
Nürnberger Metzger bringt sich selbst Gebärdensprache bei und überbrückt die Kluft zu seinen gehörlosen Stammkunden
Yevgeniy Klibanov, ein 39-jähriger Meistermetzger in Nürnberg, hat ein Jahr lang damit verbracht, sich selbst Gebärdensprache beizubringen, um mit seinen zwei gehörlosen Stammkunden über das Wetter und ihre Familien zu plaudern.
Der Metzger und seine Kunden
Yevgeniy Klibanov ist Meistermetzger in einem E-Center-Supermarkt im Nürnberger Stadtteil Röthenbach. Er unterhält sich gerne mit Kunden, während er Wurst aufschneidet und Fleisch abwiegt, doch lange Zeit waren zwei seiner Stammkunden außen vor. Beide Männer sind gehörlos. Vor etwa einem Jahr beschloss Klibanov, das zu ändern, und begann in seiner Freizeit, die Deutsche Gebärdensprache zu lernen.
Einer dieser Kunden ist Hedi Doudeche, 73 Jahre alt, der drei Häuser von Klibanov entfernt wohnt. Wenn Doudeche nun an die Fleischtheke tritt, begrüßt er den Metzger mit einem breiten Lächeln und ein paar Gebärden. Die beiden Männer können endlich kleine Gespräche führen.
Wir reden, wir lachen zusammen. Das schafft einen engeren Kontakt.
Gebärdensprache lernen
Klibanov brachte sich die Sprache mit einer Smartphone-App bei. Nachdem seine Kinder im Alter von sechs und acht Jahren im Bett sind, fährt er zu seinem Schrebergarten, trinkt Kaffee und übt. Er schätzt, dass er inzwischen etwa 95 Wörter und Sätze beherrscht, und plant, bald einen Kurs an einer Volkshochschule zu besuchen. Vorerst lernt er am meisten im direkten Austausch mit seinen gehörlosen Kunden.
Er hat keine Angst, Fehler zu machen. Als er 2001 als Teenager aus Usbekistan nach Deutschland kam, lernte er Deutsch Wort für Wort und machte sich nie Sorgen um Fehler. „Es hat immer geklappt“, sagt er. Einen Satz in Gebärdensprache zu bilden, fühle sich ähnlich an, erklärt er: „Irgendwie setze ich es zusammen, wenn ich etwas sagen will.“
Ein weiterer Kontext
Rund 80.000 gehörlose Menschen leben in Deutschland, so der Deutsche Gehörlosen-Bund. In Bayern sind es etwa 10.000, doch der Freistaat hat nur rund 200 qualifizierte Gebärdensprachdolmetscher. Daniel Büter, ein Experte des Bayerischen Gehörlosenverbandes, sagt, der Mangel zeige, wie groß die alltäglichen Barrieren noch seien.
Einkaufen ist glücklicherweise ein Bereich des täglichen Lebens, der nur sehr wenig direkte Kommunikation erfordert. Dennoch ist das, was Klibanov tut, enorm wertvoll. Es ist ein großartiges Beispiel für echte Teilhabe auf Augenhöhe. Ein solcher persönlicher Austausch nimmt den Alltagsdruck und schafft eine Willkommenskultur.
Büter fügt hinzu, dass ein solches privates Engagement in Deutschland leider seltener sei als in Ländern wie den Vereinigten Staaten.
Sprache und Verbindung
Die Deutsche Gebärdensprache verfügt über einen umfangreichen Wortschatz und eine eigene Grammatik, die sich von der gesprochenen deutschen Sprache unterscheidet. Klibanov ist sich der Herausforderung bewusst, lässt sich aber nicht entmutigen. Büter merkt an, dass Apps gut für den Aufbau eines Grundwortschatzes seien, aber persönliche Gespräche und echten Kontakt nicht ersetzen könnten. Für fließende Sprachkenntnisse seien direkte Interaktion mit gehörlosen Menschen und professionelle Kurse nötig.
Für Klibanov und Doudeche haben bereits ein paar Dutzend Gebärden einen Unterschied gemacht. Wenn sie sich zufällig auf der Straße treffen, haben sie jetzt etwas zu sagen. Was als stilles Projekt eines Metzgers begann, ist zu einer kleinen, aber greifbaren Brücke zwischen zwei Nachbarn geworden.


