
Berliner Pride-Angreifer eine Stunde vor der Tat beim Verlassen seiner Wohnung gefilmt – Überwachung Tage zuvor zurückgefahren
Eine versteckte Polizeikamera filmte Abdul Ballout am Samstag um 20:58 Uhr beim Verlassen seiner Berliner Wohnung, etwa eine Stunde bevor er einen Lieferwagen in eine Menschenmenge der Pride-Parade steuerte, eine polnische Frau tötete und 29 weitere verletzte.
Der Anschlag und seine Folgen
Abdul Ballout steuerte am Samstagabend einen weißen Citroën-Lieferwagen in eine Menschenmenge der Berliner Pride-Parade. Eine 65-jährige Polin wurde getötet, 29 weitere Menschen wurden verletzt. Die Behörden behandeln den Vorfall als islamistischen Terrorakt. Laut einem Bericht setzte Ballout bei dem Anschlag auch eine Machete ein. Nach einer Fahndung erschoss ihn die Polizei am Sonntag im Berliner Bezirk Spandau.
Überwachung vor dem Anschlag
Ermittlungen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR ergaben, dass das Landeskriminalamt Berlin (LKA) eine versteckte Kamera installiert hatte, die auf den Eingang von Ballouts Gebäude gerichtet war. Die Kamera filmte ihn am Samstag um 20:58 Uhr beim Verlassen, etwa eine Stunde vor dem Anschlag. Auch seine Telefon- und Internetkommunikation wurde abgefangen. Die Überwachungsaktion begann nach seiner bedingten Entlassung aus der Untersuchungshaft Mitte Mai.
Ballout, ein 21-jähriger Deutscher libanesischer Abstammung, war im Mai wegen Vorbereitung einer „schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt worden. Er wurde nach sechs Monaten Untersuchungshaft (plus drei Monaten in einem libanesischen Gefängnis) unter der Auflage entlassen, an einem Deradikalisierungsprogramm teilzunehmen.
Überwachung trotz Risikobewertung zurückgefahren
Laut Medienberichten wurde das Überwachungsniveau zehn Tage nach Ballouts Entlassung reduziert, weil die Beamten keine Anzeichen für eine geplante Tat sahen. Die Entscheidung wurde auch durch begrenzte Polizeiressourcen beeinflusst. Kurz darauf stufte das Anti-Terror-Gremium GTAZ Ballout in die Kategorie „Rot“ ein, was ein hohes Risiko für einen Anschlag bedeutet. Da die überwachenden Beamten zu einer anderen Einschätzung gelangt waren, wurden keine zusätzlichen Maßnahmen ergriffen.
Aus seinem Verhalten sei keine 'handlungsorientierte Haltung' erkennbar gewesen.
Kameraaufnahmen wurden in der Regel nur alle 24 Stunden gesichtet. Es ist unklar, ob die Beamten Ballouts Verlassen am Samstagabend in Echtzeit oder erst später sahen. Anfang Juli filmte die Kamera ihn beim Verlassen mit einem verdächtigen Gegenstand im Hosenbund. Eine Durchsuchung seiner Wohnung am 5. Juli ergab eine Nachbildungswaffe.
Politische Reaktion
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt nannte es „inakzeptabel“, dass ein Gericht Ballout bedingt entlassen und Jugendstrafrecht angewendet habe. Im ZDF sagte er, die Auswertung werde zeigen, welche Aspekte der Überwachung „gut gelaufen sind, oder vielleicht nicht ganz gut.“
Wenn potenzielle Terroristen da sind, wenn wir sie überwachen, aber trotzdem keine absolute Sicherheit garantieren können, muss alles getan werden, um die Sicherheit zu erhöhen.
Dobrindt argumentierte, dass nach jedem Anschlag neue politische Entscheidungen nötig seien, weil „neue Erkenntnisse ans Licht kommen“. Die Ängste und Wünsche vieler Menschen nach mehr Sicherheit seien „nicht unbegründet“, sagte er.
Hintergrund des Angreifers
Ballout hatte versucht, nach Syrien zu reisen, um sich dem Islamischen Staat anzuschließen. Er wurde im Juli 2025 im Libanon festgenommen und von einem Militärgericht unter anderem wegen Aufstachelung zu drei Monaten Haft verurteilt. Der Spiegel sprach mit seinem Vater, der seinen Sohn als „liebevoll und großzügig“ beschrieb, aber sagte, er sei in den letzten Jahren zunehmend radikaler geworden. „Er muss einer Gehirnwäsche unterzogen worden sein“, sagte der Vater.
Auch deutsche Medien stellten Fragen zu dem bei dem Anschlag verwendeten Miettransporter. Das Fahrzeug war auf ein Unternehmen zugelassen, das angibt, keine solchen Transporter zu besitzen. Die Berliner Morgenpost berichtete, der Transporter sei weiterverkauft worden, trage aber noch den Namen des Unternehmens.
- Ballout im Libanon festgenommen, später wegen Aufstachelung zu drei Monaten Haft verurteilt.
- Bedingt entlassen nach sechs Monaten Untersuchungshaft; LKA beginnt intensive Überwachung einschließlich versteckter Kamera.
- Überwachungsniveau nach zehn Tagen reduziert wegen fehlender Anschlagsindikatoren und begrenzter Ressourcen.
- GTAZ stuft Ballout als Hochrisiko-Kategorie 'Rot' ein; keine zusätzlichen Maßnahmen ergriffen.
- Polizei durchsucht Ballouts Wohnung, nachdem Kamera verdächtigen Gegenstand zeigt; Nachbildungswaffe gefunden.
- Versteckte Kamera filmt Ballout beim Verlassen seiner Wohnung.
- Ballout fährt Lieferwagen in Berliner Pride-Menschenmenge; eine Tote, 29 Verletzte.
- Ballout von Polizei im Bezirk Spandau erschossen.
