
Eritrea und Äthiopien beschuldigen sich vor der UN gegenseitig der Kriegstreiberei, während die Kämpfe in Tigray eskalieren
Eritrea hat am Samstag den UN-Sicherheitsrat aufgefordert, die aus seiner Sicht erfolgte Kriegserklärung Äthiopiens zu verurteilen, während Bewohner der Grenzstadt Adigrat berichten, dass äthiopische Truppen die Kontrolle über sie übernommen haben.
Konkurrierende Briefe an den Sicherheitsrat
Äthiopien und Eritrea haben sich am Wochenende jeweils an die UN gewandt, und beide beschuldigen sich gegenseitig, einen Krieg begonnen zu haben. Am Freitag schickten die äthiopischen Behörden einen Brief an den Sicherheitsrat, in dem sie eritreische Truppen beschuldigen, bis zu 60 Kilometer (37 Meilen) in die Region Tigray vorgedrungen zu sein und eine "allumfassende Invasion" gestartet zu haben. Äthiopiens Außenminister Gedion Timothewos nannte den Einmarsch "einen eklatanten Akt der Aggression", der Äthiopiens inhärentes Recht auf Selbstverteidigung berühre, und berief sich dabei auf Artikel 51 der UN-Charta, ohne zu präzisieren, welche Maßnahmen Addis Abeba ergriff.
Am Samstag antwortete Eritreas Außenminister Osman Saleh in einem separaten Brief und bezeichnete die Invasionsvorwürfe als Teil eines äthiopischen Plans, einen Angriffskrieg zu rechtfertigen. Er bat den Rat, Kapitel VII der UN-Charta anzuwenden, das Maßnahmen von Sanktionen bis hin zu militärischen Schritten erlaubt. In seinem Brief heißt es:
Eritrea ersucht den UN-Sicherheitsrat, die bedauerliche Kriegserklärung Äthiopiens gegen Eritrea nachdrücklich zu verurteilen... und die erforderlichen abschreckenden Maßnahmen zu ergreifen
Eritreas Informationsminister Yemane Gebremeskel sagte, die Invasionsbehauptungen seien falsch, und äthiopische Drohnenangriffe rund um Adigrat hätten eritreische Truppen zum Rückzug gezwungen. Bewohner von Adigrat, einer etwa 30 Kilometer von Eritrea entfernten Grenzstadt, sagten gegenüber Reuters, äthiopische Regierungstruppen und verbündete Milizen seien am Samstagmorgen in die Stadt eingerückt und hätten nach dem Abzug der eritreischen Truppen die Kontrolle übernommen.
Kämpfe in Tigray
Die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) wurden am 23. September wieder aufgenommen. Laut AFP startete die TPLF Angriffe in die benachbarten Regionen Amhara und Afar, bevor sie von Regierungstruppen und verbündeten Milizen zurückgedrängt wurde. Die Berichte gehen auseinander, wann die Armee die Regionalhauptstadt einnahm. Al Jazeera berichtet, die Armee habe die Rebellen in dieser Woche zurückgedrängt und Mekelle eingenommen, während 20 Minuten meldet, Regierungstruppen hätten offenbar Ende der Vorwoche die vollständige Kontrolle über Mekelle übernommen, nachdem die TPLF-Führung und ihre Kämpfer die Stadt verlassen hatten.
Internationale Sicherheitskreise, die von AFP zitiert werden, schätzen, dass sich bis zu 8.000 eritreische Soldaten in Tigray befinden. Faisal Roble, ein Spezialist für das Horn von Afrika, sagte gegenüber Al Jazeera aus Nairobi, beide Seiten bewegten sich auf einen offenen Konflikt zu.
Es besteht wirklich kein Zweifel, dass sich beide auf einen offenen Konflikt zubewegen
- Kämpfe zwischen Regierungstruppen und der TPLF werden im Norden Äthiopiens wieder aufgenommen
- Äthiopiens Brief an den Sicherheitsrat beschuldigt Eritrea einer allumfassenden Invasion in Tigray
- Äthiopische Regierungstruppen und verbündete Milizen rücken laut Bewohnern gegenüber Reuters in Adigrat ein
- Eritreas Außenminister schreibt an den Sicherheitsrat und fordert abschreckende Maßnahmen
Der Streit um den Zugang zum Roten Meer
Äthiopiens Drängen auf Zugang zum Roten Meer steht im Zentrum der Auseinandersetzung. Äthiopien verlor seine gesamte Küstenlinie und seine Häfen, als Eritrea 1993 unabhängig wurde, und ist seither ein Binnenstaat – eine Situation, die Addis Abeba als existenzielles Problem betrachtet. Asmara argumentiert, Äthiopien suche einen Vorwand, um Eritreas Hafen Assab zu erobern. Der Standard berichtet, Eritrea bezeichne eine erstmals 2023 erhobene äthiopische Forderung nach Meereszugang inzwischen als Kriegserklärung.
Der Tigray-Konflikt hat tiefere Wurzeln. Die TPLF dominierte Äthiopien von 1991 bis 2018, verlor jedoch nach dem Aufstieg von Ministerpräsident Abiy Ahmed an Einfluss auf die Zentralregierung. Im April vertrieb sie die von der Zentralregierung in Tigray eingesetzte Verwaltung und übernahm faktisch wieder die Kontrolle. Eine von 20 Minuten zitierte Schätzung der Afrikanischen Union beziffert die Zahl der Toten des Krieges zwischen der äthiopischen Armee und der TPLF von 2020 bis 2022 auf mehr als 600.000.
Diplomatische Brüche und Übergreifen
Laut watson hat Äthiopien seine Botschaft in Asmara geschlossen und zehn eritreische Diplomaten ausgewiesen. Eritrea wies die Vorwürfe zurück und brach die diplomatischen Beziehungen zu Äthiopien ab; das Außenministerium erklärte, die feindseligen Handlungen Äthiopiens hätten ihm keine andere Wahl gelassen. Gebremeskel schrieb auf X, Äthiopien führe seit mehr als drei Jahren einen unprovozierten Angriffskrieg gegen Eritrea.
Äthiopien beschuldigt zudem Sudan und Ägypten, die TPLF zu unterstützen, was beide bestreiten. Sudans Militärregierung wiederum beschuldigte Äthiopien, die paramilitärische Gruppe RSF zu unterstützen, gegen die die sudanesische Armee seit dreieinhalb Jahren kämpft. Eritrea hat den Rat aufgefordert, Äthiopien zu verurteilen und abschreckende Maßnahmen zu ergreifen, und Äthiopien beruft sich auf sein Recht auf Selbstverteidigung. Die Artikel berichten von keiner Entscheidung des Sicherheitsrats.

