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Regierung·vor 4 Std.

Koalitionspartner streiten über Dobrindts Vorstoß zur Kürzung des Bürgergelds vor Start der neuen Grundsicherung

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hält den aktuellen Bürgergeld-Regelsatz für zu hoch und entfacht damit einen Streit in der Koalition, während die neue Grundsicherung am 1. Juli starten soll. Parallel dazu könnten geplante Kürzungen beim Wohngeld vor allem Rentner treffen.

Ein umstrittener Vorschlag

Die Debatte wurde durch ein Interview ausgelöst, das Bundesinnenminister Alexander Dobrindt am Mittwoch dem Magazin Focus gab. Dobrindt erklärte, der monatliche Regelsatz für Alleinstehende (derzeit 563 Euro) sei „zu hoch“ und müsse überprüft werden. Er verwies auf massive Kostensteigerungen durch Erhöhungen in der vorigen Legislaturperiode und argumentierte, dass ein Programm mit jährlichen Kosten von fast 50 Milliarden Euro einen entscheidenden Beitrag zur Haushaltskonsolidierung leisten könne.

Der Regelsatz sollte das Existenzminimum decken und nicht mehr als das.

Dobrindt sagte, er sei weiterhin überzeugt, dass deutlich mehr Einsparungen möglich seien als geplant. Der Vorstoß kommt nur zwei Wochen vor dem Inkrafttreten des Kernstücks der Reform von 2025.

Geteilte Reaktionen in der Union

Der Vorschlag fand Unterstützung bei mehreren Unionsabgeordneten. Der CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann sagte der Rheinischen Post, in der „größten Reformphase seit 20 Jahren“ müsse alles auf den Tisch, und das Grundsicherungsprogramm dürfe nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Der CDU-Sozialpolitiker Marc Biadacz verwies darauf, dass der Koalitionsvertrag bereits eine Änderung des Anpassungsmechanismus vorsehe, der durch ein kommendes Grundsicherungsgesetz II neu geregelt werden solle. Johannes Winkel, Chef der Jungen Union, sagte, Dobrindt „habe recht“ und argumentierte, dass die Höhe der Leistung in Kombination mit übernommenen Miet- und Energiekosten sowie zahlreichen kostenlosen Angeboten zu wenig Anreiz zur Arbeitsaufnahme biete.

Alexander Dobrindt hat recht. Die Höhe des Bürgergelds in Kombination mit der Übernahme von Miet- und Energiekosten und zahlreichen kostenlosen Angeboten bedeutet, dass der Anreiz zur Arbeitsaufnahme eindeutig zu gering ist.

Der Vorschlag stieß jedoch auf heftigen Widerstand aus dem eigenen CDU-Arbeitnehmerflügel. Der CDA-Vorsitzende Dennis Radtke sagte der AFP, ein pauschaler Kürzungsaufruf sei „kein hilfreicher Debattenbeitrag“ und stoße schnell an verfassungsrechtliche Grenzen. Er kritisierte auch die CSU dafür, gleichzeitig auf der Ausweitung der Mütterrente zu bestehen, einer Maßnahme, die fünf Milliarden Euro pro Jahr kosten würde. „Die Mütterrente für sakrosankt zu erklären und gleichzeitig den Eindruck zu erwecken, in der Grundsicherung ließen sich verborgene Schätze finden, ist ein bemerkenswertes politisches Manöver“, fügte Radtke hinzu. Er betonte, dass christlich-soziale Politik nicht reflexartig bei den Schwächsten kürze, sondern Menschen befähige, aus eigener Kraft voranzukommen.

SPD wehrt sich

Die Sozialdemokraten lehnten die Forderung entschieden ab. Bernd Rützel, SPD-Vorsitzender des Bundestags-Sozialausschusses, sagte der Rheinischen Post, Dobrindt wisse aus dem Wahlkampf, dass Milliarden-Einsparungen nicht einfach durch eine Senkung des Regelsatzes zu erzielen seien. Die größeren Einsparungen kämen vielmehr durch die Vermittlung von Menschen in Arbeit, nicht durch das Abschöpfen weniger Euro von der Leistung.

Es ist leicht zu sagen, dass man den Leuten ein paar Euro wegnehmen kann, damit die Wirtschaft wieder brummt oder dass man erhebliche Einsparungen erzielen kann. Die Realität sieht anders aus.

Der Streit kommt, während Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) wiederholt die Ministerien zu Einsparungen gedrängt hat und die Koalitionsspitzen Anfang Juli ein umfassendes Reformprogramm verabschieden wollen.

Breitere Sozialkürzungen und Wohngeld

Parallel zum Bürgergeld-Streit baut die Regierung das Wohngeld um, das 1,2 Millionen Empfänger betrifft. Daten des RedaktionsNetzwerk Deutschland zufolge sind über die Hälfte der Wohngeldempfänger (638.000) Rentner, während etwa zehn Prozent Alleinerziehende sind. Das Bauministerium erklärte, die konkreten Auswirkungen der geplanten Einsparungen von einer Milliarde Euro würden noch geprüft, schloss aber eine „systematische Verschlechterung“ für die Leistungsbezieher aus.

Die neue Grundsicherung ab 1. Juli

Am 1. Juli wird das Bürgergeld durch eine neue Grundsicherung mit strengeren Sanktionen und einer Priorisierung der Arbeitsvermittlung vor der Qualifizierung ersetzt. Das System wurde zuletzt im Januar 2024 angepasst, als die Sätze um rund zwölf Prozent stiegen. Seitdem liegt der monatliche Regelsatz für Alleinstehende bei 563 Euro, sein realer Wert ist jedoch gesunken. Die Koalitionsspitzen planen, das umfassende Reformpaket in den Tagen nach dem Start zu verabschieden.

Zeitleiste: Vom Bürgergeld zur Grundsicherung
  1. Letzte Anpassung der Regelsätze: rund 12 % Erhöhung für Alleinstehende auf 563 Euro
  2. Koalition verabschiedet strengere Regeln für das Bürgergeld, führt neue Grundsicherung ein
  3. Bundesinnenminister Dobrindt nennt aktuellen Regelsatz 'zu hoch', schlägt Überprüfung und Kürzungen vor
  4. Bürgergeld wird durch Grundsicherung mit strengeren Sanktionen und Vorrang der Arbeit ersetzt
  5. Koalitionsspitzen erwarten Einigung auf ein umfassendes Reformprogramm
Berlin

8 Quellen

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