
Ärzte bezeichnen Krankschreibungs-Reform der Koalition als ‚absolut katastrophal‘ – Berlin verschärft Regeln
Die Ärzteschaft hat den Plan der Bundesregierung scharf verurteilt, telefonische Krankschreibungen abzuschaffen und eine ärztliche Bescheinigung ab dem ersten Krankheitstag zu verlangen. Sie warnen vor überlasteten Praxen und längeren Wartezeiten für Patienten, die tatsächlich medizinische Hilfe benötigen.
Der Beschluss der Koalition
Am Donnerstag einigte sich die Koalitionsregierung aus CDU/CSU und SPD auf eine Verschärfung der Krankmeldungsregeln. Die wichtigsten Änderungen: Die Möglichkeit, eine Krankschreibung telefonisch zu erhalten, wird abgeschafft, und Arbeitnehmer müssen ab dem ersten Krankheitstag eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen. Derzeit ist eine Bescheinigung erst ab dem vierten Tag erforderlich, wobei der Arbeitgeber sie früher verlangen kann. Die telefonische Krankschreibung wurde Ende 2023 eingeführt; sie erlaubte es Patienten, die in der Praxis bekannt sind und keine schweren Symptome aufweisen, eine Bescheinigung für bis zu fünf Tage ohne persönlichen Arztbesuch zu erhalten. Kanzler Friedrich Merz und Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatten die Maßnahme wiederholt in Frage gestellt und mit den ihrer Ansicht nach ‚exorbitanten‘ Krankenständen nach der Pandemie in Verbindung gebracht.
Wir schaffen die telefonische Krankschreibung ab und führen die Pflicht zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag ein. Das ist eine harte Entscheidung. Das wissen wir. Aber wir können uns diesen Wettbewerbsnachteil durch lange Fehlzeiten in den Unternehmen nicht mehr leisten.
Empörung der Ärzteschaft
Die Reaktion der Mediziner war scharf und kam prompt. Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Markus Blumenthal-Beier, bezeichnete den Plan als ‚absolut katastrophal‘ und warnte, er werde eine ‚gewaltige Bürokratiewelle‘ auf die ohnehin überlasteten Praxen loslassen. Er argumentierte, alle Statistiken zeigten, dass telefonische Krankschreibungen nicht zu mehr krankheitsbedingten Fehlzeiten geführt hätten; der Anstieg der gemeldeten Fälle sei ein statistischer Effekt der elektronischen Erfassung. Blumenthal-Beier sagte, die Regelung ab dem ersten Tag werde Millionen von Patienten dazu zwingen, nur für die Ausstellung eines Papiers zum Arzt zu gehen, was die Wartezeiten für diejenigen verlängere, die tatsächlich medizinische Hilfe bräuchten.
Die Koalition trifft diese völlig faktenfreien Entscheidungen und nimmt die völlige Überlastung unserer Praxen wissentlich in Kauf. Die Folgen werden längere Wartezeiten für Patienten sein, die unsere medizinische Hilfe wirklich brauchen.
Jana Husemann, Vorsitzende des Hamburger Hausärzteverbandes, nannte den Schritt eine ‚unverständliche Fehlentscheidung‘. Sie wies darauf hin, dass in vielen anderen Ländern eine ärztliche Bescheinigung erst nach fünf bis sieben Tagen erforderlich sei und Deutschland den gegenteiligen Weg gehe. In ihrem Praxisalltag müsse sie kranke Patienten eher zum Zuhausebleiben drängen, als dass sie Missbrauch vermute.
Ich halte das für eine unverständliche Fehlentscheidung. In der Praxis muss ich kranke Patienten eher dazu drängen, zu Hause zu bleiben. Missbrauch ist die Ausnahme.
Auch Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, kritisierte den Plan. Er sagte der Bild-Zeitung, er werde noch mehr Menschen in die ohnehin vollen Praxen bringen.
Das wird noch mehr Menschen in die Praxen bringen, die bereits voll sind.
Was die Reform bedeutet
Der Beschluss der Koalition ist Teil eines umfassenderen Reformpakets, das auch Rentenänderungen und Steuererleichterungen für niedrige und mittlere Einkommen umfasst. Die neuen Regeln zur Krankschreibung sollen über eine Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern umgesetzt werden. Merz merkte an, dass einzelne Unternehmen oder Tarifverträge von der Pflicht abweichen könnten. Die Regierung plant zudem, die falsche Ausstellung von Krankschreibungen schärfer zu ahnden.
Die derzeitige Regelung, die eine Bescheinigung erst ab dem vierten Kalendertag vorsieht, besteht seit Jahren; die telefonische Option wurde als Bequemlichkeit aus der Pandemiezeit hinzugefügt, um Infektionsrisiken zu verringern. Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und die Pflicht zur Vorlage einer Bescheinigung ab dem ersten Tag dürften auf erheblichen politischen und öffentlichen Widerstand stoßen; die Grünen haben bereits scharfe Kritik geäußert.

