Eine umfassende systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration kommt zu dem Ergebnis, dass neue Alzheimer-Medikamente wie lecanemab und donanemab keinen signifikanten klinischen Vorteil für Patienten bieten. Trotz der erfolgreichen Reduktion von Amyloid-Ablagerungen im Gehirn bleibe eine spürbare Verbesserung im Alltag der Betroffenen aus. Diese Erkenntnisse decken sich mit aktuellen Entscheidungen der Gesundheitsbehörden in Deutschland und Spanien, die eine Finanzierung durch die öffentliche Hand einschränken.

Klinischer Nutzen fragwürdig

Die Cochrane-Analyse von 17 Studien mit über 20.000 Patienten zeigt keinen relevanten Vorteil für Patienten durch Anti-Amyloid-Medikamente.

Finanzierungsstopp in Europa

Während Deutschland lecanemab keinen Zusatznutzen bescheinigt, stoppt Spanien die öffentliche Finanzierung vollständig.

Erhebliche Nebenwirkungen

In den klinischen Studien wurden vermehrt Hirnschwellungen und Mikroblutungen bei den Probanden dokumentiert.

Ein wegweisender Bericht der Cochrane Collaboration, der am 16. April 2026 veröffentlicht wurde, kommt zu dem Schluss, dass der klinische Nutzen von Anti-Amyloid-Medikamenten gegen Alzheimer wie lecanemab und donanemab „nicht vorhanden oder unbedeutend“ ist. Dies stellt einen erheblichen Rückschlag für eine der am stärksten geförderten Forschungsrichtungen der modernen Neurologie dar. Die Untersuchung analysierte Daten aus 17 randomisierten klinischen Studien mit Beteiligung von 20.342 Patienten und verglich fünf verschiedene monoklonale Antikörper über einen Zeitraum von 18 Monaten mit Placebo-Behandlungen. Der Hauptautor Francesco Nonino, Neurologe und Epidemiologe am IRCCS Istituto delle Scienze Neurologiche di Bologna, erklärte, dass die Medikamente zwar Amyloid-Plaques erfolgreich aus dem Gehirn entfernten, diese biologische Veränderung jedoch nicht zu einer wahrnehmbaren Verbesserung der Lebensqualität der Patienten führte. Die Überprüfung ergab, dass die Effekte auf die kognitiven Funktionen und den Schweregrad der Demenz unter den Schwellenwerten lagen, die als klinisch relevant gelten. Die Ergebnisse fallen zeitlich mit unabhängigen Entscheidungen der Gesundheitsbehörden in Spanien und Deutschland zusammen, die öffentliche Mittel für diese Behandlungen einschränken oder ablehnen.

Spanien stoppt staatliche Finanzierung, Deutschland verneint Zusatznutzen Das spanische Gesundheitsministerium gab über die Interministerielle Kommission für Arzneimittelpreise bekannt, dass die öffentliche Finanzierung von lecanemab (Markenname Leqembi) aufgrund von Rationalisierungskriterien und einer fehlenden Kosten-Nutzen-Rechtfertigung gestoppt wird. Die Kosten für das Medikament können etwa 25.000 Euro erreichen – eine Summe, die intensive Debatten zwischen Patientenverbänden und Medizinern ausgelöst hat. In Deutschland bescheinigte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), dass lecanemab im Vergleich zur Standardtherapie „keinen Zusatznutzen“ aufweise, nachdem im Januar 2026 ein identisches Urteil für donanemab ergangen war. Leqembi wurde in Deutschland im September 2025 zugelassen, gefolgt von donanemab im November 2025. Trotz der G-BA-Entscheidungen können beide Medikamente in Deutschland weiterhin verschrieben werden; die Bewertungen dienen nun als Grundlage für Preisverhandlungen zwischen dem GKV-Spitzenverband und den Herstellern. Frankreich und das Vereinigte Königreich hatten zuvor ebenfalls entschieden, die Kosten für diese Behandlungen nicht zu erstatten.

Anti-Amyloid-Wirkstoffe: Wichtige regulatorische Meilensteine: — ; — ; — ; —

Hirnschwellungen und Mikroblutungen als Risiken identifiziert Neben der Wirksamkeitsfrage identifizierte die Cochrane-Analyse erhebliche Sicherheitsbedenken im Zusammenhang mit Anti-Amyloid-Therapien. Bei 119 Patienten in den untersuchten Studien traten Hirnschwellungen (Ödeme) auf; zudem wurde eine messbare Zunahme von zerebralen Mikroblutungen dokumentiert. Koautor Edo Richard, Neurologe am Radboud University Medical Center in den Niederlanden, erklärte, dass die Ergebnisse die Grundannahme von Jahrzehnten der Forschung widerlegen. „„Unsere Ergebnisse widerlegen die Annahme, dass die Entfernung von Amyloiden den Patienten zugutekommen würde.“” — Edo Richard via stern.de Richard plädierte dafür, die Alzheimer-Forschung anderen Krankheitsmechanismen zuzuwenden. Die Autoren warnten zudem davor, einzelne positive Studien überzubewerten, wenn eine breite Basis negativer Ergebnisse vorliege. Eine Verzögerung der Krankheit um Wochen oder Monate sei zwar für Einzelne bedeutsam, für die Gesamtbewertung der klinischen Relevanz jedoch nicht ausschlaggebend.

Wissenschaftliche Gemeinschaft uneinig über Methodik Der Cochrane-Bericht blieb nicht ohne Kritik. Forscher bemängelten, dass unterschiedliche Wirkstoffe wie bapineuzumab und gantenerumab zusammengefasst wurden, die bereits vor Jahren wegen mangelnder Wirkung aufgegeben worden waren. Kritiker argumentieren, dass Daten gescheiterter Substanzen nicht mit Ergebnissen neuerer, gezielterer Therapien wie lecanemab kombiniert werden sollten. Die Autoren verteidigten ihr Vorgehen und betonten, dass zusätzliche Analysen zur Prüfung möglicher Verzerrungen das Gesamtbild nicht wesentlich verändert hätten. Jordi Pérez-Tur vom Institut de Biomedicina de València wies darauf hin, dass die Zulassungsverfahren dieser Medikamentenklasse bereits von akademischen Kontroversen begleitet waren, da Beratergremien der FDA und EMA schon damals den geringen klinischen Effekt hinterfragten.

Die sogenannte Amyloid-Hypothese prägt die Alzheimer-Forschung seit Jahrzehnten. Sie basiert auf der Annahme, dass die Entfernung von Beta-Amyloid-Proteinen den neurologischen Verfall stoppt. Große Pharmaunternehmen entwickelten daraufhin monoklonale Antikörper wie aducanumab, das 2021 in den USA trotz Widerstands im Beratergremium zugelassen wurde. Lecanemab und donanemab folgten, wobei die nationalen Gesundheitsbehörden sehr unterschiedlich über die Kostenerstattung entschieden. Frühere Studien berichteten von einer Verlangsamung des kognitiven Abbaus um 25 bis 35 Prozent, doch Experten mahnten, dass statistische Signifikanz nicht automatisch eine spürbare Verbesserung für Patienten bedeutet. Weltweit sind laut WHO etwa 40 Millionen Menschen von Alzheimer betroffen.

Mentioned People

  • Francesco Nonino — Neurolog i epidemiolog w IRCCS Istituto delle Scienze Neurologiche di Bologna we Włoszech
  • Edo Richard — Neurolog w Radboud University Medical Center w Holandii

Sources: 11 articles