
Frank Furedis ‚I confini contano‘ taucht in Italiens Maturità 2026 auf und entfacht Debatte über Grenzen und Erwachsensein
Ein Auszug aus dem Essay ‚I confini contano‘ des Soziologen Frank Furedi ist einer der Textanalyseteile der ersten schriftlichen Prüfung der italienischen Maturità 2026 und fordert die Schüler dazu auf, über Generationengrenzen und das Konzept der ‚Erwachsenen-Kinder‘ nachzudenken.
Der Prüfungsteil
Am 18. Juni 2026 absolvierten über eine halbe Million italienische Schüler die erste schriftliche Prüfung der Maturità, des nationalen Schulabschlusses. Zu den vorgeschlagenen Aufgabentypen für den argumentativen Text (Typ B3, nach mehreren Quellen) gehörte ein Auszug aus Frank Furedis Essay von 2021 ‚I confini contano. Perché l‘umanità deve riscoprire l‘arte di tracciare frontiere‘, das in Italien von Meltemi veröffentlicht wurde. Die Aufgabe lädt die Kandidaten ein, Furedis Behauptung zu erklären, dass „die fehlende Klarheit über die Grenze zwischen den Generationen inzwischen weithin anerkannt ist“, und den Neologismus ‚adultescenti‘ zu definieren.
Furedi stellt die Altersgruppe der 20- bis 35-Jährigen unter die Lupe und nennt sie ‚adultescenti‘: ein Begriff für diejenigen, die sich weigern, Verpflichtungen zu übernehmen und es vorziehen, einen jugendlichen Lebensstil weit über das gebotene Maß hinaus zu verlängern. Der Autor betont, dass die Trennlinie zwischen den Generationen inzwischen verschwommen ist. Erwachsenwerden wird fast als lästig empfunden, als Synonym für Stress und Einsamkeit, und führt zu einer starken Idealisierung von Kindheit und Kindlichkeit auf Kosten der Verantwortung.
Wer ist Frank Furedi
Frank Furedi wurde 1947 in Budapest geboren (einige Quellen nennen 1948). Nach der ungarischen Revolution von 1956 floh seine Familie zunächst nach Kanada und dann ins Vereinigte Königreich. Er baute seine akademische Karriere an der University of Kent auf, wo er heute emeritierter Professor für Soziologie ist. In den 1980er Jahren gehörte er zu den Gründern der Revolutionary Communist Party in Großbritannien, bewegte sich im Laufe der Jahrzehnte jedoch hin zu einer Kritik des modernen Progressivismus und der Cancel Culture. Heute leitet er das MCC Brüssel, einen von der Regierung Viktor Orbáns finanzierten Thinktank, beziehungsweise das Mathias Corvinus Collegium (die Quellen unterscheiden sich).
- Geboren in Budapest, Ungarn (einige Quellen nennen 1948).
- Flieht mit seiner Familie nach der Revolution aus Ungarn; Umzug nach Kanada, dann ins Vereinigte Königreich.
- Veröffentlicht ‚I confini contano. Perché l‘umanità deve riscoprire l‘arte di tracciare frontiere‘ in Italien bei Meltemi.
- Ein Auszug aus dem Essay erscheint als Prüfungsteil in der ersten schriftlichen Prüfung der Maturità 2026.
Die These des Essays
Furedi argumentiert, dass die zeitgenössische Besessenheit, alle Barrieren (geografische, moralische, generationelle) abzuschaffen, nicht mehr Freiheit gebracht habe, sondern den Individuen vielmehr die Koordinaten genommen habe, die sie zur Orientierung benötigen. Seiner Ansicht nach ist das Ziehen von Grenzen kein Akt der Feindseligkeit, sondern eine Notwendigkeit für das Überleben demokratischer Gesellschaften und für die Herausbildung einer soliden kollektiven Identität. Der Essay prangert auch die „Kultur der Angst“ an, die laut Furedi die westlichen Gesellschaften dazu bringt, besessen davon zu sein, jede Gefahr zu beseitigen, und dadurch die persönliche Autonomie einschränkt.
Reaktionen und Kontext
Die Wahl von Furedis Text hat Aufmerksamkeit erregt wegen seines intellektuellen Werdegangs und seiner derzeitigen Rolle in einem mit Orbán verbundenen Thinktank. Italienische Medien haben den Prüfungsteil als „souveränistisch“ oder „gegen den Strom“ beschrieben. Die Prüfung selbst ist die erste unter einer von Bildungsminister Giuseppe Valditara vorangetriebenen Reform, die das Konzept der ‚Reife‘ in den Mittelpunkt der Bewertung stellt. Der Fokus des Prüfungsteils auf die verschwimmende Grenze zwischen Jugend und Erwachsensein korrespondiert daher mit den übergeordneten Zielen der reformierten Prüfung.

