Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat am Freitag mit einer öffentlichen Absage an SPD-Steuerpläne eine erhebliche Belastungsprobe für die Bundesregierung heraufbeschworen. Während Finanzminister Lars Klingbeil eine Übergewinnsteuer zur Entlastung der Verbraucher fordert, bezeichnete die CDU-Politikerin diese als verfassungsrechtlich bedenklich und ineffektiv. Die Ministerin reagierte damit direkt auf die Forderungen des Vizekanzlers inmitten steigender Energiepreise infolge des Iran-Konflikts.
Koalitionskonflikt
Wirtschaftsministerin Reiche (CDU) lehnt die von Finanzminister Klingbeil (SPD) geforderte Übergewinnsteuer für Mineralölkonzerne strikt ab.
Rechtliche Bedenken
Reiche warnt vor Verfassungswidrigkeit und verweist auf laufende Klagen gegen frühere Abgabenmodelle aus dem Jahr 2022.
Entlastungsvorschläge
Die CDU setzt auf Pendlerpauschale und Steuersenkungen für die Logistik, während die SPD einen Preisdeckel und ein Mobilitätsgeld fordert.
Druck der Länder
SPD-geführte Bundesländer fordern eine Sonder-Ministerpräsidentenkonferenz und sofortige Maßnahmen gegen die Inflation.
Die deutsche Regierungskoalition erlebte am Freitag einen deutlichen internen Bruch, als Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche Finanzminister Lars Klingbeil und dessen SPD wegen der Vorschläge zur Bewältigung der Kraftstoffpreiskrise öffentlich angriff. Sie erklärte, dass die Uneinigkeit über eine Gewinnabschöpfung bei Mineralölkonzernen die „gesamte Bundesregierung“ betreffe und nicht nur das Verhältnis zwischen den beiden Ministern. Reiche, eine CDU-Politikerin, die im Mai 2025 in das Kabinett von Bundeskanzler Friedrich Merz berufen wurde, trat in Berlin vor die Presse, um die Übergewinnsteuer für Mineralölunternehmen abzulehnen. Klingbeil hatte diese zuvor als Finanzierungsinstrument für Entlastungen der Verbraucher forciert. Ihre Äußerungen fielen nur einen Tag, nachdem Merz beide Minister aufgefordert hatte, gemeinsame Vorschläge vorzulegen – eine Forderung, welche die Tiefe der Koalitionsprobleme vor einem entscheidenden Wochenende unterstreicht. Reiche kritisiert SPD-Vorschläge als teuer, ineffektiv und verfassungswidrigReiche formulierte ihre Kritik an der SPD ungewöhnlich deutlich und erklärte, der Koalitionspartner sei „in den letzten Wochen dadurch aufgefallen, Vorschläge zu unterbreiten, die teuer, ineffektiv und verfassungsrechtlich fragwürdig sind“. Sie argumentierte, dass es nicht ihre Zustimmung finden könne, sehenden Auges „in eine verfassungsrechtlich schwierige Situation zu schlittern“. Dabei verwies sie auf eine Vielzahl noch anhängiger Gerichtsverfahren, die aus einem ähnlichen Mechanismus resultieren, den die Vorgängerregierung nach der russischen Invasion in der Ukraine 2022 aktiviert hatte. Dieses frühere Instrument wurde offiziell als EU-Energiekrisenbeitrag bezeichnet. Reiche warnte, dass eine erneute Übergewinnsteuer die Raffinerien schwächen und den Raffineriestandort Deutschland untergraben würde. Stattdessen sprach sie sich für gezielte, haushaltsschonende Maßnahmen aus: eine vorübergehende Erhöhung der Pendlerpauschale, Direktzahlungen an Fernpendler und eine Senkung der Dieselsteuer für das Speditions- und Logistikgewerbe. Zudem merkte Reiche an, dass ein Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran zu einer ersten Entspannung der Kraftstoffpreise geführt habe, warnte jedoch, dass die Lage fragil bleibe und keine Entwarnung gegeben werden könne. Die Vorlage einer Prüfung möglicher Entlastungsmaßnahmen durch eine hochrangige Arbeitsgruppe, die eigentlich für Freitag aus Reiches Ministerium erwartet worden war, wurde auf die kommende Woche verschoben. Ein Fraktionssprecher begründete dies mit der volatilen Lage im Iran-Konflikt trotz des Waffenstillstands.Deutschland führte 2022 nach Ausbruch des russischen Krieges gegen die Ukraine eine befristete Übergewinnabgabe für Energieunternehmen ein, die eine schwere Energiepreiskrise in ganz Europa ausgelöst hatte. Dieser Mechanismus, formal EU-Energiekrisenbeitrag genannt, wurde für einen begrenzten Zeitraum angewandt und hat laut Reiche seither zu mehreren laufenden Gerichtsverfahren geführt. Der aktuelle Preisdruck steht im Zusammenhang mit dem Konflikt im Iran, der Ende Februar 2026 begann. Die schwarz-rote Koalition aus CDU/CSU und SPD regiert seit Mai 2025 unter Bundeskanzler Friedrich Merz, wobei Lars Klingbeil gleichzeitig als Vizekanzler, Finanzminister und SPD-Vorsitzender fungiert. Klingbeil dringt auf Preisdeckel und Mobilitätsgeld – SPD reagiert scharfLars Klingbeil, der das Doppelamt des Bundesfinanzministers und SPD-Parteivorsitzenden