Ein Brüsseler erstinstanzliches Gericht hat Rumänien zur Zahlung von rund 600 Millionen Euro an den Pharmakonzern Pfizer verpflichtet. Grund sind verweigerte Abnahmen von COVID-19-Impfstoffdosen in den Jahren 2022 und 2023. Das Urteil ist zwar noch nicht rechtskräftig, gilt jedoch bereits als vollstreckbarer Titel.
Pfizer-Rechtstreit verloren
Rumänien wurde zur Zahlung von rund 600 Millionen Euro für nicht abgenommene Impfstoffdosen verurteilt.
Untätigkeit der Behörden
Die Regierung habe eine EU-weite Neuverhandlung verpasst, was Einsparungen von 260 Millionen Euro verhindert habe.
Juristische Konsequenzen
Die Oppositionspartei USR reicht Strafanzeige gegen den ehemaligen Gesundheitsminister Alexandru Rafila bei der DNA ein.
Ein Brüsseler erstinstanzliches Gericht hat entschieden, dass Rumänien rund 600 Millionen Euro – was etwa 3.395.000.000 Lei entspricht – an Pfizer für Anti-COVID-Impfstoffdosen zahlen muss, deren Annahme das Land in den Jahren 2022 und 2023 verweigerte. Die Gesamtsumme beläuft sich nach Angaben des Gesundheitsministers Alexandru Rogobete inklusive Zinsen und Strafzahlungen auf 3.395.000.000 Lei, wobei allein durch aufgelaufene Gebühren fast 400.000.000 Lei hinzugekommen sind. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig und Rumänien kann dagegen vorgehen, doch die Entscheidung hat den Charakter eines vollstreckbaren Titels. Dies bedeutet, dass die Mittel unabhängig von einer Berufung auf ein Übergangskonto eingezahlt werden müssen. Der Fall dreht sich um eine Reihe widersprüchlicher Entscheidungen der rumänischen Gesundheitsbehörden während der Amtszeiten des ehemaligen Gesundheitsministers Alexandru Rafila und des ehemaligen Premierministers Nicolae Ciucă.
Pfizer-Klage legt sprunghafte Entscheidungen Rumäniens offen Gerichtsdokumente, die G4Media vorliegen, detaillieren einen Prozess wechselnder Positionen der rumänischen Behörden innerhalb weniger Wochen Ende 2022. Am 8. November 2022 lehnte Rumänien das Angebot von Pfizer ab, Dosen in einem Zentrallager zu lagern. Acht Tage später forderte Rumänien die Lieferung von 3 Millionen Dosen an sieben Standorte im Inland an. Nur zwei Tage darauf revidierte man diese Entscheidung unter Hinweis auf unzureichende Gefrierkapazitäten und bat darum, lediglich 699.840 Dosen zu erhalten. Rumänien schlug daraufhin vor, genau jenes Zentrallager zu nutzen, das es zuvor abgelehnt hatte, erhielt eine Frist bis zum 9. Dezember für eine Antwort und bestätigte seine Teilnahme am 16. Dezember – eine Woche zu spät. Am 21. Dezember erklärte Rumänien, dass die Lagervereinbarung nicht unterzeichnet werden könne, forderte jedoch gleichzeitig die dringende Lieferung von 2,3 Millionen Dosen bis zum 28. Dezember an, bevor die Bestellung auf 1,1 Millionen Dosen reduziert wurde, die zudem nicht vollständig bezahlt wurden. Von den 3 Millionen vertraglich für November 2022 vereinbarten Dosen nahm Rumänien laut der Pfizer-Klage letztlich 699.840 im November und 1.100.160 im Dezember an.
Rumänien unterzeichnete seine dritte Impfstoff-Kaufvereinbarung mit Pfizer im Mai 2021. Der Streit über die Lieferungen entstand Ende 2022 während der Amtszeit von Gesundheitsminister Alexandru Rafila. Im Mai 2023 handelte die EU-Kommission das „Amendment 5“ mit Pfizer aus, das allen Mitgliedstaaten die Möglichkeit bot, Lieferungen über vier Jahre zu strecken oder die Mengen zu reduzieren. 24 der 27 EU-Staaten nahmen dieses Angebot an. Rumänien lehnte das Angebot zusammen mit Ungarn und Polen nicht ab, übermittelte jedoch gar keine Position – weder Zustimmung noch Ablehnung –, woraufhin die Frist laut Aussagen des ehemaligen Gesundheitsministers Vlad Voiculescu verstrich.
