
Zehn Jahre nach OEZ-Anschlag: Steinmeier ruft zum Kampf gegen Rassismus auf – Familien fordern vollständige Aufklärung
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte bei einer Gedenkveranstaltung in München, Deutschland sei ‚ein Land mit Migrationshintergrund‘, und forderte einen entschlossenen Kampf gegen Rassismus, während Angehörige der neun Opfer eine parlamentarische Untersuchung des Anschlags von 2016 forderten.
Eine Stadt gedenkt
München hat am Mittwoch mit einer großen Gedenkfeier an den zehnten Jahrestag des rechtsextremistischen Anschlags am Olympia-Einkaufszentrum erinnert. Vor dem Einkaufszentrum an der Hanauer Straße wurde eine Bühne aufgebaut, geschmückt mit Fotografien der neun Opfer: Armela, Can, Dijamant, Guiliano, Hüseyin, Roberto, Sabine, Selçuk und Sevda. Um 17:52 Uhr, dem genauen Zeitpunkt der ersten Schüsse am 22. Juli 2016, kamen Busse und Bahnen in der ganzen Stadt für eine Schweigeminute zum Stillstand. Hunderte Menschen versammelten sich hinter Absperrungen, während Angehörige und Politiker in den vorderen Reihen saßen. Unter den Amtsträgern waren Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU), Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne).
Steinmeiers Appell
Steinmeier nutzte seine Rede, um zu einem entschlossenen Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus aufzurufen. Er betonte, dass Migrationsgeschichte nicht auf Einzelpersonen beschränkt sei, sondern dem ganzen Land gehöre.
Begreifen wir endlich: Nicht nur einzelne Menschen haben eine Migrationsgeschichte – unser ganzes Land hat sie. Deutschland ist ein Land mit Migrationshintergrund. Das macht uns aus.
Der Bundespräsident sagte, der Anschlag betreffe „unser ganzes Land“ und versicherte den Hinterbliebenen: „Ihr seid nicht allein.“ Er räumte auch ein, dass es viel zu lange gedauert habe, bis die Behörden die Tat offiziell als rechtsterroristische Gewalt anerkannt hätten. Steinmeier stellte den OEZ-Anschlag in eine längere Reihe rechtsextremer Gewalt und verwies auf die NSU-Morde, die Anschläge von Halle und Hanau, die Tötung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und das Oktoberfest-Attentat von 1980.
Familien fordern Antworten
Der emotionale Mittelpunkt der Feier waren die Beiträge der Angehörigen der Opfer. In acht persönlichen Ansprachen, die teils unter Tränen oder von anderen verlesen wurden, gedachten sie der Toten und äußerten Wut über die Handhabung des Falls durch die Behörden. Gisela Kollmann, Großmutter des ermordeten Guiliano, richtete ihre Frustration an die anwesenden Politiker.
Wir hätten Ihre Unterstützung viel früher gebraucht. Wir mussten um alles kämpfen und hatten keine Hilfe.
Yasemin Kilic, Mutter von Selcuk, sagte, sie warte noch immer jeden Tag darauf, dass ihr Sohn zur Tür hereinkomme. Margareta Zabërgja, Schwester von Dijamant, zeigte sich bestürzt, dass „heute wieder Menschen in unseren Parlamenten sitzen, die Feindbilder schaffen.“ Die Familien forderten einhellig die sofortige Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Bayerischen Landtag, um mögliche Versäumnisse bei den Ermittlungen und etwaige Netzwerke hinter dem Täter aufzuklären.
Der Anschlag und seine verspätete Anerkennung
Am 22. Juli 2016 erschoss der 18-jährige David S. am OEZ acht junge Menschen und eine erwachsene Frau. Die Opfer hatten türkische, griechische, albanische oder Sinti- und Roma-Hintergründe. Der Täter tötete sich später selbst, als die Polizei ihn stellte. Jahrelang behandelten die Behörden die Tat als unpolitische, aus persönlichen Motiven begangene Amoktat. Erst 2018 erkannte das Bundesjustizministerium sie als rechtsextremistisch an, und im Oktober 2019 stufte die bayerische Justiz sie als „politisch motivierte rechtsextreme Gewalt“ ein. Steinmeier ging direkt auf die Verzögerung ein.
Es hat wohl viel zu lange gedauert für die Hinterbliebenen und Angehörigen, bis der rechtsterroristische Anschlag am OEZ klar und öffentlich als solcher anerkannt wurde.
- Erste Schüsse am Olympia-Einkaufszentrum; neun Menschen getötet, der Täter nimmt sich später selbst das Leben.
- Das Bundesjustizministerium stuft die Tat als rechtsextremistisch motiviert ein.
- Die bayerischen Behörden klassifizieren die Tat als ‚politisch motivierte rechtsextreme Gewalt‘.
- Gedenkfeier zum zehnten Jahrestag mit Bundespräsident Steinmeier und den Familien.
Ein Muster der Gewalt
Landtagspräsidentin Aigner stellte den OEZ-Anschlag neben die Anschläge in Oslo und auf Utøya, die NSU-Morde und die Schüsse in Halle und Hanau. Sie sagte, es sei wichtig, sich jeden Tag gegen „Menschenfeindlichkeit jeder Art“ zu stellen. Oberbürgermeister Krause nannte ihn einen der schwersten rechtsextremistischen Terroranschläge in der Geschichte der Bundesrepublik und fragte, warum es der Gesellschaft so schwerfalle, rechten Terror beim Namen zu nennen. Die Gedenkfeier endete mit einem erneuten Bekenntnis der Amtsträger, die Opfer und ihre Geschichten nicht zu vergessen, doch die Forderung der Familien nach einer vollständigen Aufklärung bleibt unerfüllt.


