
Türkei nimmt Dutzende bei landesweiten Razzien auf LGBTQ+-Lokale und Aktivist*innen-Wohnungen fest
Türkische Sicherheitskräfte haben in 15 Provinzen Razzien im Rahmen einer Kampagne zum Schutz der Familie durchgeführt, Dutzende Aktivist*innen festgenommen und Lokale in Istanbul und Ankara durchsucht.
Landesweite Durchsetzungskampagne
Türkische Sicherheitsdienste starteten am Wochenende des 12.–13. September 2026 koordinierte Einsätze in 15 Provinzen, die sich gegen LGBTQ+-Interessengruppen, Geschäfte und Privathäuser richteten. Die Aktionen wurden gemeinsam von der türkischen Nationalpolizei und der Gendarmerie unter der Bezeichnung „Meine Familie ist sicher“ durchgeführt. Justizminister Akın Gürlek gab auf der Social-Media-Plattform X bekannt, dass Staatsanwälte landesweit Strafverfahren gegen 162 Personen, 9 Nichtregierungsorganisationen und 13 Geschäftslokale eingeleitet hätten. Gürlek erklärte, die Durchsetzungsmaßnahmen seien Teil des umfassenderen Programms „Jahrzehnt der Familie“, einer von Präsident Recep Tayyip Erdoğan eingeführten Initiative mit dem erklärten Ziel, Kinder, die Familieneinheit und die soziale Ordnung zu schützen.
- Verdächtige
- 162 Einheiten
- Geschäftslokale
- 13 Einheiten
- Vereinigungen
- 9 Einheiten
Razzien, Beschlagnahmungen und widersprüchliche Festnahme-Zahlen
In Istanbul durchsuchten Polizeieinheiten mehrere Geschäftslokale, darunter Schwulenbars und einen Nachtclub, der als Treffpunkt der LGBTQ+-Community bekannt ist, wie aus Aufnahmen regierungsnaher Medien hervorging. Die Einsatzkräfte durchsuchten auch ein Männerbadhaus, das laut Behörden als Treffpunkt für Prostitution gedient haben soll. Die Oberstaatsanwaltschaft Istanbul bestätigte, dass bei Durchsuchungen von Lokalen in der Stadt 26 Personen festgenommen wurden; dabei beschlagnahmten die Beamten Betäubungsmittel, digitale Geräte, unversteuerten Alkohol und eine Schusswaffe.
Weitere 21 Personen wurden im Zusammenhang mit einer Untersuchung gegen die Interessenorganisation Kaos GL festgenommen, womit die offizielle Zahl auf 47 Festnahmen in 12 Provinzen stieg. Die Organisation Kaos GL veröffentlichte eine eigene Erklärung, wonach 50 Aktivist*innen festgenommen wurden, darunter mehr als 10 Personen, die bei frühmorgendlichen Durchsuchungen ihrer Privatwohnungen in Gewahrsam genommen wurden.
- Behörden beantragen Suspendierung von X-Konten von Kaos GL und rund 15 weiteren Gruppen
- Polizei und Gendarmerie führen koordinierte Razzien in bis zu 15 Provinzen durch
- Justizminister Akın Gürlek kündigt rechtliche Schritte gegen 162 Verdächtige und 22 Organisationen an
Digitale Beschränkungen und Zivilgesellschaft ins Visier genommen
Parallel zu den physischen Durchsuchungen ergriffen die türkischen Behörden Maßnahmen gegen die digitale Infrastruktur der LGBTQ+-Community und die Organisationszentralen. Die Polizei betrat und durchsuchte die Hauptgeschäftsstelle von Kaos GL. Die Behörden erhoben formelle Vorwürfe gegen die Gruppe, wonach sie angeblich anstößige Inhalte veröffentlicht habe, die Minderjährigen zugänglich seien, und gegen Gesetze zur öffentlichen Sittlichkeit verstoßen habe.
Der operativen Maßnahme gingen am Samstag, den 12. September 2026, digitale Sperren voraus. Die türkische Telekommunikationsbehörde forderte die Suspendierung und Einschränkung von Konten auf der Social-Media-Plattform X an, die Kaos GL sowie rund 15 weitere LGBTQ+-Organisationen und einzelne Aktivist*innen gehörten. Der Zugang zu mehreren Organisationswebseiten wurde in der Türkei ebenfalls blockiert.
Rechtlicher Kontext und Reaktionen im Parlament
Homosexuelle Beziehungen sind nach türkischem Strafrecht keine Straftat, gleichgeschlechtliche Ehen werden jedoch rechtlich nicht anerkannt, und öffentliche LGBTQ+-Veranstaltungen, darunter die jährlichen Pride-Paraden, sind in den letzten Jahren systematisch polizeilichen Verboten und Festnahmen ausgesetzt. Präsident Recep Tayyip Erdoğan kritisiert die LGBTQ+-Community regelmäßig in öffentlichen Reden, bezeichnet ihre Mitglieder als Perverse und führt die sinkende Geburtenrate auf ihre Aktivitäten zurück. Menschenrechtsorganisationen in der Türkei argumentieren, dass die Regierung Kampagnen zum Schutz der Familie nutze, um bürgerliche Freiheiten zu unterdrücken.
Nach den Razzien verurteilte Özgül Saki, Abgeordnete der Großen Nationalversammlung der Türkei für Istanbul von der linken pro-kurdischen DEM-Partei, das Vorgehen der Regierung auf X.
Existenz kann nicht verboten oder verhindert werden. LGBTQ+-Rechte sind Menschenrechte!


