
Darmanin schreibt an Richter: Unabhängigkeit erfordert Verantwortung nach Fall Lyhanna
Justizminister Gérald Darmanin sandte am Montag einen handschriftlichen Brief an 10.000 Richter, in dem er sein Bekenntnis zur Unabhängigkeit der Justiz bekräftigte, aber gleichzeitig Rechenschaft für berufliche Versäumnisse forderte, die durch die Affäre um Lyhanna offengelegt wurden.
Der am 15. Juni 2026 versandte und von BFMTV veröffentlichte Brief erreichte die Adressaten zehn Tage, nachdem die Leiche der elfjährigen Lyhanna im Département Gers entdeckt worden war. Der Fall hat öffentliche Empörung ausgelöst und eine erneute Prüfung der Frage angestoßen, wie das französische Justizsystem mit Beschwerden umgeht, insbesondere bei Gewalt gegen Minderjährige.
Hintergrund der Affäre Lyhanna
Lyhannas Leiche wurde am 4. Juni gefunden. Jérôme Barella gilt als Hauptverdächtiger. Der Justizminister hatte bereits wenige Stunden nach der Entdeckung individuelle Versäumnisse bei der Bearbeitung des Falls kritisiert, was scharfe Zurechtweisungen von Richtern nach sich zog, die ihm vorwarfen, das Ergebnis laufender Ermittlungen vorwegzunehmen. Darmanin beharrt seitdem darauf, dass seine Anweisungen, Fälle von Gewalt gegen Personen – einschließlich Sexualstraftaten an Kindern – vorrangig zu behandeln, nicht vollständig umgesetzt wurden, und weist damit jegliche politische Verantwortung für die Tragödie zurück.
Darmanins zweiseitiger Brief
In einer zweiseitigen handschriftlichen Notiz an etwa 10.000 Mitglieder der Justiz rechtfertigte Darmanin sein direktes Vorgehen.
Er unterstrich zudem seine verfassungsmäßige Rolle und schrieb, diese erfordere von ihm, gegenüber dem französischen Volk und dem Parlament Rechenschaft abzulegen und individuelle oder kollektive Verantwortlichkeiten für das ordnungsgemäße Funktionieren des Justizdienstes festzustellen.Ich habe mich entschieden, Ihnen in diesem sehr wichtigen Moment zu schreiben … um meine tiefe Verbundenheit mit der Unabhängigkeit der Justiz zu bekräftigen.
Das Gleichgewicht zwischen Unabhängigkeit und Verantwortung
Die Kernbotschaft des Briefes lautet, dass richterliche Unabhängigkeit nicht von Rechenschaftspflicht getrennt werden kann.
Darmanin versicherte den Richtern das Vertrauen der Regierung und sein persönliches Engagement für die Sicherung von Ressourcen für die Justiz, während er gleichzeitig den Wunsch äußerte, dass seine Energie und Offenheit ihrem eigenen Engagement entsprächen.Diese Unabhängigkeit geht Hand in Hand mit Verantwortung. Wenn berufliche Fehler durch Inspektionsberichte oder administrative Untersuchungen festgestellt werden, würde niemand verstehen, wenn diese nicht sanktioniert würden.
Politische Folgen und Rücktrittsforderungen
Seit Ausbruch der Affäre haben mehrere Oppositionspolitiker Darmanin zum Rücktritt aufgefordert. Mathilde Panot von La France insoumise, der Ökologe Yannick Jadot, der Erste Sekretär der Sozialistischen Partei Olivier Faure sowie Vertreter des Rassemblement national haben formelle oder implizite Rücktrittsforderungen gestellt. Darmanin wehrt sich dagegen und argumentiert, das grundlegende Problem sei die Nichtanwendung seiner Richtlinie zur opferorientierten Fallbearbeitung gewesen.
Nächste Schritte und die Frist zum 22. Juni
Die von der Regierung angeordneten Doppelinspektionen – eine durch die Gendarmerie und eine durch die Justizinspektion – sollen ihre Ergebnisse am 22. Juni vorlegen. Es wird erwartet, dass diese Berichte aufzeigen, wo und warum das System versagt hat. Darmanin hat angedeutet, dass er die Schlussfolgerungen nutzen werde, um Rechenschaft einzufordern, und bekräftigte seinen Wunsch, eine Verfassungsreform der Staatsanwaltschaft voranzutreiben.
- Leiche der 11-jährigen Lyhanna im Département Gers entdeckt
- Justizminister Darmanin sendet handschriftlichen Brief an Richter
- Inspektionsberichte zur Affäre sollen der Regierung vorgelegt werden


