
Mahnwache in Untersiggenthal: 400 Menschen solidarisieren sich mit Opfern sexueller Gewalt durch Ex-Politiker
Rund 400 Menschen versammelten sich am Montagabend in Untersiggenthal, Schweiz, um einen besseren Opferschutz zu fordern, nachdem ein ehemaliger Kantonspolitiker beschuldigt wurde, drei Frauen – darunter eine Mutter und ihre Tochter, die an der Mahnwache teilnahmen – betäubt und sexuell missbraucht zu haben.
Die Mahnwache
Am Montagabend, dem 27. Juli 2026, versammelten sich zwischen 200 und 400 Menschen auf dem Dorfplatz in Untersiggenthal, Kanton Aargau, zu einer von der SP Frauen Aargau organisierten und von anderen Gruppen unterstützten Mahnwache. Die meisten Quellen berichteten von rund 400 Teilnehmenden, eine Schätzung lag bei 200 bis 250. Die Atmosphäre war ruhig, aber entschlossen; Teilnehmende trugen Schilder mit Aufschriften wie „Schutz kostet Geld, Gewalt kostet Leben“ und „Wegschauen ist wie Scham“. Aufgrund der Dürregefahr wurden keine Kerzen angezündet.
Wir stehen an der Seite jeder Frau, die Gewalt erfährt. Solidarität ist keine Geste, sondern eine Haltung.
Der Fall
Die Mahnwache war eine Reaktion auf die mutmaßlichen Straftaten von Patrick Frei, einem 57-jährigen ehemaligen SVP-Grossrat, der in Untersiggenthal lebte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, drei Frauen (seiner Partnerin, deren damals minderjähriger Tochter und seiner Ex-Frau) wiederholt K.-o.-Tropfen verabreicht, sie sexuell missbraucht und die Taten gefilmt zu haben. Die Anklage umfasst mehrfachen versuchten Mord, qualifizierte Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexuelle Handlungen mit Kindern. Er befindet sich seit drei Jahren in Untersuchungshaft. Das kantonale Migrationsamt ordnete ein Jahr nach der Festnahme die Ausweisung der beiden polnischen Opfer an, mit der Begründung eines Scheinarbeitsverhältnisses mit dem Beschuldigten; gegen diese Verfügung ist eine Beschwerde beim Verwaltungsgericht anhängig.
Anwesenheit der Opfer
Zwei der Opfer, eine Mutter und ihre Tochter namens Iwona L. und Paula L., nahmen an der Mahnwache teil und erhielten langanhaltenden Applaus. Die Mutter dankte der Menge und sagte, sie wolle anderen Frauen helfen – nicht mit Geld, sondern mit Zeit und Aufmerksamkeit. Sie kündigte Pläne für einen YouTube-Kanal namens „Raum für Frauen“ an.
Danke, dass Sie heute hier sind, danke für Ihre Zeit und Ihre Unterstützung für mich und meine Tochter. Dank der Medienberichterstattung wird mir bewusst, wie viele Menschen an meiner Seite sind.
Politische Reaktionen
Rednerinnen und Redner forderten eine umfassende und transparente Untersuchung sowie einen stärkeren Opferschutz. Grossrätin Mia Jenni forderte mehr Ressourcen, insbesondere für Migrantinnen, die um ihren Aufenthaltsstatus fürchten. In einer Fernsehdiskussion lobte die Mitte-Politikerin Andrea Gmür den Mut der Opfer und wies darauf hin, dass ausländische Frauen oft mit zusätzlichen Hürden konfrontiert seien, bevor ihnen geglaubt werde. SP-Nationalrätin Franziska Roth bezeichnete den Fall als Katastrophe und kritisierte die SVP dafür, dass sie sich gegen eine Gesetzesänderung wehre, die K.-o.-Tropfen-Vergehen als Unfälle anerkennen und den Opfern Leistungen zusichern würde. Die SVP hatte die zusätzlichen Kosten von 30 Rappen pro versicherter Person beanstandet.
Weiterer Kontext
Mehrere Teilnehmende zogen Parallelen zum Fall Gisèle Pelicot in Frankreich, der ihrer Meinung nach eine offenere Diskussion über sexuelle Gewalt angeregt habe. Susi Kittel, eine 72-Jährige aus Baden, sagte, sie sei schockiert, dass solche Verbrechen geschehen, und sei froh, dass Frauen sich wehrten. Der Sexualwissenschaftler Martin Bachmann sagte der Menge, er schäme sich für das, was Männer tun. Die Organisatorinnen betonten, dass der Fall Untersiggenthal kein Einzelfall sei, und verwiesen auf Statistiken, wonach in der Schweiz alle zehn Tage eine Frau durch Femizid stirbt.


