
Krankschreibungsreform der Koalition stößt auf Widerstand aus eigenen Reihen, Ärzten und Öffentlichkeit
Der Plan der schwarz-roten Koalition, ab dem ersten Tag ein ärztliches Attest zu verlangen und die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, hat scharfe Kritik aus den eigenen Parteien, von Ärzteverbänden und Wirtschaftsforschern ausgelöst, die vor überlasteten Praxen und mehr Präsenzkrankheit warnen.
Der Plan der Regierung
Am Mittwochabend einigte sich die Koalition aus CDU/CSU und SPD darauf, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und von Arbeitnehmern ab dem ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest zu verlangen, statt wie bisher ab dem vierten Tag. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) begründete den Schritt mit hohen Krankenstandszahlen. Die Reform ist Teil eines breiteren arbeitsmarktpolitischen Pakets, das auch Steuererleichterungen für Sonn- und Feiertagsarbeit, Familiensteuervorteile und erleichterte Kündigungsregeln für Gutverdiener umfasst.
Interne Koalitionskritik
Schnell kam Kritik aus den eigenen Reihen der Koalition. Dennis Radtke, Chef des CDU-Arbeitnehmerflügels (CDA), sagte dem Spiegel, der politische Konfliktwert stehe „in keinem gesunden Verhältnis zu den vermeintlichen Verbesserungen“ und das „gute Gesamtpaket“ werde unter der Krankschreibungsdebatte begraben. Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) nannte die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung „nur zusätzliche Bürokratie“ und wies darauf hin, dass nur etwa ein Prozent der Krankschreibungen telefonisch ausgestellt werden. Stefan Schwartze, Patientenbeauftragter der Bundesregierung und SPD-Mitglied, warnte, dass der Gang zum Arzt für viele Erkrankungen eine unnötige Belastung sei und das Infektionsrisiko erhöhe.
Der politische Konfliktwert steht in keinem gesunden Verhältnis zu den vermeintlichen Verbesserungen.
Ärzte warnen vor Praxisüberlastung
Ärzteverbände reagierten alarmiert. Markus Blumenthal-Beier, Bundesvorsitzender des Hausärzteverbandes, bezeichnete den Plan als „eine Katastrophe für unsere Praxen“ und prognostizierte Millionen zusätzlicher Patientenbesuche, die weniger Zeit für chronisch Kranke ließen. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Bundesvorsitzende des Verbandes, nannte die Regeln „reine Symbolpolitik“, die weder den Krankenstand senken noch Missbrauch verhindern würden. Sie argumentierte, dass ein härteres Vorgehen gegen aggressive Videosprechstundenanbieter wirksamer wäre, während telefonische Krankschreibungen von etablierten Hausärzten an die Kenntnis des Patienten gebunden seien.
Sie werden weder die Krankenstandsquote senken noch Missbrauch verhindern.
Ökonomen bezweifeln Wirkung
Daniel Graeber, Ökonom am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), erwartet keine spürbare Senkung des Krankenstandes. Er warnte, dass eine Attestpflicht ab dem ersten Tag zu mehr Arztbesuchen und höheren Infektionsrisiken in Wartezimmern führen könnte. „Sollte dies dazu führen, dass Menschen mit leichten Infektionen zur Arbeit gehen, könnte die Ansteckung am Arbeitsplatz letztlich zu mehr Krankheitstagen führen, als wenn diese Arbeitnehmer einfach zu Hause geblieben wären“, sagte er. Graeber sieht keinen kausalen Zusammenhang zwischen hohen Krankenständen und telefonischen Krankschreibungen; Daten der Barmer Krankenkasse zeigen keinen Anstieg der Krankschreibungsfälle durch Telefon- oder Videosprechstunden, die nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Bescheinigungen ausmachten.
Sollte dies dazu führen, dass Menschen mit leichten Infektionen zur Arbeit gehen, könnte die Ansteckung am Arbeitsplatz letztlich zu mehr Krankheitstagen führen, als wenn diese Arbeitnehmer einfach zu Hause geblieben wären.
Öffentliche Meinung und Daten zum Krankenstand
Eine YouGov-Umfrage unter 6.200 Erwachsenen ergab, dass 59 Prozent eine Attestpflicht ab dem ersten Tag ablehnen, während 31 Prozent sie befürworten; 58 Prozent lehnen die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung ab, 33 Prozent sind dafür. Die Debatte wird durch einen statistischen Effekt befeuert: Seit 2022 führen elektronische Krankschreibungen zu einer vollständigeren Erfassung von Fehlzeiten, was den scheinbaren Anstieg aufbläht. Kurzzeiterkrankungen von ein bis drei Tagen machen nur sieben Prozent aller Krankheitstage aus, während Langzeiterkrankungen über sechs Wochen etwa 40 Prozent verursachen, häufig mit Muskel-Skelett- oder psychischen Erkrankungen. Graeber argumentiert, dass Prävention wirksamer wäre als eine Verschärfung der Dokumentationsregeln.
- Attestpflicht: Dagegen
- 59 %
- Attestpflicht: Dafür
- 31 %
- Telefon-KS abschaffen: Dagegen
- 58 %
- Telefon-KS abschaffen: Dafür
- 33 %


