Italien führt europaweit erstmals Mautrückerstattung bei Bauverzögerungen ein – Ausländer müssen Bürokratiehürden überwinden
Eine neue italienische Verordnung, die am 1. Juni 2026 in Kraft tritt, zwingt private Autobahnbetreiber, Mautgebühren teilweise oder vollständig zu erstatten, wenn Baustellen zu erheblichen Verzögerungen führen – pünktlich vor dem Sommerreiseverkehr.
So funktioniert das Rückerstattungssystem
Autofahrer auf den rund 7.000 Kilometern mautpflichtiger Autobahnen Italiens können ab sofort eine Entschädigung verlangen, wenn Baustellen die Fahrten deutlich verlängern. Die von der rechtsgerichteten Regierung in Rom durchgesetzte Regelung trat am Montag, dem 1. Juni 2026, in Kraft. Anspruch auf Rückerstattung haben Fahrer, wenn eine Fahrt von knapp 100 Kilometern mindestens zehn Minuten länger dauert als üblich. Auf längeren Strecken ist die erforderliche Verzögerung größer, und Verspätungen von über zwei Stunden führen in der Regel zur vollständigen Erstattung der Maut, so die Richtlinien der Verkehrsbehörde.
Ein Wendepunkt für die Durchsetzung der Rechte der Autofahrer.
Erstattungsschwellen und Ausnahmen
Der Betreiber Autostrade per l'Italia gab ein konkretes Beispiel: Auf einem 90 Kilometer langen Abschnitt führt eine 40-minütige Verspätung zu einer 75-prozentigen Rückerstattung, während bei einer Stunde Verspätung die gesamte Maut erstattet wird. Es gibt keine Zahlungen für Notfallbaustellen, Unfälle oder wetterbedingte Störungen. Rückerstattungen werden nur bearbeitet, wenn der Betrag einen Euro übersteigt. Das System soll bis Dezember 2026 vollständig funktionsfähig sein.
Die App und die Steuer-ID-Hürde für Ausländer
Die Entschädigung muss über eine App beantragt werden, die alle privaten Autobahnbetreiber Italiens vereint. Die Regelung gilt ausdrücklich auch für ausländische Fahrer, darunter die vielen Deutschen und Schweizer, die jedes Jahr nach Südtirol, in die Toskana und weiter in den Süden reisen. Für die Registrierung in der App ist jedoch eine italienische Steuernummer (codice fiscale) erforderlich. Nicht-Italiener können eine solche erhalten, aber das Verfahren ist umständlich; die deutsche Botschaft in Rom oder die italienische Botschaft in Berlin können dabei helfen.
Italien gehört zu den Ländern mit den höchsten Autobahnmauten in Europa. Und das System ist obendrein kompliziert.
Verbraucherskepsis und Kostenängste
Der italienische Verbraucherschutzverband bezweifelt, dass die Reform Wirkung zeigen wird, und argumentiert, dass die Betreiber jahrelang keine echten Sanktionen für schlechten Service zu befürchten hätten. Kritiker warnen zudem, dass die Unternehmen die Kosten für die Rückerstattungen später durch höhere Mautgebühren wieder hereinholen könnten. Mit durchschnittlichen Kosten zwischen sieben und neun Eurocent pro Kilometer haben Italien und Frankreich die höchsten Autobahngebühren Europas, während Länder wie Österreich und die Schweiz auf Vignetten setzen.
Es ist offensichtlich, dass es jahrelang keine wirklichen Sanktionen für diejenigen geben wird, die den Nutzern einen schlechten Service bieten.
Ein historisches Netz unter Druck
Italien verweist oft auf seine lange Autobahngeschichte: Die rund 50 Kilometer lange Strecke zwischen Mailand und Varese, die 1924 eröffnet wurde, gilt als die älteste Autobahn der Welt. Der neue Rückerstattungsmechanismus kommt zu einer Zeit, in der sich das Land auf starken Sommerverkehr einstellt. Es wird sich zeigen, ob eine verbraucherfreundliche Maßnahme einer rechten Regierung bürokratische Hürden und Widerstände der Branche überwinden kann.
- 40-minütige Verspätung
- 75 % of toll refunded
- 60-minütige Verspätung
- 100 % of toll refunded


