
EU-Bevölkerung erreicht 2029 mit 453 Millionen ihren Höhepunkt, bevor ein anhaltender Rückgang einsetzt – bis 2050 ist jeder Dritte über 65
Die Bevölkerung der Europäischen Union wird bis 2029 auf 453,3 Millionen anwachsen, bevor ein historischer Friedensrückgang beginnt. Das Durchschnittsalter steigt von 44,9 Jahren auf 51,5 Jahre im Jahr 2100, und der Altenquotient wird sich verdoppeln.
Die Bevölkerung der Europäischen Union steht vor einem historischen Wendepunkt, wie ein am 14. Juli 2026 von der Gemeinsamen Forschungsstelle, einem der Europäischen Kommission angegliederten Institut, veröffentlichter Bericht zeigt. Mit 450,6 Millionen Einwohnern am 1. Januar 2025 wird der Block voraussichtlich um 2029 mit 453,3 Millionen seinen absoluten Höchststand erreichen, bevor ein langsamer, aber unumkehrbarer Rückgang einsetzt, der die Wirtschaft, die Arbeitsmärkte und die Sozialsysteme des Kontinents umgestalten wird.
Der Höhepunkt und der Fall
Nach 2029 kehrt sich die Bevölkerungsentwicklung der EU nach unten. Der Bericht prognostiziert 445 Millionen Einwohner bis 2050 und 398,8 Millionen bis 2100, ein Niveau, das zuletzt in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre erreicht wurde. Der Schrumpfungsprozess hat in Friedenszeiten keinen modernen Präzedenzfall. Das Durchschnittsalter liegt 2025 bereits bei 44,9 Jahren, doch die Zahlen auf Länderebene offenbaren tiefe Gräben: Irland liegt bei 36,9 Jahren, während Italien mit einem Medianalter von 49,1 Jahren konfrontiert ist. Bis 2100 soll das EU-weite Medianalter 51,5 Jahre erreichen.
Längeres Leben, weniger Geburten
Die Europäer leben länger als je zuvor. Die Lebenserwartung erreichte 2024 81,5 Jahre, bei Frauen 84,1 Jahre und bei Männern 78,9 Jahre. Bis 2100 könnten diese Werte bei Frauen 90 Jahre und bei Männern 86 Jahre überschreiten. Ein 2023 in der EU geborenes Kind kann bereits mit 75,3 Jahren ohne schwere Krankheit rechnen. Gleichzeitig sinkt die Fruchtbarkeit seit Mitte der 1960er Jahre und lag 2024 bei 1,34 Kindern pro Frau, weit unter der Bestandserhaltungsgrenze von 2,1, die ohne Zuwanderung für eine stabile Bevölkerung erforderlich ist.
- 2025
- 450.6 Millionen
- 2029
- 453.3 Millionen
- 2050
- 445 Millionen
- 2100
- 398.8 Millionen
Ein struktureller Wandel der Gesellschaft
Die Altersstruktur verändert sich rasant. Heute ist etwa jeder fünfte EU-Bürger 65 Jahre oder älter; bis 2050 wird dieser Anteil fast ein Drittel erreichen. Der Bericht warnt vor zunehmenden Generationenkonflikten: Die Rentensysteme geraten unter starken Druck, die Nachfrage nach Altenpflege steigt, und Wohnraum wird für jüngere Generationen weniger erschwinglich, die zudem auf beispiellose Hindernisse beim Eintritt in den Arbeitsmarkt und bei der Familiengründung stoßen.
Arbeitsmarktbelastungen und versteckte Kapazitäten
Fast 20 % der Menschen im erwerbsfähigen Alter befinden sich nicht im Erwerbsleben. Die Beschäftigungsunterschiede zwischen Frauen und Männern liegen weiterhin bei 10 Prozentpunkten, und 8 Millionen junge Menschen sind weder erwerbstätig noch in Ausbildung oder Weiterbildung. Die Kommission argumentiert, dass die Erhöhung der Erwerbsquote von Frauen und Jugendlichen, die Steigerung der Produktivität und der Abbau der Arbeitslosigkeit unerlässlich sein werden, um die schrumpfende Erwerbsbevölkerung auszugleichen.
Wir leben länger und gesünder als je zuvor – das ist eine unserer größten Errungenschaften. Aber der demografische Wandel verändert unsere Gesellschaften, unsere Volkswirtschaften und unsere Arbeitsmärkte, und wir müssen jetzt handeln, um diesen Wandel in eine Chance zu verwandeln.
Die Silberwirtschaft und der Faktor Zuwanderung
Die Zuwanderung spielt eine wachsende Rolle, indem sie den Bevölkerungsrückgang teilweise ausgleicht, aber die demografische Entwicklung der EU nicht grundlegend verändert, so der Bericht. Der Wandel schafft auch neue Märkte rund um die „Silberwirtschaft“ mit Produkten und Dienstleistungen für ältere Menschen, insbesondere im Gesundheits- und Technologiebereich. Die EU erkennt an, dass die Herausforderung nicht darin besteht, den Trend umzukehren, sondern die öffentliche Politik an die Auswirkungen auf Wachstumspotenzial, Arbeitsmärkte, Gesundheitssysteme, Wohnungsbau und öffentliche Finanzen anzupassen.
- Lebenserwartung 2024
- 81.5
- Lebenserwartung Frauen 2100
- 90
- Lebenserwartung Männer 2100
- 86
- Fruchtbarkeitsrate 2024
- 1.34
- Medianalter 2025
- 44.9
- Medianalter 2100
- 51.5
Das Zeitfenster für Anpassungen ist kurz. Der demografische Höhepunkt im Jahr 2029 markiert den Moment, in dem ein Kontinent, der sein Wohlfahrtsmodell auf eine stetig wachsende, relativ junge Bevölkerung ausgelegt hat, sich einer neuen Rechenaufgabe stellen muss: weniger Erwerbstätige, die mehr Rentner unterstützen.


