
Ungarns öffentlich-rechtliche Medien stellen Sendungen ein und entschuldigen sich für 'Lügen' in der Orbán-Ära
Die ungarischen öffentlich-rechtlichen Sender M1 und Kossuth Radio haben am 7. Juli ihre Nachrichtensendungen ausgesetzt und auf einem schwarzen Bildschirm eine Entschuldigung für jahrelange Propaganda unter Viktor Orbán gezeigt. Ministerpräsident Péter Magyar begrüßte den Schritt als Ende der Lügen der Staatsmedien.
Sendestopp und Entschuldigung
Am Dienstagnachmittag stellten Ungarns wichtigster öffentlich-rechtlicher Fernsehsender M1 und Kossuth Radio abrupt ihre Nachrichtenausstrahlung ein. Die Zuschauer von M1 sahen einen schwarzen Bildschirm mit der Botschaft: „Öffentlich-rechtliche Medien sollten nicht lügen. Es tut uns leid, dass wir es so lange getan haben.“ Der Text fügte hinzu, dass die öffentlich-rechtlichen Medien reformiert würden, um unabhängig und vertrauenswürdig zu werden, und dass der Nachrichtendienst vorübergehend eingestellt sei. Auf den Frequenzen von Kossuth Radio wurde stattdessen Bartók Radio, ein klassisches Musikprogramm, ausgestrahlt, während die Websites beider Sender offline gingen.
Ein historischer Tag. Heute markiert das Ende der Propagandasendungen auf öffentlich-rechtlichen Plattformen. Sie haben nachts gelogen, sie haben tagsüber gelogen, sie haben auf jeder Frequenz gelogen. Das ist jetzt vorbei.
Wiederaufnahme ohne Nachrichten
Der staatliche Medienverbund MTVA teilte mit, dass M1 den Sendebetrieb am Abend um 19:56 Uhr wieder aufnehmen werde – eine Zeit, die in Anspielung auf den ungarischen Volksaufstand von 1956 gewählt wurde –, jedoch ohne Nachrichtensendungen. Andere öffentlich-rechtliche Programme waren nicht betroffen. Die Nachrichtenausstrahlung werde schrittweise wieder eingeführt, sobald eine neue redaktionelle Führung eingesetzt sei, fügte MTVA hinzu.
- Péter Magyars Tisza-Partei gewinnt die Parlamentswahlen und beendet Viktor Orbáns 16-jährige Herrschaft.
- M1 TV und Kossuth Radio stellen Nachrichtensendungen ein; M1 zeigt Entschuldigungsbotschaft auf schwarzem Bildschirm.
- M1 nimmt Sendebetrieb ohne Nachrichtenprogramme wieder auf; Kossuth setzt klassische Musik fort.
Magyars Medienumbau
Péter Magyar, dessen Tisza-Partei im April eine Zweidrittelmehrheit im Parlament errungen hatte, war mit dem Versprechen eines „Regimewechsels“ und eines klaren Bruchs mit Orbáns 16-jähriger Herrschaft angetreten. Die Wiederherstellung der Medienunabhängigkeit war ein zentrales Versprechen. Kurz vor dem Sendestopp ersetzte seine Regierung die Führung von MTVA und dessen Tochtergesellschaften. Magyar erklärte später auf Facebook, der Tag markiere das Ende der Propaganda, und beschuldigte das vorherige Regime, „auf jeder Frequenz“ gelogen zu haben.
Orbáns Vermächtnis und Reaktion
Unter Viktor Orbán wurden die öffentlich-rechtlichen Medien zu Sprachrohren der Regierung umfunktioniert, wobei Nachrichtensendungen einseitiges Lob für die regierende Fidesz-Partei aussprachen. Kritiker bezeichneten die Sender als Propagandainstrumente. Orbán reagierte auf die Aussetzung, indem er sie als „ein weiteres Beispiel für die Tyrannei der Tisza“ bezeichnete und die Zuschauer, die „an der Wahrheit interessiert“ seien, aufforderte, den privaten Sender Hír TV einzuschalten, der mit seiner Partei verbunden ist.
Ein weiteres Beispiel für die Tyrannei der Tisza!
Kontext der Pressefreiheit
Die Medienlandschaft Ungarns hat sich während Orbáns Amtszeit drastisch verschlechtert. Laut Reporter ohne Grenzen fiel das Land von Platz 23 im Weltindex der Pressefreiheit im Jahr 2010 auf Platz 74 im Jahr 2026. Analysten warnen, dass die Wiederherstellung des öffentlichen Vertrauens und die Gewährleistung echter redaktioneller Unabhängigkeit nicht nur eine neue Führung, sondern auch strukturelle Garantien für Finanzierung und Autonomie erfordern.
- 2010
- 23 Rang
- 2026
- 74 Rang
Breitere Medienumwälzung
Die Regierung hat auch private Sender ins Visier genommen, die Orbán-nahen Geschäftsleuten gehören. Bei TV2, einem der führenden kommerziellen Sender Ungarns, wurden die Hauptnachrichtensprecher ausgetauscht und der Nachrichtendirektor nach Magyars Wahlsieg abgesetzt. Die Schritte signalisieren einen umfassenden Versuch, das über 16 Jahre der Fidesz-Herrschaft aufgebaute Medienökosystem zu demontieren.


