
Sechs Menschen bei Schüssen in Stader Jugendhilfeeinrichtung getötet; Sorgerechtsstreit als mutmaßliches Motiv
Ein 45-jähriger Mann erschoss sechs Angestellte eines Jugendamts und einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade, Niedersachsen, nach einem vereinbarten Gespräch über das Sorgerecht für seine kleine Tochter. Die Staatsanwaltschaft wertet den Fall als sechsfachen Mord.
Ein lang schwelender Sorgerechtskonflikt
Der Tatverdächtige, ein in Deutschland geborener 45-Jähriger türkischer Staatsangehörigkeit, war in einen Streit um die Betreuung seiner drei Monate alten Tochter verwickelt. Das Kind war gemeinsam mit seiner 34-jährigen Mutter durch Beschluss des Familiengerichts in Neustadt am Rübenberge in eine Mutter-Kind-Wohngruppe in Stade eingewiesen worden. Das Gericht hatte den Eltern zudem das Recht zur medizinischen Behandlung entzogen.
Anfang des Jahres wurde bei dem Baby in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ein Schütteltrauma diagnostiziert. Am 22. April wurde der Vater gegenüber den behandelnden Ärzten aggressiv und bedrohte sie verbal, was ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Hannover auslöste. Eine von ihm am 5. Mai versendete E-Mail erreichte nicht die rechtliche Schwelle einer Bedrohung, woraufhin dieser Teil des Verfahrens eingestellt wurde.
Der Angriff in der Einrichtung
Am Montag erschien der Mann zu einem vereinbarten Hilfeplangespräch in der Einrichtung. Da er als aggressiv galt, hatte das Jugendamt drei Mitarbeiter aus Hannover – zwei Frauen und einen Mann – entsandt, die gemeinsam mit drei örtlichen Mitarbeitern der Stader Einrichtung an dem Gespräch teilnahmen. Während des Gesprächs eröffnete der 45-Jährige mit einer Pistole das Feuer, die er am Berliner Bahnhof Zoo erworben hatte. Er besaß keine Waffenbesitzkarte.
Vier Frauen und ein Mann starben noch am Tatort; ein sechstes Opfer, ein Mann, erlag wenige Stunden später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Die Mutter und das Baby blieben unverletzt. Nach den Schüssen floh der Tatverdächtige in einem von einer 65-jährigen Frau gesteuerten Mercedes Coupé, die als Patentante des Kindes aus Bremen bezeichnet wurde. Er feuerte auf verfolgende Polizisten, bis seine Munition aufgebraucht war, und wurde daraufhin festgenommen.
- Tatverdächtiger bedroht Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover verbal wegen der Schütteltrauma-Diagnose seiner Tochter
- Tatverdächtiger sendet E-Mail an Ärzte; Behörden stufen sie als rechtlich nicht bedrohlich ein
- Während eines Hilfeplangesprächs in Stade erschießt der Tatverdächtige sechs Mitarbeiter der Jugendhilfe
- Gedenkgottesdienst in Hannover; Mordkommission setzt Ermittlungen fort
Opfer und ein erschüttertes Sicherheitsgefühl
Alle sechs Opfer waren Fachkräfte im Kinderschutz. Drei stammten vom Jugendamt der Region Hannover; die anderen drei arbeiteten in der Stader Einrichtung. Ihr Tod hat die Gemeinde erschüttert und in ganz Niedersachsen eine Welle der Trauer ausgelöst.
Bei einem Gedenkgottesdienst in Hannovers Marktkirche am Mittwoch sagte Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes, der Angriff habe einen Zufluchtsort in einen Tatort verwandelt.
Ein Ort des Schutzes wurde zum Tatort. Wenn die Beschützer gefährdet sind und die Helfer bedroht werden, ist etwas Grundlegendes erschüttert.
Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay sagte bei demselben Gottesdienst, das Land stehe unter Schock.
Menschen, die anderen helfen wollten, wurden ermordet. Wir können die Frage nach dem Warum nicht beantworten. Trotz des Schmerzes und der Fassungslosigkeit müssen wir zusammenstehen und dürfen den Hass nicht ausbrechen lassen.
Ermittlungen und rechtliche Schritte
Eine Sonderkommission Mord hat die Ermittlungen übernommen. Die Staatsanwaltschaft Stade wertet die Tötungen als sechsfachen Mord und beruft sich auf die Merkmale der Heimtücke und niedrigen Beweggründe. Der Tatverdächtige befindet sich in Untersuchungshaft.
Der Sorgerechtsstreit selbst ist weiterhin beim Oberlandesgericht Celle anhängig, wo beide Eltern gegen die Eilentscheidung des Amtsgerichts Beschwerde eingelegt hatten. Das Gericht wird nun vor dem Hintergrund der Tötungen über das Sorgerecht entscheiden.
Eine Sprecherin des Niedersächsischen Sozialministeriums, Lea Karrasch, merkte an, dass es Routine sei, solche Hilfeplangespräche in der Einrichtung selbst abzuhalten und nicht auf einer Polizeiwache oder vor Gericht. Die Polizei werde gelegentlich hinzugezogen, wenn eine Bedrohung zu erwarten sei, dies sei hier jedoch nicht geschehen. Karrasch sagte, es müsse nun eine Diskussion darüber geben, ob zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen für Jugendamtsmitarbeiter erforderlich seien.
Wenn das Jugendamt von Drohungen weiß, wird das selbstverständlich berücksichtigt. Ob darüber hinaus weitere Regelungen zu Sicherheitsvorkehrungen notwendig sind, wird sicherlich zu diskutieren sein.
Die möglichen Komplizen des Tatverdächtigen – die Mutter des Kindes und die Fahrerin – bleiben Gegenstand der Ermittlungen. Die Polizei sammelt weiterhin Zeugenfotos und -videos, und es wurde eine Hotline für Hinweise eingerichtet.
Eine umfassendere Aufarbeitung
Die ehemalige Bundesfamilienministerin Anne Spiegel, heute Sozialdezernentin der Region Hannover, nahm sichtlich bewegt am Gedenkgottesdienst teil und wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen weg. Die Tat hat in Deutschland die Debatte über die Sicherheit von Sozialarbeitern neu entfacht, die in potenziell explosiven Familiensituationen arbeiten. Müller-Brandes sagte bei dem Gottesdienst, es sei zu früh für Erklärungen.
Heute ist zu früh für Erklärungen.
Das Kondolenzbuch und eine Kerzenecke in der Marktkirche sind weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich, und Hunderte hatten sich bereits am Vorabend in der Stader St.-Wilhadi-Kirche versammelt. Die Region Hannover zeigte sich "zutiefst erschüttert und fassungslos" über den Verlust ihrer Mitarbeiter, die fast 200 Kilometer nach Stade gereist waren und Ärger bei dem Gespräch erwartet hatten.


