Selenskyj schlägt persönliches Treffen mit Putin in offenem Brief vor und bietet vollständige Waffenruhe während der Gespräche an
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj veröffentlichte einen offenen Brief an Wladimir Putin, in dem er ein persönliches Treffen in einem neutralen Land, eine umfassende Waffenruhe während der Verhandlungen und einen Gefangenenaustausch „alle gegen alle“ vorschlägt.
Der offene Brief
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wandte sich in einem offenen Brief, der auf seiner Website des Präsidialamtes und seinem X-Account veröffentlicht wurde, direkt an den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der Brief schlägt vor, ein konkretes Datum für ein persönliches Treffen festzulegen, und schlägt die Schweiz, die Türkei oder ein arabisches Land als neutrale Veranstaltungsorte vor. Selenskyj erklärte, die Ukraine sei bereit, während der Gespräche eine vollständige Waffenruhe einzuhalten und einen Gefangenenaustausch „alle gegen alle“ durchzuführen.
Ich schlage vor, wir legen ein konkretes Datum für ein Treffen fest.
Der Brief stellt den Krieg als Putins persönliche Entscheidung ohne wirklichen Grund dar. Selenskyj merkte an, dass Putin fast die Hälfte seiner 26 Jahre an der Macht damit verbracht habe, Krieg gegen die Ukraine zu führen, und bezog sich dabei sowohl auf die Annexion der Krim 2014 als auch auf die groß angelegte Invasion. Er schrieb, dass die Geschichte den Konflikt als einen Krieg ohne wirklichen Grund in Erinnerung behalten werde.
Militärischer und politischer Druck
Selenskyjs Brief lieferte eine schonungslose Einschätzung der militärischen Lage Russlands. Er behauptete, allein im Mai seien mehr als 30.000 russische Soldaten getötet oder schwer verwundet worden, davon 63 Prozent getötet. Der ukrainische Präsident betonte, dass die Ukraine den Krieg auf russisches Territorium gebracht habe und dass Russland auf nordkoreanische Hilfe angewiesen sei. Er nannte Putin den ersten russischen Herrscher, der gezwungen sei, Hilfe aus Pjöngjang zu suchen.
Sie sind der erste russische Führer, der sich hilfesuchend an Pjöngjang wenden musste.
Er behauptete auch, dass Russland nun vollständig von China abhängig sei, und bezeichnete dies als eine weitere Premiere in der russischen Geschichte. Der Brief warnte davor, dass ein anhaltender Krieg Putins eigene Machtposition gefährden könnte, und verwies auf ein Muster in der russischen Geschichte, wonach nationale Erschöpfung politischem Wandel vorausgeht.
Unmut in der russischen Bevölkerung
Selenskyj argumentierte, dass die einfachen Russen der Kriegsfolgen überdrüssig würden. Er listete ukrainische Drohnen- und Raketenangriffe, Treibstoffknappheit, ständige Preiserhöhungen und anhaltende Repressionen als Quellen öffentlicher Frustration auf. Der Brief bezog sich insbesondere auf ukrainische Langstreckendrohnen, die während des Wirtschaftsforums der Stadt in der Nähe von St. Petersburg einschlugen und dabei mehr als 1.000 Kilometer zurücklegten.
Heute sehen die absolute Mehrheit der Ukrainer positiv, dass unsere Langstreckendrohnen der Eröffnung Ihres Forums in St. Petersburg einen Besuch abgestattet haben.
Selenskyj deutete an, dass Putins Ressourcen sichtbar schwinden und die Belastung von 26 Jahren an der Macht ihren Tribut fordert. Er stellte das Angebot zu verhandeln nicht als Sorge um die Russen dar, sondern als Notwendigkeit, um die ukrainischen Verluste zu stoppen, die er im Verhältnis zu den russischen Opfern auf eins zu fünf oder eins zu sechs schätzte.
Putins Reaktion und Bedingungen
Bei einem Treffen mit Vertretern internationaler Nachrichtenagenturen in St. Petersburg ging Putin auf mehrere Themen im Zusammenhang mit dem Krieg ein. Er erklärte, Russland habe keine Einwände gegen eine assoziierte EU-Mitgliedschaft der Ukraine, ein Konzept, das Bundeskanzler Friedrich Merz ins Spiel gebracht hatte. Putin sagte, die wirtschaftliche Integration auf dem europäischen Kontinent gehe Moskau nichts an, warnte aber davor, dass sich die EU in einen Militärblock verwandeln könnte.
Das geht uns nichts an. Wir sind nicht dagegen.
Putin äußerte sich auch zur Hyperschallrakete Oreschnik und sagte, sie sei noch nicht im eigentlichen Sinne eingesetzt worden und Russland erwäge, ihren Einsatz gegen ukrainische Städte auszuweiten. Er räumte ein, dass die russische Luftverteidigung nach dem Drohnenangriff auf St. Petersburg verstärkt werden müsse. Am früheren Tag hatte Putin seine Forderung nach einer Kapitulation der Ukraine und der russischen Kontrolle über das Gebiet Donezk wiederholt.
Internationale Dimensionen
Selenskyjs Brief legte fest, dass europäische Länder und die Vereinigten Staaten in die Verhandlungen einbezogen werden sollten, da sie die von beiden Seiten gewünschten Sicherheitsgarantien bieten könnten. Der Vorschlag kommt im Rahmen einer breiteren diplomatischen Aktivität: Mehrere AfD-Politiker nahmen am Wirtschaftsforum in St. Petersburg teil und plädierten für ein Ende der westlichen Sanktionen und eine Wiederaufnahme der russischen Öl- und Gaslieferungen. Putin lobte die AfD, verwies auf ihren Umfragevorsprung vor der regierenden deutschen Union und erklärte, Russland werde mit denen zusammenarbeiten, die mit Moskau zusammenarbeiten wollten.
Gazprom ist dazu bereit.
Die Schweizer Hilfsorganisation Glückskette rief zudem zu Spenden für ukrainische Zivilisten auf und wies darauf hin, dass mehr als vier Jahre nach Kriegsbeginn Millionen Menschen immer noch keinen zuverlässigen Zugang zu Strom, Heizung und medizinischer Versorgung hätten.


