellen Fahrschein. Das Deutschlandticket bleibt für Vielfahrer in ganz Deutschland verfügbar.
Das ist der zweite Schritt vor dem ersten.
Die digitale Kluft
Thomas Probol, stellvertretender Vorsitzender von Pro Bahn NRW, warnt davor, dass die starke Abhängigkeit von App-basierten Tickets neue Barrieren schafft. Er verweist auf anhaltende Funklöcher an zahlreichen ländlichen Bahnhöfen, an denen Fahrgäste eezy.nrw schlicht nicht nutzen können. Auch der Registrierungsprozess sei umständlich, insbesondere für ausländische Touristen, da er Angaben wie Bankverbindungen erfordert. Probol argumentiert, dass kontaktlose Kartenlesegeräte in den Fahrzeugen deutlich kundenfreundlicher wären.
So gewinnt man keine neuen Kunden. Man versucht, die Fahrgäste auf ihre Handys zu zwingen.
Was fehlt
Pro Bahn kritisiert, dass die Reformen Gruppenreisen und Begleitkarten vernachlässigen. Bei eezy.nrw benötigen zwei gemeinsam reisende Personen in der Regel zwei separate Tickets, Mehrpersonen-Optionen gibt es nur bei gelegentlichen zeitlich begrenzten Aktionen. Der Verband fordert, dies zum Standard zu machen. Probol lobt zudem VRS und AVV dafür, die Kurzstrecke während eines zweijährigen Übergangs beizubehalten, was der VRR nicht getan hat.
Das sollte Standard werden.
Zeitplan der Reformen
- VRR reduziert Preisstufen von sieben auf drei; streicht Bärenticket, 10er-Ticket, 48-Stunden-Ticket und Kurzstrecke
- Rheinlandtarif startet und ersetzt VRS- und AVV-Tarife; VRR legt Zonen in Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen und Wuppertal zusammen
- Westfalentarif plant Reduzierung der Preisstufen von zwölf auf vier
- Kurzstrecken-Übergangsticket läuft in den VRS- und AVV-Gebieten aus
Die Überarbeitung stellt die bedeutendste Vereinfachung der NRW-Nahverkehrstarife seit Jahrzehnten dar, doch das Spannungsfeld zwischen digitaler Bequemlichkeit und universellem Zugang bleibt ungelöst, während die ersten großen Änderungen in Kraft treten.


