
Nationaler Bildungsbericht 2026: 24 % der Neuntklässler verfehlen Mathe-Mindeststandards, soziale Ungleichheit bleibt bestehen
Der Bericht „Bildung in Deutschland 2026“ zeigt: Trotz sinkender Geburtenraten verfehlen deutsche Schüler zunehmend grundlegende mathematische Standards, die soziale Herkunft bestimmt weiterhin den Erfolg und das Angebot an Berufsausbildungen schrumpft.
Der alle zwei Jahre erscheinende Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“, der am Montag in Berlin vorgestellt wurde, zeigt, dass sinkende Geburtenraten zwar allmählich den Kapazitätsdruck mindern, das Schulsystem jedoch in einer Krise aus sinkenden Basiskompetenzen, anhaltender sozialer Ungleichheit und unkoordinierten Reformen feststeckt. Der vom DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation erstellte Bericht stützt sich auf amtliche Statistiken und Umfragen aus den Bereichen frühkindliche Bildung, Schule, Berufsbildung und Hochschule.
Demografischer Wandel erreicht Kitas und Schulen
Erstmals sank 2024 die Zahl der Kinder in Kindertageseinrichtungen bundesweit, getrieben durch einen Geburtenrückgang, der den Osten bereits seit 2020 betraf. In Westdeutschland zeigen sich nun Rückgänge bei den unter Dreijährigen. Ab dem Schuljahr 2027/28 werden auch die Grundschülerzahlen sinken, was teilweise auf eine geringere Zuwanderung zurückzuführen ist. Der Bericht warnt jedoch, dass schrumpfende Kohorten das System nicht automatisch entlasten: Die Einschulungsquoten steigen weiter, und Versorgungslücken bei den unter Dreijährigen bestehen fort, insbesondere im Westen, wo die Diskrepanz zwischen Nachfrage und Angebot bei 23 Prozentpunkten liegt.
Rückgang der Basiskompetenzen
Eines der auffälligsten Ergebnisse ist der starke Anstieg des Anteils der Neuntklässler, die den Mindeststandard in Mathematik verfehlen. Der Wert stieg von 16 Prozent im Jahr 2012 auf 24 Prozent im Jahr 2024; das bedeutet, dass fast ein Viertel derjenigen, die einen Realschulabschluss anstreben, die Anforderungen nicht erfüllt. Auch die Ergebnisse in Lesen und Naturwissenschaften sind rückläufig.
- 2012
- 16 %
- 2024
- 24 %
Dies deutet auf langfristige strukturelle Probleme bei der Sicherung dieser Kompetenzen und damit auf eine zentrale Schwäche des Bildungssystems hin.
Soziale Herkunft entscheidet weiterhin über Erfolg
Jedes vierte Kind in Deutschland war 2024 von mindestens einem sozialen Risikofaktor betroffen, so der Bericht. Bei Kindern mit Migrationshintergrund lag der Anteil bei 54 Prozent, verglichen mit 14 Prozent bei Kindern ohne einen solchen Hintergrund. Der Bericht stellt fest, dass der Kompetenzerwerb in Deutschland stärker an die soziale Herkunft gebunden ist als in vielen anderen Ländern. Trotz 347 Maßnahmen der Bundesländer und 13 des Bundes zwischen 2024 und 2026 fordern die Autoren koordinierte, systemische Ansätze.
- Kinder mit Migrationshintergrund
- 54 %
- Kinder ohne Migrationshintergrund
- 14 %
- Alle Kinder
- 25 %
Ausbildung und Hochschulwege unter Druck
Das Berufsbildungssystem schrumpft: 2025 wurden 476.000 neue Ausbildungsverträge unterzeichnet, 13.000 weniger als 2023, und nur 18,7 Prozent der Unternehmen bilden noch aus. Bei steigender Nachfrage kamen auf 100 Bewerber nur 95 Ausbildungsplätze. An den Hochschulen benötigen Bachelor-Studierende im Durchschnitt 8,4 Semester (gegenüber 7,2 im Jahr 2014), und weniger als 30 Prozent schließen innerhalb der Regelstudienzeit ab.
Das Bildungssystem steht vor vielfältigen Herausforderungen, die sich überschneiden und gegenseitig verstärken.
Ministerin fordert frühzeitige Intervention
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) bezeichnete die Ergebnisse als gesellschaftliche Aufgabe und argumentierte, dass sich die Bildungsschere von Geburt an öffne. Sie forderte verpflichtende Sprachtests und eine frühe Sprachförderung bereits in der Kita und betonte, dass alle Akteure von der Familie bis zur Jugendhilfe strategisch zusammenarbeiten müssten. Berlins Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch unterstrich das Ziel, alle Kinder so früh wie möglich in die frühkindliche Bildung zu bringen.
Die Bildungsschere schließt sich bei der Geburt eines Kindes, öffnet sich dann bis zum Schuleintritt und wird danach kaum noch verengt.


