Kurz vor einem EU-Gipfel wächst der Druck auf Brüssel, den europäischen CO2-Markt zu überarbeiten. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und neun weitere EU-Regierungschefs verlangen Änderungen bis Mai 2026 und fordern zudem, kostenlose Emissionszertifikate für die Industrie über 2034 hinaus zu verlängern. Der Vorstoß trifft auf Widerstand von Umweltverbänden und legt Differenzen auch innerhalb der italienischen Regierung offen.
Brief von zehn Regierungschefs an die EU-Spitze
Giorgia Meloni und neun weitere EU-Regierungschefs verlangen eine Überprüfung des CO2-Markts und eine Verlängerung kostenloser Emissionszertifikate für die Industrie über 2034 hinaus. Änderungen sollen bis Mai 2026 vorliegen.
Donald Tusk gehört zu den Unterzeichnern
Nach Reuters unterstützt auch Polens Ministerpräsident Donald Tusk die Forderung, kostenlose CO2-Zertifikate für die Industrie beizubehalten.
Italienische Regierung uneins über den Kurs
Während Emanuele Orsini eine vollständige Aussetzung des ETS fordert, plädiert Umweltminister Gilberto Pichetto Fratin für Korrekturen ohne Aussetzung. Matteo Salvini bezeichnete das System als „sinnlos“.
Umweltverbände warnen vor Folgen
Nichtregierungsorganisationen argumentieren, eine Schwächung des ETS würde die Reaktionsfähigkeit der EU in der Energiekrise mindern und Investitionen in sauberere Technologien erschweren.
EU-Gipfel erhöht den Entscheidungsdruck
Der Vorstoß kommt unmittelbar vor einem EU-Gipfel. Die EU-Kommission hat damit nur wenig Zeit, um auf die Forderungen bis Mai 2026 zu reagieren.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat gemeinsam mit neun weiteren Regierungschefs aus der Europäischen Union die EU-Spitze in einem Brief aufgefordert, den CO2-Markt der Staatengemeinschaft zu überprüfen und die kostenlosen Emissionszertifikate für die Industrie über das Jahr 2034 hinaus zu verlängern. Darüber berichtete ANSA am 18. März 2026. In dem Schreiben werden konkrete Änderungen verlangt, die bis Mai 2026 vorliegen sollen. Zu den Unterzeichnern gehört nach Angaben von Reuters auch Polens Ministerpräsident Donald Tusk. Er dringt wie die übrigen Unterzeichner darauf, dass die EU kostenlose CO2-Zertifikate für die Industrie beibehält. Dahinter steht der wachsende Druck einer Gruppe von Mitgliedstaaten, die finanzielle Belastung zu verringern, die das EU-Emissionshandelssystem in einer Phase verschärften wirtschaftlichen Wettbewerbs für europäische Hersteller mit sich bringt.
Industrievertreter verlangen vollständige Aussetzung des CO2-Markts Emanuele Orsini, Präsident der Confindustria, ging in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung noch weiter als die Unterzeichner des Briefes. Er sagte, Europa solle das ETS vollständig aussetzen. Orsini bezeichnete die derzeitige Lage als „Notfallphase“, die außergewöhnliche Maßnahmen erfordere. Italiens Umweltminister Gilberto Pichetto Fratin vertrat eine zurückhaltendere Position. Er erklärte, beim ETS sei „eine Korrektur nötig, auch ohne Aussetzung“. Diese Haltung deutet auf unterschiedliche Auffassungen innerhalb der italienischen Regierung selbst hin, wie weit eine Reform des CO2-Markts gehen sollte. Auch Italiens Vize-Ministerpräsident und Verkehrsminister Matteo Salvini meldete sich zu Wort. Er nannte das ETS „sinnlos“ und schlug vor, das Thema in Brüssel im Rahmen eines umfassenderen Vorstoßes zur Senkung der Kraftstoffpreise zu behandeln. Vorschläge zur Verringerung der Kraftstoffkosten sollten bei einer Kabinettssitzung geprüft werden. Ziel sei es, den Dieselpreis auf unter 1,90 Euro je Liter zu drücken, berichtete ANSA.