„Amendment 5“ hätte Rumänien über 260 Millionen Euro sparen können Der ehemalige Gesundheitsminister Vlad Voiculescu, heute Mitglied der Union Rettet Rumänien (USR), erläuterte die finanziellen Folgen der Untätigkeit Rumäniens bezüglich des Nachtragsvertrags. Nach dessen Bedingungen wären die für 2023 geplanten Lieferungen auf vier Jahre verteilt worden, was Zinszahlungen bis 2027 hinfällig gemacht hätte. Das Gesamtvolumen auf EU-Ebene sollte ohne Kosten von 450 Millionen auf 285 Millionen Dosen gesenkt werden – eine Reduzierung um 36,7 Prozent. Für Rumänien hätte dies die Stornierung von 7.175.000 Dosen und eine Ersparnis von 140 Millionen Euro bedeutet. Eine Flexibilitätsgebühr von 9,75 Euro pro Dosis hätte die Abnahmeverpflichtung in eine Bestelloption umgewandelt, was Rumänien weitere 120,7 Millionen Euro gespart hätte. „Hunderte Millionen Euro werden von den Rumänen gezahlt, weil Minister Rafila sich entzogen hat, indem er das Pfizer-Angebot nicht unterzeichnete, kein Memorandum auf die Tagesordnung setzte und das Problem der Regierung nicht vorlegte.” — Vlad Voiculescu via Stirile ProTV Voiculescu bezeichnete das Ausbleiben einer Reaktion als das „wahrscheinlich teuerste ‚Gelesen-und-Ignoriert‘ in der Geschichte Rumäniens“.
Reduzierung des Dosenvolumens (7,175 Mio. Dosen): 140, Reduzierung der Flexibilitätsgebühr: 120,7, Gesamte potenzielle Einsparungen: 260
USR reicht Strafanzeige gegen Rafila bei der Antikorruptionsbehörde ein Die Union Rettet Rumänien kündigte an, am Donnerstag Strafanzeige gegen Alexandru Rafila bei der Nationalen Antikorruptionsbehörde einzureichen. Dem ehemaligen Minister wird vorgeworfen, nicht auf das Neuverhandlungsangebot reagiert zu haben. Der USR-Abgeordnete Cezar Drăgoescu erklärte, die Anzeige werde durch den Kollegen Emanuel Ungureanu eingereicht. „Aus meiner Sicht ist Alexandru Rafila verantwortlich, der damalige Gesundheitsminister, aber auch die gesamte Regierung unter der Leitung von Nicolae Ciucă. Heute werden wir als USR um 14:30 Uhr bei der DNA Strafanzeige gegen Alexandru Rafila einreichen für das, was er nicht getan hat – konkret für die Weigerung, den Vertrag mit Pfizer neu zu verhandeln.” — Cezar Drăgoescu via Ziare.com USR-Vizepräsident Radu Mihaiu ergänzte, dass die Verantwortung für den finanziellen Verlust zwischen Rafila und dem ehemaligen Premierminister Nicolae Ciucă geteilt werden müsse, dessen Regierung in den Jahren 2022 und 2023 amtierte. Drăgoescu wies zudem Versuche der PSD zurück, USR-nahe Minister einzubeziehen, da Voiculescu nur zwischen Dezember 2020 und April 2021 amtierte, bevor der fragliche Pfizer-Vertrag im Mai 2021 unterzeichnet wurde. Der amtierende Gesundheitsminister Alexandru Rogobete erklärte am Donnerstag, er habe die Lage mit Premierminister Ilie Bolojan besprochen und werde sich mit dem Finanzminister treffen, um Szenarien zu prüfen. Eine Entscheidung über die Zahlungsquelle oder -methode sei jedoch noch nicht gefallen. Rogobete wies darauf hin, dass im Budget des Gesundheitsministeriums für 2024 die erforderliche Summe nicht vorgesehen sei und Zahlungsfristen vom Gericht oder der zuständigen Anwaltskanzlei noch nicht formell mitgeteilt wurden.
Mentioned People
- Alexandru Rogobete — Sekretarz stanu w Ministerstwie Zdrowia
- Ilie Bolojan — Premier Rumunii od 23 czerwca 2025 r.
- Alexandru Rafila — Poseł i były minister zdrowia (2021–2025)
- Nicolae Ciucă — Emerytowany generał i były premier Rumunii (2021–2023)
- Vlad Voiculescu — Ekonomista i były minister zdrowia
Sources: 21 articles
- A discutat Ministrul Sănătății cu premierul Ilie Bolojan despre procesul cu compania Pfizer? Rogobete: "Încercăm să vedem toate scenariile posibile" (Mediafax.ro)
- Cât are plătit România companiei Pfizer după aplicarea dobânzilor și penalităților (Mediafax.ro)
- Vlad Voiculescu: Refuzul lui Alexandru Rafila de a renegocia cu Pfizer tranșa de vaccinuri costă în plus România 400 de milioane de euro (RFI)
- Acuzațiile Pfizer la adresa României, detaliate în cererea de chemare în judecată. Autoritățile s-ar fi răzgândit o dată la câteva zile în privința livrării vaccinurilor (Ziare.com)
- DOCUMENT | Ce a reproșat Pfizer României în instanța belgiană (G4Media.ro)
- Scandalul Pfizer. Vlad Voiculescu: "România ar fi economisit peste 260 de milioane euro. Domnul Rafila putea să reeșaloneze" - Știrile ProTV (Stirile ProTV)
- Plângere penală la DNA împotriva lui Alexandru Rafila, în contextul scandalului vaccinurilor anti-COVID: "Pentru ceea ce nu a făcut" (Ziare.com)
- Vicepreședinte USR: Răspunderea pentru pierderea procesului cu Pfizer este la Ciucă și Rafila (Mediafax.ro)
- Grapini: Dacă România pierde definitiv procesul cu Pfizer, daunele trebuie suportate de cei care au comandat vaccinurile (Mediafax.ro)
- Ciolacu: România are de plată mult peste 1 miliard de euro (G4Media.ro)