
Volkswagen billigt Umstrukturierungsplan: 100.000 Stellenstreichungen und Produktionsende an vier deutschen Standorten
Der deutsche Autobauer wird bis 2034 weltweit rund 100.000 Stellen abbauen und die Fahrzeugproduktion an vier inländischen Werken einstellen, um die Fertigungslinien nach Mitteleuropa zu verlagern.
Personalabbau und Werksumstrukturierung
Der Aufsichtsrat von Volkswagen hat einen Transformationsplan mit dem Titel „Plan Przyszłości 2030“ gebilligt, der konzernweit 50.000 zusätzliche Arbeitsplätze abbaut. Zusammen mit einer zuvor vereinbarten Reduzierung von 50.000 Stellen plant der Autobauer den Abbau von rund 100.000 Positionen, was etwa 15 % seiner weltweit über 650.000 Beschäftigten entspricht. Die Umstrukturierung adressiert Überkapazitäten, nachdem der Konzern die jährliche globale Produktionskapazität von 12 Millionen Fahrzeugen vor der Pandemie um 2 Millionen Fahrzeuge gesenkt hat. Konzernvorstände schätzen, dass die europäischen Standorte weiterhin eine Überkapazität von rund 500.000 Autos aufweisen. Ein formelles Konzept für eine nachhaltige europäische Produktionsstruktur soll bis Ende Juni 2027 fertiggestellt sein.
- Kapazität vor der Pandemie
- 12 Mio. Fahrzeuge
- Bereits abgebaute Kapazität
- 2 Mio. Fahrzeuge
- Europäische Überkapazität
- 0.5 Mio. Fahrzeuge
Produktionsverlagerung aus deutschen Werken
Der Aufsichtsrat stellte fest, dass eine wettbewerbsfähige Auslastung für vier deutsche Fertigungsstandorte nicht garantiert werden kann: Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm, die 45.000 Menschen beschäftigen. Interne Planungsdokumente zeigen, dass die Fahrzeugproduktion in Emden und Zwickau 2031, in Hannover 2032 und in Neckarsulm 2034 enden soll. Die Produktion soll in kostengünstigere Werke in Mitteleuropa verlagert werden, wobei der elektrische Nutztransporter B-Space aus Hannover nach Posen in Polen verlegt wird. Die Nachfolger der Modelle ID.4, Q4 e-tron und A8 werden nach Mladá Boleslav, Bratislava bzw. Leipzig vergeben. In Posen und Września werden bereits die Modelle Caddy und Crafter für Volkswagen Nutzfahrzeuge gefertigt.
- Konzept für die Struktur europäischer Produktionsstandorte soll fertiggestellt werden
- Elektrischer Nutztransporter B-Space soll in Produktion gehen
- Fahrzeugproduktion in Emden und Zwickau soll enden
- Fahrzeugproduktion in Hannover soll enden
- Fahrzeugproduktion in Neckarsulm soll enden
- Ziel für die Reduzierung des Modellangebots um 50 Prozent
Modellportfolio-Kürzungen und Marktdruck
Über die Werksanpassungen hinaus plant Volkswagen, sein Fahrzeugmodellkatalog bis 2035 um etwa 50 % zu reduzieren und die Ausstattungsoptionen um bis zu 75 % zu verringern, um die Produktionskomplexität zu senken. Der Konzern erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 321,9 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 6,9 Milliarden Euro, was einer Nettomarge von 2,8 % entspricht – weit unter dem angestrebten Ziel von 8 bis 10 % für Kapitalinvestitionen. Vorstandsvorsitzender Oliver Blume bezeichnete die finanzielle Lage des Unternehmens in einer internen Mitteilung als mehr als kritisch. Der Präsident des Polnischen Automobilindustrie-Verbands (PZPM), Jakub Faryś, nannte US-Zölle, Halbleiterstörungen, den Verlust des russischen Marktes und die europäischen Arbeitskosten als strukturellen Druck.
Im Moment steckt die europäische Automobilindustrie in ernsthaften Schwierigkeiten.
Faryś wies darauf hin, dass chinesische Marken mittlerweile 7 bis 8 % der europäischen Verkäufe ausmachen, was rund 800.000 importierten Fahrzeugen entspricht, die die Produktion von drei bis vier Montagewerken verdrängen.
Regionaler politischer Widerstand und Marktreaktion
Der stellvertretende Sprecher der deutschen Bundesregierung, Sebastian Hille, begrüßte die Umstrukturierungsvereinbarung und erklärte, Deutschland müsse ein effektiver Industriestandort bleiben. Landesbeamte in den betroffenen Regionen äußerten Widerstand gegen die geplanten Ausstiege. Der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies besuchte das Emder Werk, um sich gegen das Ende der Autoproduktion auszusprechen.
Es ist unvorstellbar, dass wir hier keine Autos mehr produzieren.
Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer lehnte auch alternative Nutzungen wie die Rüstungsproduktion für das Zwickauer Werk ab. Die Einigung vermeidet eine außerordentliche Hauptversammlung, die das Management erwogen hatte, um Druck auf die Gewerkschaften und Niedersachsen, den zweitgrößten Aktionär des Unternehmens, auszuüben. Nach der Vereinbarung schlossen die Volkswagen-Aktien am Donnerstag im Frankfurter Handel mit einem Plus von 7,9 %. Branchenanalyst Ferdinand Dudenhöffer erklärte, dass die Entscheidungen über die vier deutschen Standorte innerhalb von zehn Monaten endgültig getroffen werden.


