
Polnische Aktivistinnen installieren ersten Abtreibungspillen-Automaten in Warschau
Reproduktionsrechtsgruppen haben gegenüber dem polnischen Parlament einen Schließfachautomaten mit 22 Fächern installiert, um Abtreibungsmedikamente anonym abzugeben und die strengen nationalen Beschränkungen zu umgehen.
Der Automat in Warschau
Polnische Aktivistinnen für Reproduktionsrechte haben am 30. September 2026 in Warschau einen pinkfarbenen Automaten namens „abortomat“ vorgestellt. Die Anlage umfasst 22 separate Fächer mit Umschlägen, die Medikamente für medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche enthalten. Das Gerät steht in einem Zentrum für Abtreibungsunterstützung, das vor mehr als einem Jahr direkt gegenüber dem polnischen Parlament eingerichtet wurde, und ermöglicht es Frauen, Abtreibungspillen anonym und sofort abzuholen. Nutzerinnen bestellen die Medikamente online und erhalten eine E-Mail mit einem individuellen Code, der ein Schließfach öffnet. Das Projekt wurde vom Abortion Dream Team gemeinsam mit Women Help Women gestartet, einer internationalen gemeinnützigen Stiftung mit Sitz in Kanada, die die Medikamente liefert.
Es ist ein feministischer Eingriff, der zeigen soll, wie verkehrt die Dinge liegen.
Rechtliche Schlupflöcher und operative Schutzmaßnahmen
Polen hat einige der strengsten Abtreibungsregeln Europas und erlaubt Schwangerschaftsabbrüche nur in zwei gesetzlich festgelegten Ausnahmefällen: wenn die Schwangerschaft aus einer Straftat wie Vergewaltigung oder Inzest resultiert oder wenn sie das Leben oder die Gesundheit der Frau gefährdet. Nach polnischem Strafrecht drohen Personen, die einer anderen Person zu einem Schwangerschaftsabbruch verhelfen, bis zu drei Jahre Haft. Frauen, die den Abbruch selbst vornehmen, etwa mit im Internet gekauften Medikamenten, werden vom Gesetz jedoch nicht bestraft. Um die örtlichen Freiwilligen vor Strafverfolgung zu schützen, wird der Automat aus dem Ausland von Women Help Women ferngesteuert.
Wir denken immer darüber nach, wie wir die Abtreibungsversorgung einfacher, zugänglicher, freundlicher und stärker am Menschen orientiert machen können.
Folgen der Beschränkungen und medizinische Risiken
Die Wahl des Standorts spiegelt die Frustration der Aktivistinnen über die Blockade im Gesetzgebungsverfahren im Parlamentsgebäude auf der anderen Straßenseite wider. Im Jahr 2020 strich das polnische Verfassungsgericht schwere Fehlbildungen des Fötus als zulässigen Grund für einen Abbruch – ein Grund, auf den zuvor 98 Prozent aller legalen Schwangerschaftsabbrüche im Land entfielen. Die Entscheidung des Gerichts löste Massendemonstrationen in polnischen Städten aus, die größten öffentlichen Proteste seit der antikommunistischen Bewegung von 1989. Daten des polnischen Nationalen Gesundheitsfonds und des Europarats zufolge wurden im ersten Halbjahr 2025 landesweit nur 846 legale Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. In den vergangenen Jahren starben mehrere schwangere Frauen in polnischen Krankenhäusern, nachdem medizinisches Personal sich bei schweren Schwangerschaftskomplikationen – darunter Fälle mit Sepsis – geweigert hatte, einen Abbruch vorzunehmen.
- Das Verfassungsgericht streicht schwere Fehlbildungen des Fötus als rechtlichen Grund für einen Schwangerschaftsabbruch
- Donald Tusk gewinnt die Parlamentswahlen mit dem Versprechen, die Abtreibungsgesetze zu liberalisieren
- Polen verzeichnet 846 legale Schwangerschaftsabbrüche unter den überarbeiteten Beschränkungen
- Aktivistinnen stellen den Abtreibungsautomaten mit 22 Fächern in Warschau vor
Blockade in der Koalition und politischer Widerstand
Die Partei Recht und Gerechtigkeit weitete die Beschränkungen während ihrer acht Regierungsjahre aus, bevor sie 2023 ihre parlamentarische Mehrheit verlor. Ministerpräsident Donald Tusk trat sein Amt nach Wahlkampfversprechen an, den Zugang zu Abtreibungen zu liberalisieren, doch die vorgeschlagenen Gesetzesvorhaben stocken. Reformen stoßen auf anhaltende Meinungsverschiedenheiten unter den Koalitionspartnern sowie auf die Aussicht auf ein Veto des konservativen Präsidenten. Die Eröffnung der Beratungsstelle und des Pillenautomaten hat zudem Demonstrationen konservativer katholischer Organisationen ausgelöst. Die Organisatorinnen betonen, dass sie weiterhin alternative Vertriebswege nutzen werden, um die reproduktive Gesundheitsversorgung sicherzustellen, solange gesetzliche Änderungen blockiert bleiben.
