
ABC wirft FCC vor, sich in den ‚Chefsessel der Redaktion‘ setzen zu wollen – eskalierender Streit um ‚The View‘
Der Disney-Konzern ABC hat am Dienstag eine scharfe Erwiderung bei der FCC eingereicht und argumentiert, dass seine Talkshow ‚The View‘ ein legitimes Nachrichtenprogramm sei und die Untersuchung der Regulierungsbehörde die Rechte des Ersten Verfassungszusatzes bedrohe.
Der Streit
ABC und sein Mutterkonzern Disney wehren sich gegen die Federal Communications Commission (FCC) wegen der Frage, ob die Tages-Talkshow ‚The View‘ die Regel zur gleichen Sendezeit für politische Kandidaten einhalten muss. Die FCC unter Vorsitz von Brendan Carr leitete im Februar eine Untersuchung ein, nachdem der demokratische Senatskandidat James Talarico in der Sendung aufgetreten war. Carr argumentiert, dass ‚The View‘ kein legitimes Nachrichtenprogramm sei und daher nicht von der Verpflichtung ausgenommen werden könne, gegnerischen Kandidaten Sendezeit anzubieten.
ABC hingegen behauptet, die Frage sei bereits 2002 geklärt worden, als die FCC die Sendung selbst als legitimes Nachrichtenprogramm eingestuft habe. Der Sender wirft der Kommission vor, nun gezielt Programme ins Visier zu nehmen, die der Trump-Administration gegenüber als unfreundlich gelten, während konservative Talkradiosender ignoriert würden, in denen Kandidaten ebenfalls ohne Gegner auftreten.
Der Erste Verfassungszusatz erlaubt es der Regierung nicht, sich in den Chefsessel der Redaktion zu setzen. Doch genau diesen Platz will die Kommission nun einnehmen – entscheiden, welche Sendungen als legitime Nachrichten gelten, und für jene, die sie für unzureichend hält, erzwingen, dass sie ihre Sendezeit Gästen überlassen, die sie nie ausgewählt hätten.
Wie der Streit eskalierte
Der zeitliche Ablauf des Konflikts reicht bis Anfang 2026 zurück. Im Februar kündigte die FCC ihre Untersuchung an. Im März ordnete sie an, dass ABC eine Feststellungsentscheidung über den Status der Sendung einholen müsse. Im April ordnete Carr separat eine beschleunigte Überprüfung der acht ABC-Senderlizenzen von Disney an – einen Tag, nachdem Präsident Trump die Entlassung des Late-Night-Moderators Jimmy Kimmel wegen eines Witzes gefordert hatte. ABC startete im Juni eine On-Air-Kampagne, um die Zuschauer aufzufordern, Stellungnahmen bei der FCC einzureichen, vor Ablauf der Frist am 6. Juli.
- FCC leitet Untersuchung ein, ob ‚The View‘ gegen die Regel zur gleichen Sendezeit verstoßen hat, nachdem James Talarico aufgetreten war.
- FCC ordnet an, dass ABC eine Feststellungsentscheidung einholen muss, dass ‚The View‘ ein legitimes Nachrichtenprogramm ist.
- FCC-Vorsitzender Carr ordnet vorzeitige Überprüfung der ABC-Senderlizenzen an, nachdem Trump die Entlassung von Jimmy Kimmel gefordert hatte.
- ABC startet On-Air-Kampagne, um Zuschauer aufzufordern, Stellungnahmen bei der FCC einzureichen.
- Öffentliche Kommentierungsfrist endet; über 77.000 Stellungnahmen eingereicht, Mehrheit unterstützt ‚The View‘.
- ABC reicht Erwiderung ein und argumentiert, dass der Erste Verfassungszusatz das redaktionelle Ermessen schützt.
Öffentliche und politische Reaktionen
Während der öffentlichen Kommentierungsfrist gingen mehr als 77.000 Stellungnahmen ein, und ABC zufolge unterstützt eine überwältigende Mehrheit die Sendung und die Meinungsfreiheit. Anna M. Gomez, die einzige Demokratin in der Kommission, stellte sich auf die Seite des Senders.
Man muss ihre Berichterstattung nicht mögen, um die Gefahr hier zu erkennen. Der Regierung die Macht zu geben, zu entscheiden, was nachrichtenwürdig ist und welche Gäste auftreten dürfen, ist eine Bedrohung der Pressefreiheit – egal, welche Partei an der Macht ist.
Ein FCC-Sprecher wies die Haltung von ABC zurück und sagte, der Sender solle sich auf seine gemeinwohlorientierten Verpflichtungen konzentrieren, anstatt die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Carr bezeichnete die ABC-Werbespots als „Desinformationskampagne“.
Breitere Bedeutung
Der Streit ist die neueste Front in einer umfassenderen Konfrontation zwischen dem Trump- Weißen Haus und den US-Medien. Trump hat wiederholt gefordert, die FCC solle ABC die Rundfunklizenzen entziehen. Die Kommission hat seit mehr als vier Jahrzehnten keine Rundfunklizenz mehr entzogen. Die von Anwalt Paul Clement unterzeichnete Einreichung von ABC warnt davor, dass das Prinzip, um das es geht, über eine einzelne Sendung hinausgeht.
Heute steht ‚The View‘ im Visier der Kommission. Das Prinzip, das auf dem Spiel steht, ist weit größer: ob ein Bundesregulierer das redaktionelle Urteil eines Rundfunksenders darüber außer Kraft setzen darf, wen er interviewt – ein Urteil, das die Verfassung den Sendern und ihrem Publikum anvertraut, nicht dem Staat.
Die aggressive Verteidigung des Senders markiert eine Abkehr von seiner Entscheidung von 2024, einen von Trump angestrengten Rechtsstreit für 15 Millionen Dollar beizulegen. Rechtsexperten zufolge hat ABC nun eine stärkere Verhandlungsposition, auch weil die Erfolgsbilanz der Regierung gegen Medienunternehmen geschwächt ist.