innehat, argumentierte, dass weitere Entlastungen unumgänglich seien, um eine Verfestigung der Inflation zu verhindern. Seine Vorschläge umfassen ein Mobilitätsgeld für Pendler, eine befristete Senkung der Energiesteuer sowie einen flexiblen Preisdeckel für Benzin, Diesel und Heizöl – finanziert durch eine auf europäischer Ebene erhobene Übergewinnsteuer für Energiekonzerne, die von krisenbedingten Gewinnen profitieren. Klingbeil berief für Freitag einen Energiepreisgipfel in seinem Ministerium ein, an dem Vertreter von Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften teilnahmen; auch Reiches Ministerium war vertreten. Die Reaktion der SPD-Bundestagsfraktion auf den öffentlichen Vorstoß von Reiche folgte prompt. Dirk Wiese, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion, erklärte gegenüber Journalisten, Reiches Äußerungen stellten „die Zusammenarbeit in dieser Koalition massiv infrage“. Er fügte hinzu, die Ministerin sei „offensichtlich bis heute nicht in ihrem Amt angekommen“. Wiese warf ihr vor, sich in dieser Woche lediglich dadurch profiliert zu haben, „dass sie die Bürgerinnen und Bürger an der Zapfsäule nicht entlasten will“. Dies werde die SPD nicht akzeptieren. „Wir brauchen jetzt Entlastungen und darüber hinaus faire Reformen für das Land und für unsere Bürgerinnen und Bürger.” — Dirk Wiese via RP Online SPD-Ministerpräsidenten erhöhen Druck auf Merz vor Gipfeltreffen am SonntagDer Druck auf Kanzler Merz aus den SPD-geführten Landesregierungen verschärfte sich, als drei prominente Ministerpräsidenten das Krisenmanagement der Bundesregierung kritisierten. Olaf Lies, Ministerpräsident von Niedersachsen, sagte dem Tagesspiegel, die Bundesregierung gebe „ein sehr unglückliches Bild“ ab. Pendler bräuchten „Lösungen und keine ideologischen Debatten“, so Lies, der einen schnellen Spritpreisdeckel forderte. Andreas Bovenschulte, Bürgermeister von Bremen, verlangte von Merz die Einberufung einer Sonder-Ministerpräsidentenkonferenz, damit Bund und Länder gemeinsam über Stabilisierungsmaßnahmen beraten könnten. Er warf den Mineralölkonzernen vor, sich auf Kosten der Verbraucher zu bereichern. Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, äußerte Unverständnis über das Zögern des Kanzlers: „Die Bürger und auch die Wirtschaft sind bereits am Limit.“ Sie forderte eine sofortige Senkung der Energiesteuer, eine Übergewinnsteuer und einen Preisdeckel. Diese Forderungen standen im Gegensatz zu Merz' Äußerungen auf einer Pressekonferenz am Donnerstag, bei der er mahnte, man solle nicht „mit kurzfristigen Entscheidungen rechnen“ – eine Haltung, welche die SPD-Landeschefs zurückwiesen. Dennis Radtke, Bundesvorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), erhöhte den Druck aus dem sozialen Flügel der CDU und forderte vom Koalitionsausschuss am Sonntag ein „Signal der Entlastung“, das der schwierigen Lage der Haushalte und der Wirtschaft Rechnung trägt. „Die Bürger und auch die Wirtschaft sind bereits am Limit. Das gilt erst recht in einem großen Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern.” — Manuela Schwesig via Der Tagesspiegel
Mentioned People
- Lars Klingbeil — Wicekanclerz i federalny minister finansów w gabinecie Merza
- Katherina Reiche — Federalna minister gospodarki i energii w gabinecie Merza
- Friedrich Merz — Dziesiąty Kanclerz Federalny Republiki Federalnej Niemiec
- Andreas Bovenschulte — Burmistrz Bremy i przewodniczący Senatu Bremy
- Dennis Radtke — Poseł do Parlamentu Europejskiego i przewodniczący Chrześcijańsko-Demokratycznego Przymierza Pracowników
- Manuela Schwesig — Premier kraju związkowego Meklemburgia-Pomorze Przednie
- Dirk Wiese — Sekretarz frakcji parlamentarnej SPD
- Olaf Lies — Premier kraju związkowego Dolna Saksonia
Sources: 21 articles
- "Der Kanzler ist befremdet": Merz pfeift Reiche nach Attacken gegen SPD zurück (N-tv)
- Spritpreise sinken - Zoff in Koalition nimmt zu (stern.de)
- Kritik an Wirtschaftsministerin wächst: Merz soll Reiche zur Zurückhaltung aufgerufen haben (RP Online)
- Energiepreise und Schwarzfahrer: Für wen will die SPD Politik machen? (Frankfurter Allgemeine)
- Bundesregierung: Streit zwischen Reiche und Klingbeil eskaliert (Handelsblatt)
- Reiche teilt gegen SPD-Vorschläge für Entlastungen aus (tagesschau.de)
- Koalitionsstreit um Entlastungen: Reiche attackiert SPD (Süddeutsche Zeitung)
- "Unsere Nachbarländer machen das sehr unbürokratisch": Lesermeinungen in der Spritpreis-Debatte (Focus)
- Teures Tanken: Koalitionsstreit um Entlastungen: Reiche attackiert SPD (Handelsblatt)
- Spritpreise sinken deutlich - Auch Freitag geht es abwärts (stern.de)