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Diplomatie·vor 3 Std.

Schweizer Soziologe, UN-Sonderberichterstatter und scharfer Kapitalismuskritiker Jean Ziegler mit 92 Jahren gestorben

Der Genfer Intellektuelle, eine polarisierende Figur, die jahrzehntelang die Globalisierung und die Finanzeliten anprangerte, starb an den Folgen der Parkinson-Krankheit, wie seine Familie bestätigte.

Jean Ziegler, der Schweizer Soziologe, Autor und ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, starb am 10. Juni 2026 im Alter von 92 Jahren in Genf. Seine Frau bestätigte die Nachricht dem Schweizer öffentlich-rechtlichen Rundfunk RTS, und der Politiker Carlo Sommaruga, ein Freund Zieglers, sagte ZEIT ONLINE, dass die Todesursache Komplikationen der Parkinson-Krankheit waren.

Geboren als Hans Ziegler am 19. April 1934 in Thun in eine bürgerliche protestantische Familie, beschrieb er seine Erziehung später als einen "Erstickungstod", vor dem er durch Reisen und Studium floh. Er studierte Jura in der Schweiz, bevor er Soziologie in Paris und New York studierte. Eine Begegnung mit Che Guevara auf einer Zuckerkonferenz in Genf im Jahr 1964 war prägend: Ziegler berichtete, dass Guevara ihm sagte, er solle "im Herzen des Systems" kämpfen, "denn dort ist das Gehirn des Monsters." Ziegler nannte dies seine Strategie der "subversiven Integration" – die eigene Position innerhalb des Systems nutzen, um es zu verändern.

Politische und akademische Laufbahn

Ziegler saß insgesamt 27 Jahre lang für die Sozialdemokratische Partei im Nationalrat, zwischen 1967 und 1999 mit einer vierjährigen Unterbrechung. Er leitete die parlamentarische Gruppe Schweiz – Dritte Welt und lehrte Soziologie an der Universität Genf, später auch an den Universitäten Bern, Grenoble und der Sorbonne in Paris. Zu seinem Umfeld gehörten Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre.

Kontroverse Schriften und juristische Auseinandersetzungen

Sein Durchbruch gelang ihm 1976 mit "Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben", in dem er großen Schweizer Unternehmen vorwarf, auf Kosten der Ärmsten der Welt zu profitieren. 1990 porträtierte er seine Heimat in "Die Schweiz wäscht weißer" als Finanzdrehscheibe für internationale Kriminalität. Das Buch "Die Schweiz, das Gold und die Toten" von 1997 deckte die Verstrickung der Schweizer Banken mit dem NS-Regime und den Umgang mit nachrichtenlosen Konten von Holocaust-Opfern auf. Diese Werke brachten ihm internationale Anerkennung, aber auch heftige innenpolitische Gegenreaktionen ein; er wurde häufig als "Nestbeschmutzer" und Landesverräter bezeichnet. Mehrere Verleumdungsklagen kosteten ihn Hunderttausende von Franken.

UN-Arbeit und globales Engagement

Von 2000 bis 2008 war Ziegler UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Später war er Mitglied des Beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrats. In dieser Funktion verurteilte er die Produktion von Biokraftstoffen in Entwicklungsländern zu Lasten von Nahrungspflanzen, forderte ein Bleiberecht für Hungerflüchtlinge in reichen Ländern und rief zu einem verbindlichen Verhaltenskodex für transnationale Konzerne auf. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, würdigte Ziegler am Mittwoch und nannte ihn einen "Champion für das Menschenrechtsökosystem und eine extrem starke Persönlichkeit", der sich "vor allem für gefährdete Bevölkerungsgruppen eingesetzt" habe.

Wir sind alle mit ihm aufgewachsen.

Ambivalentes Vermächtnis

Zieglers Biografie enthält auch Positionen, die er später bereute. Er verteidigte lange Pol Pot, dessen agrar-marxistisches Regime in Kambodscha in den 1970er Jahren Millionen Todesopfer forderte. 1989 beriet er den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi, ein Schritt, den er im Alter als Fehler bezeichnete. Er applaudierte auch dem populistischen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez und kritisierte Kuba nie. Sein letztes Buch, 2019 auf Deutsch erschienen, fragte "Wo ist Hoffnung?" – ein Appell zum Widerstand gegen Krieg, Hunger und Ungleichheit. Er blieb bis zuletzt überzeugter Marxist und nannte den neoliberalen Kapitalismus "die Quelle allen Unglücks in der Welt" und ein System, das er für nicht reformierbar hielt, weil es auf "einer totalen Abwesenheit öffentlicher, parlamentarischer oder staatlicher Kontrolle" beruhe.

Wichtige Stationen im Leben von Jean Ziegler
  1. Geboren als Hans Ziegler in Thun, Schweiz
  2. Trifft Che Guevara auf der Genfer Zuckerkonferenz; übernimmt die Strategie der 'subversiven Integration'
  3. In den Schweizer Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei gewählt
  4. Veröffentlicht 'Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben', ein Angriff auf die Schweizer Wirtschaftseliten
  5. Veröffentlicht 'Die Schweiz wäscht weißer' über Finanzkriminalität
  6. Veröffentlicht 'Die Schweiz, das Gold und die Toten' über Nazi-verknüpfte Bankkonten
  7. Zum UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung ernannt
  8. Beendet das UN-Sonderberichterstatter-Mandat; tritt dem Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats bei
  9. Veröffentlicht letztes Buch mit der Frage 'Wo ist Hoffnung?'
  10. Stirbt in Genf im Alter von 92 Jahren an den Folgen der Parkinson-Krankheit
Genf · Thun

8 Quellen

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