
Schweizer Parlament stimmt für Aufhebung des Atomausstiegs und löst Referendumskampf um Energiezukunft aus
Beide Kammern stimmten für die Aufhebung des Verbots von 2018, neue Reaktoren zu bauen, aber SP, Grüne und Umweltverbände sammeln bereits Unterschriften für eine nationale Abstimmung.
Die Abstimmung im Parlament
Am Donnerstag folgte der Nationalrat als Zweitkammer dem Ständerat und stimmte einem Regierungsvorschlag zur Aufhebung des Verbots neuer Kernkraftwerke zu. Die Schlussabstimmung in beiden Kammern war für Freitag angesetzt, nach einer dramatischen Wende: Am Montag hatte dieselbe Kammer die Vorlage mit 100 zu 97 Stimmen bei zwei Enthaltungen an die Regierung zurückgewiesen. Am Donnerstag kippte das Ergebnis auf 100 zu 98 zugunsten der Atomkraftbefürworter.
Die Atomkraftwerke sind nicht auf dem neuesten Stand! Die geopolitische Lage zeigt, wie problematisch neue Abhängigkeiten sind. Uran wird importiert, auch aus Ländern wie Russland.
Referendum so gut wie sicher
Die linksgerichteten Parteien und Umweltverbände kündigten umgehend ein Referendum an. Sie benötigen 50.000 Unterschriften, um eine Volksabstimmung zu erzwingen, und die Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone sagte, das Bündnis von 31 Organisationen sei zuversichtlich, diese Zahl zu erreichen. Die Abstimmung wird für Anfang 2027 erwartet, vor den nächsten eidgenössischen Wahlen.
Für uns Grüne wird dies die Abstimmung des Jahrzehnts sein.
Warum das Verbot aufgehoben wird
2017 genehmigten die Schweizer Stimmberechtigten ein Energiegesetz, das neue Atomkraftwerke verbot; das Verbot trat 2018 in Kraft. Vier alternde Reaktoren sind noch in Betrieb; Beznau 1 und 2, einer davon ist der weltweit älteste laufende Reaktor, sollen 2032 und 2033 vom Netz gehen. Die Regierung argumentiert, dass die langsamen Fortschritte beim Ausbau von Solar- und Windenergie sowie die Sorgen um die Energieversorgungssicherheit nach Russlands Einmarsch in die Ukraine eine Atomkraft-Option notwendig machen. Energieminister Albert Rösti betonte, es gebe keine konkreten Projekte, die Entscheidung halte lediglich die Tür offen.
Kosten- und Investitionszweifel
Gegner verweisen auf enorme Kosten. Das Energieunternehmen Axpo schätzte in einem Szenario über 50 Milliarden Franken für zwei neue Reaktoren. Michael Frank, Direktor des Stromwirtschaftsverbands VSE, sagte dem SRF, ein neues Kraftwerk könne bis zu 13 Milliarden Franken kosten – eine Summe, die wohl staatliche Garantien und ausländische Investoren erfordern würde. Der WWF bezeichnete die Entscheidung als riskanten Fehler, der eine günstige, sichere und erneuerbare Energieversorgung untergrabe.
Für eine solche Summe wären Schweizer Pensionskassen und Kapitalgeber allein vermutlich überfordert. Man müsste große Banken und ausländische Investoren ins Boot holen.
Knapper Sieg umgeben von Druckvorwürfen
Der Vorsprung von einer Stimme ergab sich durch einen abwesenden Abgeordneten und drei Mitglieder, die die Seite wechselten. Die Grünen-Nationalrätin Sibel Arslan und andere warfen der rechtsgerichteten SVP vor, Daniel Sormanni, der der MCG-Partei angehört, aber in der SVP-Fraktion sitzt, unzulässig unter Druck gesetzt zu haben. Ein Video zeigte Fraktionschef Thomas Aeschi und mehrere führende SVP-Vertreter, die minutenlang auf dem Saal mit Sormanni sprachen. Danach änderte er seine frühere Enthaltung in eine Stimme gegen die Rückweisung der Vorlage.
Der Druck der SVP-Führung war zu groß.
Das ist verfassungswidrig und demokratiepolitisch äußerst problematisch.