Umweltverbände warnen vor Schwächung des ETS Umweltorganisationen wandten sich gegen die Kampagne zur Rücknahme von Regeln des CO2-Markts. Eine Schwächung des ETS würde die Fähigkeit der Europäischen Union beeinträchtigen, auf die Energiekrise zu reagieren, berichtete ANSA. Die Organisationen sehen den CO2-Markt nicht als Belastung für die Industrie, sondern als strukturelles Instrument, um die Energieabhängigkeit zu senken und Investitionen in sauberere Alternativen anzustoßen. Ihr Eingreifen verdeutlicht den Konflikt zwischen kurzfristigen Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und längerfristigen Zielen beim Klimaschutz und der Energiesicherheit. ANSA berichtete zudem, dass Italien trotz seiner verschärften Position gegen das ETS innerhalb der EU weiterhin einer Minderheit angehöre, wenn es um eine vollständige Aussetzung oder einen grundlegenden Umbau geht. Die breitere Gruppe der zehn Regierungschefs, die den Brief unterzeichnet hat, stellt innerhalb der Union mit ihren 27 Mitgliedstaaten zwar einen gewichtigen, aber noch keinen dominierenden Block dar.
Der Zeitpunkt vor dem Gipfel erhöht den Druck in der Debatte Der Brief wurde bewusst vor einem Gipfeltreffen der EU-Staats- und Regierungschefs verschickt. Die Unterzeichner verlangen Änderungen bis Mai 2026 und setzen damit die Europäische Kommission unter erheblichen Zeitdruck. Beim EU-Gipfel dürfte der CO2-Markt neben anderen dringlichen Wirtschafts- und Energiethemen behandelt werden, berichtete Reuters. Die Beteiligung Donald Tusks ist auch deshalb bemerkenswert, weil Polen traditionell über eine stark kohleabhängige Industrie verfügt und sich seit Langem gegen schnelle Zeitpläne zur Dekarbonisierung stellt. Die Forderung nach kostenlosen Zertifikaten über 2034 hinaus richtet sich gegen das nach dem geltenden ETS-Rahmen vorgesehene Auslaufen dieser Gratiszuteilungen. Industrieverbände argumentieren, europäische Hersteller würden ohne diese Regelung im Wettbewerb gegenüber Konkurrenten außerhalb der EU benachteiligt. Die Debatte über das ETS hat sich verschärft, weil europäische Regierungen zugleich mit hohen Energiekosten, globalem Handelswettbewerb und Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen konfrontiert sind.
Das EU-ETS funktioniert seit 2005 als Handelssystem mit Emissionsobergrenze und Zertifikatehandel und zählt damit zu den ältesten und größten CO2-Märkten der Welt. Kostenlose Zertifikate wurden bei der Einführung des Systems geschaffen, um energieintensive Industrien vor abrupten Kostensteigerungen zu schützen. Zugleich war vorgesehen, diese Entlastung über die folgenden Jahrzehnte schrittweise zurückzuführen. Die Frage, ob Gratiszuteilungen verlängert oder beendet werden sollen, gehört seit Jahren zu den zentralen Konfliktlinien zwischen Mitgliedstaaten mit starker Industrie und jenen, die auf eine schnellere Dekarbonisierung dringen.
Mentioned People
- Giorgia Meloni — premier Włoch, przewodnicząca Rady Ministrów Republiki Włoskiej
- Donald Tusk — premier Polski
- Emanuele Orsini — prezydent Confindustrii
- Gilberto Pichetto Fratin — minister środowiska i bezpieczeństwa energetycznego Włoch
- Matteo Salvini — włoski wicepremier i minister transportu