
Volkswagen plant 100.000 Stellenstreichungen und Schließung von vier deutschen Werken – tiefster Umbau in der 89-jährigen Firmengeschichte
Europas größter Autobauer erwägt eine radikale Umstrukturierung, die die bisherigen Kürzungsziele verdoppeln, einen Tarifvertrag brechen und die Produktionskapazität auf 9 Millionen Fahrzeuge pro Jahr senken würde.
Ein radikaler Umstrukturierungsplan
Volkswagen erwägt, weltweit bis zu 100.000 Stellen zu streichen und vier deutsche Produktionsstandorte zu schließen – als Teil eines tiefgreifenden Sanierungsplans namens „Zielbild 2030“. Auf der Liste für mittelfristige Schließungen stehen die VW-Werke in Hannover, Zwickau und Emden sowie das Audi-Werk in Neckarsulm. Der Plan, über den Manager Magazin am 26. Juni erstmals berichtete, wäre der größte Umbruch in der 89-jährigen Unternehmensgeschichte und würde die bereits im Frühjahr angekündigten 50.000 Stellenstreichungen verdoppeln. Der Vorstand prüfte den Vorschlag am vergangenen Mittwoch, eine entscheidende Aufsichtsratssitzung ist für den 9. Juli angesetzt.
- VW und IG Metall einigen sich auf 35.000 Stellenstreichungen in Deutschland bis 2030
- Unternehmen kündigt 50.000 weltweite Stellenstreichungen an, nachdem sich der Nettogewinn halbiert hat
- Vorstand prüft Plan 'Zielbild 2030' mit bis zu 100.000 Stellenstreichungen und vier Werksschließungen
- Aufsichtsrat trifft sich zur Abstimmung über das radikale Umstrukturierungspaket
Finanzielle Belastung und schrumpfende Kapazitäten
Die drastischen Maßnahmen folgen auf ein schwieriges Jahr 2025, in dem der Nettogewinn von Volkswagen um fast die Hälfte einbrach und die operative Marge von 5,9 % auf 2,8 % schrumpfte. Der Umsatz sank um 0,9 % auf 322 Milliarden Euro, während der operative Gewinn um 53,4 % auf 8,9 Milliarden Euro einbrach. CEO Oliver Blume sagte dem Manager Magazin, das Unternehmen strebe nun an, die jährliche Produktionskapazität dauerhaft von über 12 Millionen Fahrzeugen auf 9 Millionen zu reduzieren – eine Million sei bereits in China gestrichen worden, eine weitere solle bis 2028 in Europa wegfallen.
Überschüssige Produktionskapazität ist für unser Unternehmen langfristig nicht wirtschaftlich.
- 2024
- 5.9 %
- 2025
- 2.8 %
Bruch eines hart erkämpften Tarifvertrags
Die Vorschläge kollidieren offen mit einer Vereinbarung mit der mächtigen IG Metall aus dem Jahr 2024, die bis 2030 keine deutschen Werksschließungen garantierte. Die Belegschaft in Deutschland zählte Ende 2025 rund 287.000 Beschäftigte bei einer weltweiten Gesamtzahl von 667.164. In einer gemeinsamen Erklärung warnten der VW-Betriebsrat und die IG Metall: „Sollten diese Pläne umgesetzt werden, werden wir alles in unserer Macht Stehende tun, um dies zu verhindern.“ Ein Unternehmenssprecher lehnte es ab, die Details zu bestätigen, räumte jedoch ein, dass der gesamte Konzern einschließlich der Marken und Tochtergesellschaften weitreichende Veränderungen durchlaufen müsse.
Äußerer Druck nimmt zu
Die Führung von Volkswagen verweist auf eine veränderte Wettbewerbslandschaft. Ein Sprecher sagte der AFP, dass das traditionelle Modell, Autos in Deutschland zu entwerfen, sie in Europa zu bauen und weltweit zu exportieren, nicht mehr für alle Marken funktioniere – unter Verweis auf Zölle, schärferen Wettbewerb und ungünstige Markttrends. In China, wo VW jahrelang führte, wurde es 2024 von BYD überholt und fiel 2025 hinter Geely auf den dritten Platz zurück; der Anteil nicht-chinesischer Marken schrumpfte laut AlixPartners von 57 % im Jahr 2020 auf 32 % im Jahr 2025. Chinesische Marken wie BYD, Chery, SAIC und Leapmotor verdoppelten ihren gemeinsamen EU-Marktanteil innerhalb eines Jahres.
Nächste Schritte und politische Folgen
Neben den Stellenstreichungen wollen Blume und Finanzvorstand Arno Antlitz die Kernmarke Volkswagen und die Teilesparte in separate rechtliche Einheiten ausgliedern und das Fünfjahres-Investitionsbudget um rund 15 % auf knapp über 130 Milliarden Euro kürzen. Der Aufsichtsrat wird am 9. Juli über das Paket abstimmen, dessen Auswirkungen weit über Wolfsburg hinausreichen werden. Da die Aktie am Freitag bei rund 76 Euro notierte – einem seit Jahren nicht mehr gesehenen Niveau – wird die Entscheidung ein entscheidender Moment für die gesamte europäische Automobilindustrie sein.


