Beim italienischen Verfassungsreferendum über eine Justizreform deutet sich eine Niederlage der Regierung von Giorgia Meloni an. Projektionen sehen das Lager der Reformgegner vorn, bei einer mit rund 60 Prozent deutlich höheren Beteiligung als erwartet. Für Meloni wäre es die bislang schwerste politische Niederlage seit ihrem Amtsantritt im Oktober 2022.

Projizierte Niederlage für Meloni

Nach einer RAI-Projektion liegt das „Nein“-Lager beim Verfassungsreferendum mit 53,9 zu 46,1 Prozent vor dem von der Regierung unterstützten „Ja“. Auch andere Institute sahen die Reformgegner vorn.

Reform zielte auf tiefen Umbau der Justiz

Kernpunkt war die strikte Trennung der Laufbahnen von Richtern und Staatsanwälten. Zudem sollten der CSM aufgespalten und Disziplinarverfahren an ein neues Organ übertragen werden.

Beteiligung lag bei rund 60 Prozent

Die Wahlbeteiligung fiel deutlich höher aus als erwartet. Das Ergebnis ist unabhängig von der Beteiligung gültig, weil für Verfassungsreferenden in Italien kein Mindestquorum gilt.

Opposition dürfte politischen Auftrieb erhalten

Partito Democratico und Fünf-Sterne-Bewegung hatten die Reform abgelehnt. Das Ergebnis könnte ihre Bemühungen um ein breiteres Bündnis gegen Meloni vor der Wahl 2027 stärken.

Niederlage bedroht Mehrheit nicht unmittelbar

Trotz des Rückschlags lagen Meloni und Fratelli d’Italia in allen Umfragen vor der Abstimmung klar vor den übrigen Parteien. Ihre Parlamentsmehrheit gilt daher vorerst als nicht akut gefährdet.

Hochrechnungen und Nachwahlbefragungen zum zweitägigen italienischen Verfassungsreferendum über eine Justizreform, das am Montag endete, deuten auf eine knappe Niederlage der Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hin. Nach einer Projektion des staatlichen Senders RAI lag das „Nein“-Lager mit rund 53,9 zu 46,1 Prozent vor dem von der Regierung unterstützten „Ja“-Lager. Frühere Nachwahlbefragungen von Opinio für RAI und von SWG für den Fernsehsender La7 sahen das „Nein“ in einer Spanne von 49 bis 53 Prozent, während das „Ja“ auf 47 bis 51 Prozent kam. Das Institut Youtrend verortete die Gegner der Reform bei 51,5 Prozent und die Befürworter bei 48,5 Prozent. Die Wahlbeteiligung erreichte etwa 60 Prozent und lag damit deutlich über den Erwartungen nach einem Wahlkampf, den Reuters als von großer Aggressivität geprägt beschrieb. Sollte sich das Ergebnis bestätigen, wäre es für Meloni der bedeutendste politische Rückschlag seit ihrem Amtsantritt im Oktober 2022.

Reform hätte Italiens Justiz grundlegend umgestaltet Im Referendum sollten die italienischen Wählerinnen und Wähler über Änderungen mehrerer Verfassungsartikel entscheiden. Im Zentrum stand eine strikte Trennung der Laufbahnen von Richtern und Staatsanwälten. Im derzeitigen System gehören Angehörige der Justiz einem einheitlichen Berufskörper an und können im Verlauf ihrer Karriere zwischen staatsanwaltschaftlichen und richterlichen Aufgaben wechseln. Die vorgeschlagene Reform hätte diese Praxis vollständig beendet; ein Wechsel zwischen beiden Funktionen wäre dann ausgeschlossen gewesen. Zudem wäre der CSM in zwei getrennte Bereiche aufgeteilt worden, deren Mitglieder nicht durch Wahl, sondern per Los bestimmt worden wären. Ein eigenständiges Gericht hätte außerdem die Disziplinarverfahren in der Justiz übernommen. Die Regierung argumentierte, die Änderungen würden das Justizsystem rechenschaftspflichtiger machen, mögliche Voreingenommenheit gegenüber Angeklagten verringern und verhindern, dass politisch motivierte Gruppierungen Führungspositionen an Verbündete vergeben. Wie die Regierung selbst einräumte, hätte die Reform allerdings nichts an der notorisch langsamen italienischen Justiz geändert, die nach Einschätzung von Analysten die Gesamtwirtschaft belastet.

Opposition gewinnt Auftrieb, Meloni schließt Rücktritt aus Meloni hatte öffentlich für das „Ja“-Lager geworben, und Analysten bezeichneten das Referendum als die größte politische Bewährungsprobe ihrer Regierung in dreieinhalb Jahren Amtszeit. Trotz der absehbaren Niederlage hatte sie einen Rücktritt unabhängig vom Ausgang ausgeschlossen und sich dabei ausdrücklich vom Schicksal des früheren Ministerpräsidenten Matteo Renzi distanziert, dessen Regierung nach einer Niederlage bei einem Verfassungsreferendum im Jahr 2016 abrupt endete. Gleichwohl dürfte das Ergebnis sie politisch angreifbarer machen, wie von Reuters zitierte Analysten erwarten. Die beiden wichtigsten Oppositionsparteien, die Mitte-links-Partei Partito Democratico und die Fünf-Sterne-Bewegung, lehnten die Reform ab. Sie argumentierten, sie schwäche die Unabhängigkeit der Justiz und trage nichts zur Lösung struktureller Probleme wie langer Verfahrensdauern und überfüllter Gefängnisse bei. Das Ergebnis dürfte beiden Parteien zusätzlichen Schwung geben, um vor der nächsten Parlamentswahl ein breiteres Bündnis gegen Meloni zu schmieden. Demoskopen hatten bereits vor der Abstimmung darauf hingewiesen, dass viele „Nein“-Wähler ihre Stimme vermutlich eher aus allgemeiner Unzufriedenheit mit der Regierung Meloni abgaben als wegen der technischen Einzelheiten der Reform.

Das Verhältnis zwischen Italiens politischer Klasse und der Justiz ist seit Jahrzehnten von anhaltenden Spannungen geprägt. Besonders sichtbar wurde das während der Ermittlungen „Mani Pulite“ („Saubere Hände“) Anfang der 1990er Jahre, als Korruptionsverfahren das etablierte Parteiensystem zerlegten. Verfassungsreferenden in Italien benötigen kein Mindestquorum, um gültig zu sein. Das Ergebnis vom Montag gilt daher unabhängig von der Höhe der Beteiligung. Das letzte große Verfassungsreferendum vor der jetzigen Abstimmung fand 2016 unter Ministerpräsident Matteo Renzi statt, der seine politische Zukunft an den Ausgang geknüpft hatte und nach der Niederlage zurücktrat.

Nein (gegen die Reform): 53.9, Ja (für die Reform): 46.1

Auch das breitere politische Umfeld belastete Melonis Kampagne Der Zeitpunkt des Referendums erwies sich für Meloni auch jenseits der eigentlichen Justizdebatte an mehreren Fronten als ungünstig. Reuters berichtete, dass viele italienische Wähler ihrem Verbündeten, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump, mit ausgeprägter Ablehnung begegneten. Zugleich seien Sorgen über die Auswirkungen des anhaltenden Kriegs der USA und Israels gegen Iran auf die ohnehin hohen Energiepreise im Inland weit verbreitet. Demoskopen erklärten, diese Faktoren hätten bei einem Teil der „Nein“-Wählerschaft Proteststimmen gegen die Regierung begünstigt. Das Ergebnis kommt eineinhalb Jahre vor der nächsten regulär vorgesehenen Parlamentswahl Italiens im Jahr 2027 zustande. Das gibt Meloni Zeit für eine politische Erholung, lässt ihre Koalition aber zugleich gegenüber einer neu belebten Opposition verwundbar erscheinen. In allen Umfragen vor dem Referendum hatten Meloni und ihre Partei Fratelli d’Italia weiterhin deutlich vor allen anderen Parteien gelegen, sodass die Niederlage ihre Parlamentsmehrheit nicht unmittelbar gefährdet. Die Welt merkte an, Meloni regiere bereits länger als fast alle anderen jüngeren italienischen Regierungschefs. Dieser Umstand verleihe ihrer Koalition selbst nach einer deutlichen Zurückweisung durch die Wähler ein gewisses Maß an institutioneller Stabilität.

60 (percent) — Wahlbeteiligung, deutlich höher als erwartet

Mentioned People

  • Giorgia Meloni — Przewodnicząca Rady Ministrów Republiki Włoskiej od 22 października 2022 roku
  • Giuseppe Conte — Przewodniczący i lider Ruchu Pięciu Gwiazd od 2021 roku

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